28.10.2021

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24.06.00 Hauchzarte Luftgeister

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 24. Juni 2000


Hauchzarte Luftgeister
Von ESTHER KNORR-ANDERS

Zu den in freier Natur schwirrenden Luftgeistern zählen Elfen oder Alben, Sylphiden, Dryaden, Druden. Wie immer sie benamt werden, alle zeichnet eine Eigenschaft aus: Sie sind schön, von hauchzarter Gestalt, blass wie das Elfenbein der Elefanten-Stoßzähne. Meist von Schleiern umhüllt, manchmal auch ohne, doch stets mit Blüten im Haar tummeln sie sich über und unter den Wolken. Sie bevölkern die Wälder, Berge, sind in Klüften und an Flüssen daheim. Die Elbe ist ihr "Elfenstrom", die Raue Alb im Schwäbischen ihr Gebirge. Auch ausgehöhlte Steine besetzen sie, so genannte "Elfenmühlen", die schwedisch "alfquarnar", schottisch "elfmills" heißen. Ihre Lieblingstageszeit ist die Nacht, bevorzugt Vollmondnächte. Womit wir mitten in Shakespeares "Sommernachtstraum" wären: "Bei des Feuers matten Flimmern, Geister, Elfen stellt euch ein." Und sie kommen. Sie nennen sich "Spinnweb", "Bohnenblüte", "Motte", "Senfsamen". Das Elfenkönigspaar Oberon und Titania sind Gebieter des Waldes, in dem zwei Liebespaare und der mit Gesellen herumstreunende Handwerker Zettel in einen wüsten Traum verstrickt werden. Auch Titania fällt durch Zauber Oberons im Schlaf einem Erotikspektakel anheim: sie liebt Zettel, dem der Troll Puck einen Eselskopf verpaßte, eine Szene mit Sodomietendenz. Doch im Morgengrauen löst sich der Traumhorror. Puck beruhigt die Verstörten: "Ihr alle schier, habet nur geschlummert hier. Und geschaut in Nachtgesichten eures eigenen Hirnes Dichten."

In der Epoche der Romantik waren nicht wenige davon überzeugt: In aller Natur leben Naturgeister. Leider weisen diese nie geschauten Gesichter Wesenszüge des Menschen auf, sind gewaltätig, rachsüchtig, schmeichlerisch, treiben liebend gern Schabernack und sind exzessiven Eskapaden keineswegs abhold. Durch Meister Goethe wurden Erlkönigs Töchter weithin bekannt. "Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?" Nein, der Knabe will nicht, und den Vater graust es. Auf fahlem Roß jagen sie durch das nächtliche Gelände, verfolgt vom Nebelgeist Erlkönig und seinen bleicharmigen Begleiterinnen. Das Ende des Spukritts ist bekannt: "In Vaters Armen, das Kind war tot."

"Lur" bedeutet "Elfe", auch "Rauschen", und "lei" steht für Felsen. Die Lorelei ist die deutsche Circe. Wie ihre griechische Konkurrentin im fernen Äa ist sie zauberkundig, spielt die Leier und singt. Die Lorelei auf ihrem Felsenhochsitz am Rhein verwandelte zwar nicht – wie Circe – ihre männlichen Opfer in Schweine, ließ sie aber nicht lebend entkommen. Die Schiffer verrenkten sich die Hälse in der Hoffnung, die singende Goldmähnige auf dem Berg zu entdecken, kippten dabei aus dem Kahn und ertranken ausnahmslos in den Wasserstrudeln dieser noch heute heimtückischen Stromkurve unter der etwa 130 Meter hoch aufragenden Schieferwand.

Clemens von Brentano schuf 1802 die Ballade "Lore Lay", die in seinen Roman "Godwin" Eingang fand. Sein Geschöpf ist noch nicht männermordende, elfische Zauberin, sondern eine Liebeskranke, die den Sprung vom Felsen der Abgeschiedenheit des Klosterlebens vorzieht. Unzählige Varianten fand die Geschichte. Joseph von Eichendorff, Guillaume Apollinaire, Theodor Fontane ließen sich zu Dichtwerken hinreißen. Heinrich Heines "Loreley" von 1823, nun zielgerichtete, tödliche Verführerin, errang Unsterblichkeit. "Die Luft ist kühl und es dunkelt, und ruhig fließt der Rhein; der Gipfel des Berges funkelt im Abendsonnenschein. Die schönste Jungfrau sitzet dort oben wunderbar …" 1838 von Friedrich Silcher vertont, rührte Lorelei fortan das internationale Seelenleben. Maler wie Philipp von Foltz (1850), Eduard von Steinle (1864) trugen dazu bei. Die Frau auf der schrägen Klippe ließ den Betrachtern Wonneschauer bis in die Fußspitzen rieseln.

Die Baumnymphen, Dryaden, Druden sind ebenfalls elfischen Geschlechts. Ihr Dasein ist an die Lebensdauer des von ihnen bewohnten Baumes geknüpft; stirbt der Baum, stirbt mit ihm die Nymphe. Johann Karl August Musäus (1735 bis 1787) schilderte ein solches legendäres Geschehnis in seiner Erzählung "Libussa": Tief in Böhmens Wäldern wurden Bäume gefällt, um eine neue Siedlung zu schaffen. Der junge Knappe Krokus aus des Herzogs Gefolge lebte im Wald in der Nähe einer mächtigen Eiche. Eines Abends schimmerte im Gezweig eine grauhelle Gestalt. Sie sprach zu Krokus: "Ich bin keine Truggestalt, kein täuschender Schatten; ich bin die Elfe dieses Hains, die Bewohnerin der Eiche, unter deren dickbelaubten Ästen du oft gerastet hast." Sie bat ihn, die Eiche zu schützen, denn sie sei ihr Lebensbaum. Krokus verschlug es die Sprache, mehr noch, er ahnte, daß er diese fremdwesenhafte Frau ein Leben lang lieben würde.

Der Baum blieb vom Abholzen verschont, Krokus baute sich eine Hütte, alles was er tat, gedieh auf wundersame Weise. Es war die Dankesgabe der Nymphe. Im Zwielicht eines jeden Abends kam sie zu ihm. Sie verbanden sich, die Tochter Libussa, sagenhafte Gründerin von Prag, Ahnherrin der Dynastie der Premysliden, Herzogin von Böhmen, wurde geboren. – Bleiben wir bei Krokus, seiner Nymphe und ihrem Schicksalsbaum. Eines Tages braute sich ein Gewitter zusammen. Schwarze Wolken fegten über den Himmel. In der Mittagsstunde zersplitterte ein Blitz die Eiche. Krokus sah die Nymphe nie wieder …

Auch die Druden gelten als Baumsiedlerinnen. Sie nisteten im "Drudennest", in den Kugelballen der immergrünen Mistel hoch in Weiden, Fichten, Buchen. Gutes sagte ihnen der Volksglaube nicht nach. Hexisch sollten sie sein, als Nachtmahre den Menschen im Schlaf plagend, jederzeit bereit, Unfug zu treiben, Unfrieden zu stiften. In der "Drudennacht" zum 1. Mai (Walpurgisnacht) versammeln sie sich an Kreuzwegen und fallen von dort in Städte und Dörfer ein. Mit Getöse und Trubel, Feuerwerk versucht man sie abzuschrecken, weit verbreitetes altes Brauchtum. Von anderen nymphischen Wesen unterscheiden sie sich durch ein besonderes Erkennungsmal, den "Drudenfuß". Er ähnelt dem Gänse- oder Schwanenfuß. Als Pentagramm, ein Zeichen in Form eines Fünfecks, gewann der Drudenfuß, auch Drudenkreuz genannt, Bedeutung. Im Mittelalter befestigte man das Zauberzeichen zur Abwehr von Unheil an Häusern und Ställen. Kirchenfenster, zum Beispiel in Rouen, wurden mit dem Hemmzeichen versehen. Die Antike wiederum sah im Pentagramm das Sinnbild der Vollkommenheit; den Druiden, Priestern der keltischen Völker, war es heilig, den Geheimbünden späterer Zeiten, vornehmlich den Bauhütten-Vereinigungen, bedeutete es Symbol der Verschwiegenheit und Geheimniswahrung. Luftgeister – uralte Überlieferung bekundet, daß sie sterblich wie Menschen seien, nur währt ihre Lebensdauer ungleich länger. Irgendwann lösen sie sich aus ihrem Dasein, vergehen, einfach so. Diese Kunde muß uns genügen.