28.10.2021

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24.06.00 An der Seite der Vertriebenen

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 24. Juni 2000


An der Seite der Vertriebenen
Von FRANS du BUY

Die Verleihung des Kulturpreises für Wissenschaft der Landsmannschaft Ostpreußen ist für mich ein zutiefst bewegendes Ereignis in meinem Leben. Ich betrachte die mir zugedachte Auszeichnung als eine große Ehre.

Mir ist dieser Preis, wie ich der Laudatio entnehmen durfte, als Anerkennung für mein langjähriges Eintreten für die Rechte der deutschen Heimatvertriebenen zuerkannt worden. Die Ehrung, die mir heute zuteil geworden ist, bewegt mich deswegen so sehr, weil ich mich den deutschen Heimatvertriebenen ihres Schicksals wegen, das sie seit 1945 erleiden mußten, innig verbunden fühle. Das ganze 20. Jahrhundert hindurch ist der deutschen Nation in ihrer Gesamtheit, den deutschen Heimatvertriebenen im besonderen, großes Unrecht zugefügt worden.

Für mich ist es, sowohl als Mensch als auch als Jurist, eine Selbstverständlichkeit, denjenigen an die Seite zu treten, denen Unrecht widerfährt. Diese Einstellung verdanke ich mit meinen Eltern, die ihre Kinder, in der Zeit, in der die Niederlande von der deutschen Wehrmacht besetzt worden waren, und in den Jahren danach, nicht in deutschfeindlicher Gesinnung erzogen haben. Ich bin jedoch nicht in der Lage, mich allen Elends in der Welt anzunehmen. Ich muß mich auf Grund der mir zur Verfügung stehenden bescheidenen Möglichkeiten auf ein Gebiet beschränken, das ich in etwa überblicken und gezielt bearbeiten kann.

Vor nunmehr fast fünfzig Jahren, es war im Jahre 1952, erfuhr ich erstmals von der Tragödie, die sich in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges und in den ersten Jahren danach in den Ostgebieten des Deutschen Reiches, im Sudetenland und auch in den außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches gelegenen Siedlungsgebieten der Deutschen abgespielt hatte.

Seitdem hat mich diese Tragödie, die man in ihrem vollen Umfang nur kennenlernen kann, wenn man sich eingehend und immer wieder mit dem Schicksal der deutschen Nation in ihrer Gesamtheit und insbesondere mit dem Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen – beides betrachtet als eingebettet in die gesamteuropäische Geschichte – befaßt hat, nicht mehr losgelassen. Eine sudetendeutsche Frau hatte mir Anfang der siebziger Jahre am Ende eines langen Gespräches in einer kleinen Runde zum Abschluß gesagt: "Es ist ein Schicksal, Deutscher zu sein." Diese Worte hatten mich damals sehr nachdenklich gestimmt, sie klingen mir auch heute noch in den Ohren und kommen mir immer wieder in den Sinn, wenn ich mich mit deutschlandpolitischen Fragen auseinandersetze. Ich bin im Laufe der Jahre zu der Ansicht gelangt, daß die Feststellung dieser sudetendeutschen Frau ihre volle Berechtigung hat.

Es stimmt auch mich als Nicht-Deutscher traurig, mitansehen zu müssen, wie seit Jahrhunderten versucht wird – und leider mit Erfolg –, die deutsche Nation in ihrer Gesamtheit unten zu halten und daß die deutsche Nation von Mächten als Spielball betrachtet und ständig mißbraucht wird. Ich empfinde es als eine beschämende Tatsache, daß diese deutsche Nation besonders im 20. Jahrhundert von nahezu der ganzen übrigen Welt immer wieder angefeindet und mit zwei Weltkriegen überzogen worden ist. Damit soll nicht gesagt sein, daß nicht auch von deutscher Seite im 20. Jahrhundert gravierende politische Fehlentscheidungen getroffen worden sind. Die ganze Tragödie der beiden großen Kriege mit einer einseitigen Schuldzuweisung abzutun und dafür ausschließlich die deutsche Nation zur Verantwortung heranzuziehen entspricht jedoch nicht den historischen Tatsachen, ist aus rechtlicher Sicht ungerecht und unhaltbar und aus moralischer Sicht äußerst verwerflich.

Die beiden großen Kriege im ausgehenden Jahrhundert hätte es wahrscheinlich nicht gegeben, wenn die Politiker, die die Geschicke der ehemaligen europäischen Großmächte Europas lenkten, sich auf der einen Seite weniger von Angst für auf die Dauer nicht zu vermeidende Erneuerungen innerstaatlicher Verhältnisse und auf der anderen Seite weniger von Haß- und Neidgefühlen sowie von revanchistischen Gedanken, sondern sich mehr von staatsmännischer Weisheit hätten leiten lassen. Nach dem Ausscheiden aus seinem Amt ist mit Bismarck wohl der letzte kluge, umsichtige und weitblickende Politiker – der mit Recht zugleich den Namen Staatsmann verdient – von der Bühne der europäischen Politik abgetreten. Die Politiker, die seitdem die Regierungsgewalt in den jeweiligen Staaten in ihren Händen hielten, waren zum Teil unfähig, die Lasten, die ihnen aufgebürdet wurden, mit Durchblick in das politische Geschehen zu bewältigen, zum Teil aber waren sie auch nur von ehrgeizigen nationalistischen Überheblichkeitsgedanken und – insoweit es viele bundesdeutsche Politiker betrifft – von einer unterwürfigen Anbiederungsgesinnung fremden Politgewaltigen gegenüber beseelt. Alle diese leidigen Tatsachen sind schließlich nicht nur allen Völkern Europas zum Verhängnis geworden, sondern haben auch zu den chaotischen Verhältnissen geführt, wie wir sie jetzt an vielen Stellen in der ganzen Welt erleben müssen.

Daß Deutschland im Sinne des Deutschen Reiches mehr als fünfundfünfzig Jahre nach dem Kriege immer noch zerstückelt darniederliegt und unten gehalten wird, ist eine schlechte Sache, nicht nur für die Deutschen, sondern für alle Völker Europas. Fragen, die die völkerrechtliche Lage Deutschlands im Sinne des Deutschen Reiches sowie das Verhältnis der Bundesrepublik Deutschland zum Reiche betreffen, werden in der Öffentlichkeit nicht angesprochen, dürfen es wohl auch nicht. Um im Jahre 1990 zumindest den Zusammenschluß von West- und Mitteldeutschland herbeiführen zu können, wurde das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland manipuliert, ignoriert, auf Geheiß ausländischer Mächte Artikel umgeschrieben oder gar ganz gestrichen. Moral und Anstand, Ehre, Treue und Zuverlässigkeit – alles Tugenden, die besonders in Preußen einmal hoch im Ansehen standen – haben in der bundesdeutschen Politik kaum noch einen Stellenwert. Es ist beängstigend, daß kaum ein Politiker in Europa sich vergegenwärtigt, daß die zur Zeit bestehende faktische Lage in Mitteleuropa keine im Völkerrecht verankerte Rechtsgrundlage hat. Aus diesem Grunde ist die sogenannte deutsche Frage, bei der es sich in Wirklichkeit um eine seit Jahrhunderten bestehende europäische Problematik handelt, auch mit dem am 3. Oktober 1990 vollzogenen Zusammenschluß West- und Mitteldeutschlands nicht aus der Welt geschafft worden. Die politischen Ereignisse der Jahre 1989/90 haben nur dazu geführt, daß die Lösung dieser europäischen Problematik lediglich hinausgeschoben worden ist. Diese Problematik harrt bis zum heutigen Tage – und wie lange noch? – einer Lösung, die sich zum Wohle aller Völker Europas auf allgemein anerkannte Normen des Völkerrechts stützt.

Die deutschen Heimatvertriebenen haben erfahren müssen, daß sie, trotz ihrer großartigen "Charta der Deutschen Heimatvertriebenen" vom 5. August 1950, bis zum heutigen Tage weder bei den Vertreiberstaaten noch bei den übrigen europäischen Staaten Gehör für ihre gerechten Anliegen und berechtigten Forderungen gefunden haben. Wer mit allen erdenklichen, ausschließlich friedlichen Mitteln für seine ihm zustehenden Rechte eintritt, den offenen und ehrlichen Dialog mit der Gegenseite nicht scheut und ihm nicht aus dem Wege geht, hat einen Anspruch auf Unterstützung seiner Bestrebungen. Aus diesem Grund bekenne ich mich seit Jahrzehnten zu den Anliegen der deutschen Heimatvertriebenen. Ich habe mich bewußt an die Seite dieser Vertriebenen gestellt, um die Anerkennung und Durchsetzung ihrer Rechte zu erreichen: das Recht auf die Heimat, die Möglichkeit einer Rückkehr in die Heimat und eine angemessene Entschädigung für erlittenes Unrecht und die damit verbundenen Leiden.

Die Tatsache, daß mir heute hier in Leipzig, in Mitteldeutschland, in Ihrer Mitte der Kulturpreis für Wissenschaft der Landsmannschaft Ostpreußen verliehen wird, wird für mich Ansporn sein, weiter meinen – wenn auch nur sehr bescheidenen Beitrag zur Durchsetzung der Rechte der deutschen Heimatvertriebenen zu leisten. Infolge dieser Arbeit ist, der Thematik wegen, mein Berufsleben in meiner Heimat, in den Niederlanden, nicht immer auf Rosen gebettet gewesen. Ich hätte diese Arbeit aber nie tun können, wenn ich mich dabei alle Jahre hindurch nicht unterstützt gewußt hätte, sowohl von meiner verstorbenen Frau, einer Westdeutschen, der ich auch hier in Leipzig mit Wehmut und in Dankbarkeit gedenke, als auch von meiner jetzigen Frau, einer Königsbergerin, und der ich hier und heute inmitten so vieler Ostpreußen ausdrücklich noch einmal für ihre mir bei meiner Arbeit immer wieder gewährte Hilfe danken möchte.

Ostpreußen lebt! Die Landsmannschaft Ostpreußen hat für das diesjährige Deutschlandtreffen der Ostpreußen das Leitwort gewählt: "Ostpreußen für friedlichen Wandel." Das ist ein gut gewähltes Leitwort, denn es ist ein Bekenntnis zur Liebe und Treue zu der angestammten Heimat der Ostpreußen. Diese Liebe und diese Treue sollte einerseitis als ein sorgsam zu behütendes und zu pflegendes Erbgut bewahrt, andererseits als eine Verpflichtung zur Fortsetzung der Arbeit für Ostdeutschland und, allen Widrigkeiten zum Trotz, als eine Pflicht zum Durchhalten betrachtet werden.

Laßt uns alle, ein jeder auf seinem Gebiet und nach seinem Vermögen, daran arbeiten. Nur gemeinsam sind wir stark, und nur gemeinsam werden wir es schaffen!

Frans du Buy, 1931 in Boskoop (Niederlande) geboren, wurde mit dem Ostpreußischen Kulturpreis für Wissenschaft ausgezeichnet. Die Landsmannschaft Ostpreußen würdigte mit dem engagierten Niederländer dessen Einsatz für das Recht der Deutschen auf staatliche und territoriale Einheit. Wir veröffentlichen an dieser Stelle das Dankwort des Preisträgers.

 

Henning v. Löwis: Königsberg ist im Kommen

Es ist für mich eine große Freude und eine Ehre, mit dem Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen ausgezeichnet zu werden. Ganz herzlichen Dank! Daß mir ein solcher Preis eines Tages in Leipzig überreicht werden würde, das hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt. Und dabei bin ich immer ein Vertreter der Ideologie des real existierenden Optimismus gewesen. Ich habe nie daran geglaubt, daß eine Mauer Deutschland 100 Jahre teilen würde, daß Mitteldeutschland auf Dauer eine eingemauerte Republik bleiben würde.

Und mit den bescheidenen Mitteln, die einem Journalisten zur Verfügung stehen, bin ich viele Jahre lang vor allem im Deutschlandfunk dafür eingetreten, daß Mauer und Stacheldraht verschwinden. Ich habe das immer sehr deutlich gesagt – und nicht nur Beifall geerntet für die deutlichen Worte. Als die Mauer fiel, stand ich mit dem Mikrofon am Brandenburger Tor.

Und kurze Zeit später lernte ich eine Stadt kennen, in der es auch ein Brandenburger Tor gibt. Diese Stadt heißt Königsberg. Sie hat mich wie keine andere in ihren Bann gezogen, hat mich nicht mehr los gelassen. Ich gestehe, liebe Ostpreußen: Ich habe mich in Königsberg verliebt.

Seit zehn Jahren ist Königsberg Dreh- und Angelpunkt meiner "Radio-Aktivität". Ich berichte aus und über Königsberg mehr als von jedem anderen Ort auf dem Globus. Und manche meiner Kollegen meinen, es sei wohl langsam zuviel des Guten. Sie wissen, wenn Löwis kommt, ist Königsberg – ist Kaliningrad – nicht weit. Und in diesem Punkt haben sie recht.

So sehr ich mich über die Preisverleihung hier in Leipzig freue, um ehrlich zu sein: Noch mehr hätte ich mich gefreut, wenn ich die Auszeichnung in Königsberg hätte entgegennehmen können.

Aber vielleicht werden ja die nächsten Preisträger nicht an der Pleiße, sondern am Pregel geehrt. Ich bin da ausgesprochen optimistisch. Selbst wenn die Deutsche Bahn die direkte Zugverbindung zwischen Berlin und Königsberg eingestellt hat – wie ich hoffe nur vorübergehend –, so vermag das nichts an der Tatsache zu ändern, daß uns Königsberg täglich näher rückt.

Königsberg ist im Kommen. Kant ist längst wieder da, wo er hingehört: auf dem Paradeplatz vor der Universität. Schiller hat die Stadt nie verlassen. Und auch Scharnhorst und Gneisenau zeigen Flagge, das heißt ihre Köpfe, am Roßgärter Tor. An Mutter Ostpreußen, an Agnes Miegel, erinnert eine Gedenktafel. Und das Wichtigste: Der Königsberger Dom, der greise Ordensmann am Pregel, er ist auferstanden aus Ruinen. Russische Bauarbeiter haben ihn wieder aufgebaut. Daß der Dom heute fast in altem Glanz erstrahlt, das ist nicht zuletzt dem russischen Dombaumeister Igor Odinzow zu verdanken. Preußische Geschichte wird heute nicht mehr ausgeblendet und verborgen im russischen Königsberg. Man bekennt sich zu ihr und ist teilweise sogar stolz auf sie.

Der Wind hat sich gedreht am Pregel. Und er wird sich weiter drehen. Auch wenn das die politische Führung der Berliner Republik nicht wahrhaben will, wenn sie die Königsberg-Frage verdrängt – so wie das die Regierenden der Bonner Republik von Adenauer bis Kohl ohne Ausnahme getan haben.

Es hat fast zehn Jahre gedauert, bis ein Kanzler der Bundesrepublik Deutschland den baltischen Staaten einen offiziellen Besuch abstattet. Wann fährt ein Kanzler nach Königsberg? Ich bin sicher, er würde mit offenen Armen empfangen werden – von den Menschen ebenso wie von der politischen Führung der Oblast Kaliningrad.

Als künftige Insel im EU-Meer braucht Königsberg Partner und Freunde in Europa. Und der natürliche Partner ist Deutschland. Nicht zuletzt dank der Ostpreußen sind in den letzten zehn Jahren unendlich viele Brücken gebaut worden zwischen Deutschland und Königsberg, sind deutsch-russische Freundschaften entstanden. Volksdiplomatie hat sehr viel mehr bewegt als die offizielle Königsberg-Politik – wenn es sie denn überhaupt gibt.

Immerhin, meine sehr verehrten Damen und Herren, es gibt Signale der Hoffnung in puncto Königsberg – schaute doch Ex-Bundespräsident Herzog bei seinem Staatsbesuch in Litauen, wie die Nachrichtenagentur AP meldete, "von der Großen Düne der Kurischen Nehrung über die Ostsee in Richtung Königsberg". Allerdings, so AP: "Die Spitzen der einstigen Metropole Ostpreußens waren in der Ferne nicht zu erkennen." Schade, Roman Herzog wäre der erste Mensch gewesen, der von Nidden aus Königsberg gesehen hätte.

So weitsichtig ist kein deutscher Politiker – schon gar nicht in Sachen Königsberg.

Doch seit BMW in Königsberg Autos baut, liegt Kaliningrad offenbar nicht mehr ganz so weit hinter dem Horizont wie früher. Kein Geringerer als Bundespräsident Johannes Rau äußerte kürzlich, die Europäer müßten lernen, daß auch Warschau und Königsberg zu Europa gehörten. Und er sprach tatsächlich von Königsberg – und nicht von Kaliningrad.

Königsberg ist im Kommen. Königsberg hat Zukunft.

Auf absehbare Zeit – da sollten wir uns nichts vormachen – eine russische Zukunft. Doch Geschichte ist nach vorne hin offen, ist nicht einzumauern, nicht zu zementieren.

In Moskau hat man längst erkannt, welche Rolle Königsberg im neuen Europa spielen könnte. So sprach sich denn auch Präsident Putin dafür aus, Kaliningrad verstärkt zu einer Modellregion russisch-europäischer Zusammenarbeit auszubauen. Rußland ist begreiflicherweise wenig erbaut darüber, daß Nato-Truppen jetzt wenige Kilometer vor Kaliningrad stehen. Rußland wünscht sich keine neuen Mauern in Europa – und schon gar nicht eine Mauer um Königsberg.

Aus Kaliningrad kam der Vorschlag, eine besondere Vereinbarung über Visafreiheit zwischen Deutschland und Königsberg zu treffen. Eine Antwort aus Berlin steht bis heute aus.

In Moskau und in Kaliningrad hat heute niemand mehr Angst vor dem Gespenst einer vermeintlichen "Regermanisierung" Ostpreußens. Im Gegenteil, man würde mehr deutsches Engagement im Raum der östlichen Ostsee ausdrücklich begrüßen.

Die Tageszeitung "Iswestija" komentierte den Besuch des Bundeskanzlers im Baltikum denn auch mit den Worten: "Deutschland könnte möglicherweise das Baltikum jetzt von einem Zaun zu einer Brücke zwischen Rußland und Europa umwandeln."

Eine tragende Säule dieser Brücke könnte und müßte Königsberg sein.

Mögen deutsche Politiker Königsberg auch schon vor 50 Jahren abgeschrieben haben, mögen um "political correctness" bemühte Schriftsteller "Ostpreußen ade" gesagt und geschrieben haben, die Realität ist eine andere.

Königsberg ist im Kommen. 55 Jahre nach dem Fall der Festung Königsberg läßt sich die Königsberg-Frage nicht länger verdrängen. Das Schicksal von "Stalins Beuteprovinz" – so "Der Spiegel" – berührt nicht nur die unmittelbaren Nachbarn.

Als heruntergewirtschaftetes russisches Armenhaus an der Ostsee hat Königsberg keine Zukunft. Als weltoffenes Tor Rußlands nach Europa könnte Königsberg eine neue Blüte erleben, wenn die Weichen dafür entsprechend gestellt werden. Königsberg-Politik, die diesen Namen verdient, die nicht nur den Status quo – also die Misere – festschreibt, erfordert neues Denken. Nicht nur in Moskau, sondern vor allem in Berlin.

Deutschland sollte die Herausforderung annehmen. Dann könnte jene Vision Realität werden, die in einem Kaliningrader Reiseführer mit den folgenden Worten umrissen wird. Ich zitiere: "Es war einmal … Posaunenbläser stiegen Abend für Abend den Turm des Königsberger Schlosses empor, und von der Höhe des Schloßturmes erklang dann nach altem Brauch die Weise ,Nun ruhen alle Wälder‘. Die Menschen in den Straßen verhielten ihren Schritt, und selbst die großen Seedampfer auf dem Pregel fuhren, so schien es, ein wenig langsamer.

Laßt uns daran denken, daß diese unvergessene Weise wieder zu hören ist, daß die Stadt, in der wir leben, wieder eine reine, gemütliche, schöne, aufblühende Stadt ist.

Niemand und nichts kann aus dieser Welt spurlos verschwinden." – Und ich möchte hinzufügen: schon gar nicht Königsberg.

Henning v. Löwis, 1948 in Freiburg/Elbe geboren, wurde mit dem Kulturpreis für Publizistik ausgezeichnet. Der Rundfunk-Journalist erhielt den Preis für seinen Einsatz gegen die systematische Verdrängung Ostdeutschlands aus dem Bewußtsein der Deutschen. An dieser Stelle veröffentlichen wir seine Dankesworte.