28.10.2021

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01.07.00 Anmerkungen zur politischen Biographie des Verhaltensforschers (Teil II)

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. Juli 2000


Konrad Lorenz in Königsberg
Anmerkungen zur politischen Biographie des Verhaltensforschers (Teil II)
Von Christian Tilitzki

Was für wissenschaftspolitische Konsequenzen sich aus diesem Umschwung für Lorenz ergaben, skizziert ein Schreiben vom 11. April 1938, das seine ersten "Säuberungs"-Maßnahmen berührt, die kurz nach dem "Anschluß" zahlreiche Entlassungen politisch mißliebiger Dozenten in Wien zeitigten. Lorenz nennt namentlich seinen Lehrer, den Psychologen Karl Bühler und dessen jüdische Ehefrau, die als Dozentin für Kinderpsychologie am Institut ihres Mannes lehrende Charlotte Bühler. Über die Hintergründe der Entlassung dieses Dozentenpaares stellt Lorenz Mutmaßungen an: Warum Bühler sogar verhaftet worden sei, bleibe unklar, sicher sei aber, daß er "bezüglich der Abstammung seiner volljüdischen Frau beschönigend gelogen hat, vielleicht hat er (auch) Devisen verschoben, er hatte Rockefellergelder. Außerdem war er … so intensiv rot und schwarz, je nach dem Zug der Zeit, daß das allein genügend Erklärung ist. Jedenfalls kommt er nicht wieder." Aus diesem Umstand leitete Lorenz dann für sich die große Chance ab, Bühlers Lehrstuhl selbst zu besetzen und ihn im Interesse der Tierpsychologie umzuwidmen. Dabei schwebte ihm, wie später in Königsberg, eine enge institutionelle Verbindung mit einem Humanwissenschaftler vor, in diesem Fall mit seinem Freund, dem Neurologen von Auersperg, der als Folge der "Säuberungen" gerade das, wie Lorenz schreibt, "zuvor jüdische Neurologische Institut" übernommen habe. Auersperg ergänzend, wollte Lorenz dann die bis dahin im Bühler-Institut dominante Humanpsychologie neu definieren: "Ich getraue mich augenblicklich, eine Vorlesung über vergleichende Psychologie im eigentlichen Sinne zu bauen, daß die menschliche Psychologie, vor allem die Sozialpsychologie des Menschen, die heute doch wirklich das Wichtigste in der Verhaltenslehre von Homo sapiens ist, absolut nicht zu kurz kommt. Vor allem aber wage ich zu behaupten, daß diese weltanschaulich willkommen sein wird, so willkommen, wie sie bisher unwillkommen war". Mit nicht geringem Selbstbewußtsein fügte Lorenz hinzu, daß er die Berufung und Verpflichtung in sich fühle, "Schule zu machen" und "ordnend ins Durcheinander" gerade der Psychologie "einzugreifen". Aus diesem Grunde solle die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ein "Doppelinstitut" fördern, in dem ein Psychiater und ein vergleichender Zoologe die traditionelle "Human-Psychologie totdrücken" und etwas Neues an ihre Stelle setzen würden: "Vor allem etwas wirklich "arteigenes" Deutsches, denn ich muß (im strengsten Vertrauen) sagen, daß die Humanpsychologie unter ihren heutigen deutschen Vertretern immer noch für die Kenner merklich von dem Gedankengut der jüdisch-daherredend und worteschwelgenden Judengrößen durchsetzt ist. Eine der wenigen Fälle, wo ich das Schädlingstum der Juden uneingeschränkt anerkenne. Es gibt raffsüchtige und unsoziale Arier genug, aber durch Wissenschaft zu Quatsch zu machen, das bringen wirklich nur jüdische Humanpsychologen zustande".

Das sind scheinbar eindeutige Aussagen. Doch über das Psychologen-Ehepaar Bühler besitzen wir schärfere, antijüdisch grundierte Urteile – von keinem Geringeren als von dem 1935 als "Volljuden" entlassenen Romanisten Victor Klemperer, der beide während ihrer Dresdner Zeit kennen-, aber nicht schützen lernte. Daß gerade Charlotte Bühler als "Charakter" Aversionen auslöste, die sich dann nicht nur bei Klemperer auch gegen ihr Judentum richteten, ist zudem vielfach sonst bezeugt. Lorenz hingegen neigt in seinen Darlegungen eher dazu, mit dem Kollektivsingular "Jude" vorsichtig umzugehen und die Negativa zu individualisieren. Will er doch das jüdische "Schädlingstum" nur in "wenigen Fällen uneingeschränkt" zugestehen. Daß er die geisteswissenschaftliche Orientierung der Psychologie auf die Dominanz der tatsächlich in dieser Disziplin in den 20er und 30er Jahren stark vertretenen jüdischen Forscher reduziert, hätte Lorenz selbst den Vorwurf einhandeln können, unter jüdischen Einfluß geraten zu sein. Denn jede Variante naturwissenschaftlich fundierter Psychologie, wie sie Lorenz hier projektierte, galt aus NS-Sicht als abstrakte, "typisch jüdische", mechanistisch-materialistische "Psychologie ohne Seele". Gerade das "völlig in Geist aufgelöste Studium der menschlichen Psychologie" wollte Lorenz aber radikal zu einem "Gebiet induktiver Naturforschung" machen, wie er Stresemann 1938 ankündigte.

Die Wiener Fakultät hatte jedoch nicht das geringste Interesse an solchen Plänen. Sie wollte einen der von Lorenz verachteten Vertreter der "Geist"-Psychologie zum Nachfolger Bühlers machen. Statt dessen erhielt sie, als Folge des Zusammenspiels zwischen dem in Königsberg habilitierten Heinrich Harmjanz, Rusts personalpolitischem "Weichensteller", und Friedrich Plattner, dem von der Albertina nach Wien zurückgekehrten "Säuberungskommissar" der "Ostmark", den Königsberger Philosophen und Soziologen Gunther Ipsen zugewiesen. Und Ipsen wiederum zog Ende 1939 Arnold Gehlen vom Pregel an die Donau, so daß sich gerade in Lorenz’ Heimatstadt jenes Personalkarussell zu drehen begann, das ihn letztlich auf den Königsberger Lehrstuhl Ipsens befördern sollte.

An der Albertina hatten 1939/40 verschiedene Kräfte an einem Strang gezogen, um die ungewöhnliche, in Wien 1938 nicht einmal erwogene Berufung eines Zoologen auf dem Psychologie-Lehrstuhl durchzusetzen. Gehlens Nachfolger, den sozialwissenschaftlich ausgebildeten Philosophen Eduard Baumgarten, beeinflußt vom US-amerikanischen Pragmatismus, schwebte vor, ein interdisziplinäres Zentrum aufzubauen, wo Geistes- und Naturwissenschaftler die Fundamente einer neuen philosophischen Anthropologie legen sollten. Sein Kollege, der Zoologe Otto Koehler und Baumgartens erklärter Wunschpartner, der Göttinger Physiologe Erich von Holst, waren der Ansicht, daß Lorenz der geeignete Mann für eine solche Kooperation sei. Wohl gegen den Widerstand von Teilen der Philosophischen Fakultät, aber mit Unterstützung des Ministeriums, des Königsberger Rektors von Grünberg und des Kurators Hoffmann, konnten Baumgarten und Koehler den Wiener Tierpsychologen im Herbst 1940 an die Albertina ziehen.

"Meine erste Entensendung ist schon ohne Verlust hier eingewöhnt, Haltungsbedingungen erstklassig, ich habe schon neue Mandarinenten gekauft, was doch sicher ein Symptom für Entenoptimismus ist ... Für Sondergehege und Züchtung steht mir der Garten des Zoologischen Instituts zur Verfügung ... Ich werde hier alle Gewässer, Schloßteich, Oberteich, Hammerteich und noch weitere öffentliche Anlagen, die nur dünn beschwant (Höcker) sind, allmählich mit Graugänsen überziehen." Aus den Weihnachtsferien in Altenberg Anfang Januar 1941 schreibt er Stresemann: "Meinen noch vorhandenen Enten geht es in Königsberg ausgezeichnet ... Die Zuchtbedingungen sind so gut, daß ich garantiert innerhalb weniger Jahre mehr habe als je zuvor. Ich nehme (Altenberger) Gänse in etwas über einer Woche nach Königsberg mit. ,Die Reise des kleinen Niels Holgersson mit den Wildgänsen’, individuelle Wünsche treten jetzt stark hinter kollektiven Sieg- und Friedenswünschen zurück!" Aus Königsberg heißt es dann am 30. Januar 1941: "... ich arbeite, seit ich hier bin, täglich bis in die tiefe Nacht unter ständiger kombinierter Pyramidon- und Coffeinwirkung ... und träume nachts von balzenden Erpeln."

(Fortsetzung folgt)