25.10.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
01.07.00 Das Historische Kalenderblatt: 4. Juli 1954

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. Juli 2000


Das Historische Kalenderblatt: 4. Juli 1954
Das Wunder von Bern
Mit dem Weltmeistertitel nahm Deutschland wieder einen würdigen Platz unter den Sportnationen ein
Von Philipp Hötensleben

Erinnerung an bessere Fußball-Zeiten: Mit einem 3:2 Sieg über die als Favoriten geltenden Ungarn wird die deutsche Nationalmannschaft im ausverkauften Berner Wankdorfstadion am 4. Juli 1954 überraschend Weltmeister. Der sportliche Erfolg stärkt das durch den verlorenen Krieg geschwächte Selbstbewußtsein der Westdeutschen.

Da sich nur wenige zu dieser Zeit einen teuren Fernsehapparat leisten können, bilden sich schon lange vor Spielbeginn überall in Deutschland große Menschenmengen, die sich an den Schaufenstern der Radio- und Fernsehgeschäfte in gespannter Erwartung die Nasen platt drücken. Auch die in den Gaststuben und den öffentlichen eingerichteten sogenannten Fernsehstuben aufgestellten Apparate sind dicht umlagert.

Ungeduldig erwarten Tausende im Stadion und Millionen in Deutschland den Spielbeginn. Eine ganze Nation fiebert mit ihren Helden, als endlich der Anpfiff ertönt. Für die Fußballexperten gelten die Ungarn, vor allem mit ihrem Ballzauberer und "Fußballgott" Ferenc Puskas, als eindeutige Favoriten. Der deutschen Truppe um Bundestrainer Josef ("Sepp") Herberger werden deshalb allenfalls Außenseiterchancen eingeräumt.

Für die sieggewohnten Ungarn scheint das Spiel zunächst auch völlig planmäßig zu verlaufen, als sie nach deutschen Schnitzern in der Abwehr nach nur neun Minuten erwartungsgemäß durch Tore von Puskas und Csibor mit 2:0 in Führung liegen. Keiner gibt zu diesem Zeitpunkt noch einen Pfifferling auf die deutsche Elf, zumal diese im Vorrundenspiel am 20. Juni gegen Ungarn bereits eine schmachvolle Niederlage hatte einstecken müssen. Die Sportwelt rätselt bis heute darüber, ob der gewiefte Taktiker Herberger bewußt, um einige Spieler zu schonen, im ersten Spiel gegen die Ungarn eine Ersatzmannschaft auflaufen ließ. Im Endspiel steht den Ungarn jedenfalls eine erstklassige Mannschaft gegenüber.

Überrascht und im Vorgefühl eines sicheren Sieges, müssen die Ungarn feststellen, daß diese deutsche Mannschaft nicht so leicht aufgibt, sondern kämpft. Die deutsche Elf schöpft wieder neue Hoffnung, als Max Morlock der Anschlußtreffer gelingt. Lohn des deutschen Anrennens gegen das ungarische Tor ist dann in der 18. Minute der deutsche Ausgleich durch den für Rot-Weiß Essen spielenden Helmut Rahn.

Ein solcher Gleichstand von 2:2 ist schon an sich eine Fußballsensation. Ungläubig berennen daraufhin die Ungarn immer wieder, von Puskas nach vorn getrieben, das deutsche von der Düsseldorfer Torwart-Legende Toni Turek glänzend bewachte Tor. "Toni, Toni, du bist Gold wert", hört man erleichtert den Reporter Herbert Zimmermann mit seiner berühmt gewordenen Rundfunkreportage aus dem schweizerischen Stadion, als Turek einen Ball von Puskas im letzten Moment gerade noch auf der Linie halten kann. Die Generaloffensive der Ungarn ist damit zunächst abgewehrt.

Mit vor Aufregung zitternder Stimme schildert der Reporter dann geradezu Unglaubliches: "Deutschland jetzt am linken Flügel. Schäfer flankt nach innen, Kopfball – Abgewehrt. Aus dem Hintergrund kommt Rahn; Rahn müßte schießen! Er schießt – Tor, Tor, Tor! Tor für Deutschland! Halten sie mich für verrückt, halten sie mich für übergeschnappt: Ich glaube, auch Fußball-Laien sollten ein Herz haben, sollten jetzt Daumen halten, viereinhalb Minuten Daumen halten in Wankdorf. 3:2 für Deutschland nach dem Linksschuß von Rahn. … Der Sekundenzeiger, er wandert so langsam. Wie gebannt starre ich hinüber … jetzt spielen die Deutschen auf Zeit … und die 45. Minute ist vollendet". Und mit bebender Stimme fährt er unter dem losbrechenden Jubel im Stadion fort: "Aus, aus, aus, aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!"

Nach ihrem Sieg fassen sich die deutschen Spieler an den Händen, und wenig später kann der Kaiserslauterer Spieler Fritz Walter die Weltmeisterschaftstrophäe aus den Händen des Präsidenten der Weltfußballorganisation FIFA, Jules Remit, entgegennehmen. Nach Erklingen der deutschen Nationalhymne tragen die deutschen Spieler "den Vater ihres Sieges", ihren Trainer Sepp Herberger, auf den Schultern vom Platz. Zurück bleiben die traurigen ungarischen Spieler, für die eine (Fußball-) Welt zusammengebrochen ist. Für sie bewahrheitet sich Herbergers markanter Spruch: "Fußball ist deshalb spannend, weil niemand weiß, wie das Spiel ausgeht." Der zweifache Torschütze Helmut Rahn und die anderen "Helden von Bern", wie sie fortan genannt werden, werden bei ihrer Rückkehr nach Deutschland überall herumgereicht und begeistert gefeiert.

Neben dem sportlichen Erfolg, den nur die geschlossene Mannschaftsleistung möglich gemacht hat, – "Elf Freunde müßt ihr sein" –, verkörpert für viele Deutsche dieser Sieg und der Weltmeistertitel auch einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Wiedererlangung der internationalen Anerkennung. Dies ist das Besondere an dem Datum des 4. Juli 1954, das auch trotz weiterer späterer sportlicher Erfolge, wie den erneuten Titelgewinnen im Jahre 1974 und 1990, das "Wunder von Bern" in der Erinnerung der Deutschen nicht vergessen läßt.