28.10.2021

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01.07.00 Kritik am "Institut für Zeitgeschichte"

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. Juli 2000


Sieger der Geschichte
Kritik am "Institut für Zeitgeschichte": Linke sehen ihre Meinungsführerschaft bedroht
Von Hans B. v. Sothen

Der Historiker Karlheinz Weißmann wußte kürzlich in der Zeitschrift "Gegengift" eine Anekdote zu berichten, die einem das Lachen im Halse steckenbleiben läßt. – "Vor einigen Jahren", so Weißmann, "besuchte mich ein amerikanischer Politikwissenschaftler, Professor an einer der kleineren Universitäten in den USA, um ein Interview zu führen. Das Thema war die ,Neue Rechte‘. Wir trafen uns in einem Café und sprachen längere Zeit miteinander. Nachdem mein Gegenüber mit seinen Fragen fertig war, senkte er plötzlich die Stimme und sagte in Verschwörerton: ,Ich war auch bei Professor Nolte in Berlin…‘. Unbekümmert entgegnete ich, daß das auch notwendig gewesen sei, wenn man sich ein Bild von der konservativen Intelligenz in Deutschland machen wolle. ,Sie verstehen nicht‘, fügte er hinzu: ,Ich war bei Professor Nolte, aber ich kann davon zu Hause niemandem erzählen‘. Auf mein überraschtes Gesicht reagierte er mit der Erklärung: ,Dort glauben alle, daß Nolte einen neuen Holocaust vorbereitet."

Wer geglaubt hat, daß es sich um eine der maßlosen Übertreibungen handelt, zu denen wir unsere amerikanischen Freunde bisweilen für fähig halten, wurde durch die Überschrift auf Seite eins der "International Herald Tribune" vom 22. Juni eines Besseren belehrt: "Deutschland verärgert über Historiker, der Verdienste im Nazismus sieht", heißt es da. Kritisiert wird vom Korrespondenten Roger Cohen vom "New York Times Service" die Verleihung des Konrad-Adenauer-Preises an den Historiker Ernst Nolte, aber auch die Tatsache, daß die Laudatio auf Nolte bei der Preisverleihung der Direktor des angesehenen Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), Horst Möller hielt.

Kritik übt in der "Herald Tribune" unter anderen Charles Meyer, Historiker an der Harvard Universität, an der auch David Jonah Goldhagen lehrt, daß Noltes These eine klare politische Aussage beinhalte. Diese solle die Auffassung populär machen, zwischen dem Nazismus und dem, was man sich in Deutschland den sowjetischen "Roten Holocaust" zu nennen angewöhnt habe, gebe es keinen grundsätzlichen Unterschied. Meyer: "Das ist im deutschen Zusammenhang verharmlosend. Es ist im übrigen wirklich skandalös." Und daß Nolte bereits wenige Tage nach der Preisverleihung auf einer Pariser Konferenz seine Thesen erneut habe vortragen können, lasse nichts Gutes ahnen.

"Überwältigend" sei die Kritik an der Rede von Horst Möller gewesen, so Cohen. Einmütig seien die negativen Reaktionen der Fachwelt und von seinen Kollegen im Münchner "Institut für Zeitgeschichte" in Leserbriefen gewesen, die allesamt gefordert hätten, Möller solle von seinem Amt als Institutsdirektor zurücktreten. So konnte man es auch in der "Süddeutschen Zeitung" oder im "Spiegel" nachlesen oder bei Heinrich-August Winkler in einem offenen Brief in der "Zeit".

Doch die Kollegen Möllers mochten sich nicht für die Aufrechterhaltung der politisch-historischen Korrektheit vor den Karren spannen lassen. Im Namen von 29 Mitarbeitern des IfZ wiesen sie die Autorin eines Artikels in der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) öffentlich darauf hin, daß zwar die Laudatio von Möller auf Nolte und auch Noltes Thesen selbst im Institut sehr kontrovers diskutiert worden seien. Man lege jedoch Wert auf die Feststellung, daß das Institut auch nach Möllers Amtsantritt im Jahre 1992 "kritische und öffentlichkeitswirksame Forschung betrieben" habe "und daß auch nach 1992 die Freiheit der Wissenschaft in jeder Hinsicht gewahrt worden" sei. Die leitenden Mitarbeiter halten allerdings die Autorin des SZ-Artikels, Elisabeth Bauschmid, offenbar für so voreingenommen, daß sie "gar nicht erst den Versuch unternehmen" wollten, diese davon zu überzeugen.

Die Mitarbeiter Möllers wähnen indes "einen anonymen informellen Mitarbeiter" des IfZ am Werke, der "das Ansehen des Instituts schädigen" wolle. Diese Informationen seien kritiklos von Frau Bauschmid übernommen worden, da sie offensichtlich in das von "wohlfeiler Selbstgefälligkeit" geprägte Weltbild von Frau Bauschmid und der SZ passen.

Da offensichtlich keine gegenwärtigen Mitarbeiter des Instituts zur Denunziation gegen Möller zu haben waren, stieß "Die Zeit" nach und fuhr ehemalige Mitarbeiter des Instituts auf, die sich "tief besorgt" zeigten "über den Ansehensverlust" des Hauses. Die Ausführungen der "Besorgten", unter ihnen der Berliner Faschismusforscher Wolfgang Benz, Hans Mommsen und Klaus-Dietmar Henke, bezeugen jedoch vor allem, daß man eher über den drohenden Verlust linker Meinungsführerschaft in der Geschichtsforschung besorgt zu sein scheint. Klaus-Dieter Henke etwa hatte selbst vor noch nicht allzu langer Zeit versucht, den ihm politisch suspekten Kollegen Eckard Jesse aus dem Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung zu mobben (Das Ostpreußenblatt berichtete).

Man kennt sich, man schätzt sich und man hilft sich, wenn es etwa darum geht, eine Kampagne wie diejenige von David Jonah Goldhagen zu inszenieren. Abgesprochen wurde das damals zwischen "Zeit", "New York Review of Books", der "Süddeutschen Zeitung" und der "New York Times", was bereits aus der Tatsache hervorging, daß der Artikel, mit dem "Die Zeit" zu diesem Zwecke die Goldhagen-Kampagne in Deutschland auslöste, einen Artikel aus der "New York Review" "zitierte", der dort merkwürdigerweise erst vierzehn Tage später erschien. Auch politisch hat sich dieses linksliberale Kampagnen-Kartell aus "Spiegel", "Süddeutscher Zeitung", "Frankfurter Rundschau", "Zeit" und dem Wiener Nachrichtenmagazin "Profil" einerseits und der "New York Times" und ihrem internationalen Sprachrohr, der "International Herald Tribune", der "Washington Post" sowie den Nachrichtenmagazinen "Time" und "Newsweek" andererseits, bewährt.

Um den Grund der derzeitigen Aufregung um Horst Möller und seiner Nolte-Laudatio zu verstehen, muß man sich vor Augen halten, welche überragende Funktion für die Deutung der jüngsten Geschichte das Münchner "Institut für Zeitgeschichte" (IfZ) hat. Der heutige Begriff "Zeitgeschichte" wurde praktisch durch dieses Institut "erfunden". Es war auf Anregung der Amerikaner gleich nach dem Krieg durch den bayerischen Ministerpräsidenten Ehard (SPD) zunächst als Institut zur Erforschung des Nationalsozialismus in Bayern gegründet worden. Bald kam auch die Bundesrepublik als Träger hinzu. Stets war das Institut seither Meinungsmacher in Sachen Zeitgeschichte in der Bundesrepublik. Es formulierte den historischen Grundkonsens dieser Republik.

Als also vor kurzem der polnische Historiker Bogdan Musial in den "Vierteljahresheften für Zeitgeschichte" des IfZ die Fälschungen der Anti-Wehrmachtsausstellung Reemtsmas nachwies (Heft 4/1999), war erst dies das Signal für die liberale bundesdeutsche Presse, sich ebenfalls mit einer Kritik an der Ausstellung hervorzutrauen. Nach dem Motto: "Wenn das IfZ das sagt, dann ist das offiziell abgesegnet, dann droht uns kein Faschismusvorwurf." Schon das war kein überwältigendes Zeugnis für die Zivilcourage der deutschen Historiker- und Journalistenzunft gewesen. Bezeichnend ist, daß es dazu erst des linken polnischen Historikers bedurfte. Und auch das war nicht unproblematisch gewesen, denn Musial bekannte später in einem Interview, fast alle seine deutschen Kollegen hätten ihm geraten, er solle sich mit einem anderen Thema beschäftigen und sich nicht an diesem Thema "die Finger verbrennen". Statt dessen habe das Reemtsma-Institut versucht, Musial mit fachlich abwegigen Klagen an den Rand des finanziellen Ruins zu treiben. Bis heute habe sich Reemtsma nicht dafür entschuldigt. Und es braucht nicht betont zu werden, daß kein Historiker-Kollege und kein Institut versucht hat, öffentlich bei Reemtsma zu protestieren oder Geld für Musial zu sammeln.

Nun scheint der linke Konsens also zu kippen. Das ist der eigentliche Grund für die Besorgnis der Herren Benz, Mommsen, Henke e tutti quanti. Und diese Furcht entlädt sich in der Forderung nach dem Rücktritt von Norbert Möller. Seinen Kampf um die Unabhängigkeit scheint er vorerst gewonnen zu haben. Vorerst. Denn man darf sich keinen Illusionen hingeben: das linke Netzwerk in Wissenschaft und Publizistik funktioniert noch allzu gut. Das mußte auch Eckard Jesse erfahren, der jetzt wohl aufgrund steigenden Drucks seiner "besorgten" Gegner aus dem Dresdner Hannah-Arendt-Institut fortgelobt wird.

Ähnliches muß zweifellos nun auch Norbert Möller befürchten. Dieser öffentlich erzeugte linke Druck hat seine Wirkung in der Vergangenheit nur allzu oft gezeigt. Wenn nicht in Form des Rücktritts als Institutsdirektor, dann doch wenigstens so, daß dieser so eingeschüchtert wird, daß er, um seine Stellung zu wahren, nicht mehr "unangenehm" auffallen darf. Letztlich würde das aber in seiner Wirkung auf das selbe hinauslaufen.

Die Qualität und das internationale Ansehen der deutschen Zeitgeschichtsforschung leidet seit Jahren unter dem Druck dieses Meinungskartells, das vor allem langweilige Konformität produziert und eigenwillige, nonkonforme Ansätze im Keim erstickt.

In der Vergangenheit konnte dieses linke Kartell immer wieder reklamieren, den "Sieg" bei solchen öffentlichen Auseinandersetzungen davongetragen zu haben. Zuletzt in dem von Jürgen Habermas 1985/86 gegen Ernst Nolte initiierten Historikerstreit. Wieder einmal freut man sich jetzt anläßlich der Laudatio von Möller über vergangene Siege und sieht sie gleichzeitig dadurch erneut bedroht. So der unvermeidliche Heinrich-August Winkler in der "Zeit". Daß dieser vermeintliche Sieg über Nolte mit weithin gefälschten Zitaten, insbesondere von Seiten Habermas’, errungen wurde, hat der Bremer Historiker Imanuel Geiss minutiös nachgewiesen. Geschadet hat dies außer dem angegriffenen Nolte selbst niemanden. Daß man sich immer noch darüber freut, daß von einem großen Historiker wie Ernst Nolte aufgrund einer beispiellosen internationalen Kampagne kein Hund mehr ein Stück Brot nimmt, muß menschlich beschämen. Daß man sich angesichts dieses betrüblichen Tatbestandes auch noch als Sieger einer intellektuellen Debatte fühlt und zu Recht fühlen kann, ist bezeichnend für die geistige Lage dieses Landes.