19.10.2021

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24.06.00 Anmerkungen zur politischen Biographie des Verhaltensforschers (Teil I)

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 24. Juni 2000


Konrad Lorenz in Königsberg
Anmerkungen zur politischen Biographie des Verhaltensforschers (Teil I)
Von Christian Tilitzki

Norbert Bischof, ehemaliger Assistent von Konrad Lorenz, und Verfasser eines sehr kritischen "Psychogramms" des Verhaltensforschers, glaubte schon bald nach dem Tod des Nobelpreisträgers im Februar 1989 feststellen zu dürfen, daß es still geworden sei um den in den 60er und 70er Jahren so heftig umstrittenen "Vater der Graugans", der mit seinen zivilisationskritischen Thesen Scharen von "progressiven" Weltverbesserern gegen sich aufgebracht hatte. Doch in dem Maß, wie er als Kulturkritiker an Interesse einbüßte, hat Lorenz’ "braune Vergangenheit" seit Mitte der 80 Jahre gut inszenierter moralischer Entrüstung als Zielscheibe gedient.

Auf diesem Feld hagelte es Anschuldigungen. Angelsächsische Wissenschaftshistoriker wie Theodora J. Kalikow mühten sich, der "Naziterminologie" in Lorenz’ Aufsätzen nachzuspüren, die enge "Verbindung der Ethologie mit Naziideologie und Rassenpolitik" (Kalikow) aufzuzeigen und auch das persönliche Engagement des NSDAP-Mitgliedes Lorenz als Beleg für die Wahlverwandtschaft zwischen völkischer Ideologie und ethologisch fundierter Zivilisationskritik zu werten. Deutsche Verstärker angelsächsischer Kritiker wie Ute Deichmann haben dann Lorenz’ Studien aus den Jahren 1938 bis 1943 als Legitimierung des "bevölkerungspolitischen Ausmerzungskonzepts" der Nationalsozialisten gelesen, daß praktisch zu "Euthanasie" und "Endlösung" geführt habe. Deichmann glaubt dann auch Lorenz’ "Verstrickung" in die Umsetzung der Rassenideologie hinreichend dargelegt zu haben, als sie aus den Akten die Beteiligung des Königsberger Ordinarius an psychologischen Untersuchungen in Posen zu Tage förderte, die von Gauleiter Greisers "Reichsstiftung für deutsche Ostforschung" finanziert wurden. Michael Wieck schließlich spitzte in seinen vielgelesenen Erinnerungen eines Königsberger "Geltungsjuden" die Anklagen auf eine Art moralisches Todesurteil zu: Lorenz habe in Aufsätzen zu Taten angestiftet, denen auch Juden jener Stadt zum Opfer fielen, an deren Universität er lehrte und deren Synagogenruine ihn in "symbolischer Eindringlichkeit" vor den Folgen seiner vermeintlich wissenschaftlichen Thesen hätte warnen müssen. Solche massiven Vorwürfe parierten Lorenz’ Anhänger bislang nur mit dem Hinweis, daß die "Schuld" des "politisch naiven" Verhaltensforschers unbestreitbar sei, er sich zu seinem "Irrtum" aber nach 1945 offen bekannt habe.

Einig sind sich Kritiker wie Verteidiger jedoch darin, daß der kurzen Lehr- und Forschertätigkeit in Königsberg vom Herbst 1940 bis zum Winter 1941/42 eine eminente Bedeutung in Lorenz’ politischer und wissenschaftlicher Biographie zukommt: In dieser Zeit habe er im Schatten Kants das Kernstück seiner Verhaltenslehre formuliert, die "evolutionäre Erkenntnistheorie", die die Denkleistung des Menschen nicht mehr wie der "Königsberger Weltweise" einer autonomen Vernunft zuschreibt, sondern sie stammesgeschichtlich-biologisch als Resultat einer unendlich langen Auseinandersetzung höherer Lebewesen mit ihrer Umwelt erklärt. Und wenn diese Theorie von einigen NS-Kritikern auch als materialistisch und naturalistisch denunziert wurde, so ist doch nicht zu übersehen, daß in Königsberg zugleich Texte entstanden, die mit den weltanschaulichen Grundlagen der NS-Rassenpolitik übereinstimmten.

Angesichts des Stellenwerts von Lorenz’ Königsberger Periode ist es um so erstaunlicher, daß sich nicht einmal seine unerbittlichsten Ankläger die Mühe machten, diesen Lebensabschnitt genauer zu erforschen. Um es gleich vorwegzunehmen: Material, das, gewertet aus der Perspektive eines nicht selten peinlich wirkenden, ahistorischen Moralismus, als "belastend" hätte präsentiert werden können, ist jedenfalls ausreichend vorhanden. Nicht nur weil der enge Rahmen dieses Presseartikels das verbietet, sollen diese bislang unbeachteten Quellen im folgenden fernab von wohlfeilen, dem Wissenschaftshistoriker schlecht zu Gesicht stehenden Schuldzuweisungen zum Sprechen gebracht werden.

Da wäre zunächst Lorenz’ Korrespondenz mit dem Berliner Zoologen Erwin Stresemann, die 1927 einsetzt und 1971 kurz vor dessen Tod endet. Ihr ist zu entnehmen, daß das in der damaligen wissenschaftlichen Welt Aufsehen erregende Königsberger Experiment, mit Lorenz einen Zoologen auf den vakanten Lehrstuhl für Humanpsychologie zu berufen, eine für die politische Einstellung des Ethologen recht aufschlußreiche Vorgeschichte hat. Das Königsberger Modell wäre 1938, hätte es allein in Lorenz’ Macht gestanden, beinahe an der Universität Wien verwirklicht worden. In diesem Zusammenhang fallen einige markante, politisch verwertbare Aussagen, die Lorenz’ Kritiker als Bestätigung ihrer moralischen Verdikte geradezu begierig aufsaugen würden. Zu zitieren wäre hier die erste begeisterte Reaktion auf den "Anschluß" im März 1938: Lorenz berichtet Stresemann über die "Ausnahms- und Feststimmung", die "selbst so unpolitische Menschen wie wir sind" erfaßt habe, denn: "Man muß fünf Jahre lang unter der Regierung der schwarzen Schweinehunde gestanden haben, um ein "Deutschland erwache" in seinem Inneren mit der vollen Intensität zu erleben. Ich glaube, wir Österreicher sind die aufrichtigsten und überzeugtesten Nationalsozialisten überhaupt: Man muß im Grunde genommen den Herren Schuschnigg und Konsorten dankbar sein, denn ohne ihre unbeabsichtigte Hilfe wären die faulen und ihrem Nationalcharakter nach besonders meckerbereiten Österreicher lange nicht so schnell, gründlich und nachhaltig zu Hitler bekehrt worden. Und das sind sie jetzt wirklich und zweifellos!" (Fortsetzung folgt)