28.10.2021

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01.07.00 Freud und Leid dicht beieinander

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. Juli 2000


Deutschlandtreffen im Rückblick
Freud und Leid dicht beieinander
Von Ruth Geede

Das große Treffen der Ostpreußen und Freunde unserer Heimat in Leipzig ist vorbei und bereits Erinnerung. Aber es bleibt so vieles auch abseits der Großveranstaltungen haften, was man im Augenblick nur flüchtig wahrnehmen konnte: Fröhliches und weniger Heiteres, Begegnungen, deren Zeuge man im Vorbeigehen war, vertraute Laute, vertrautes Lachen. Zeit also für ein erstes Nachstoppeln auf einem abgeernteten Acker, dessen Früchte heimgetragen wurden.

Am Redaktionsstand hatte ich am Sonntag endlich etwas mehr Zeit für Wünsche, Fragen und Antworten aus dem Kreis der Ostpreußischen Familie. So mancher schwere Lebensweg wurde aufgefächert, froh, darüber einmal sprechen zu können. Und auch Tränen flossen, wenn die Erinnerung an die Heimat und an liebe Menschen, die nicht mehr unter uns weilen, überbordete. Solch ein Riesentreffen ist eben auch immer ein Ort der verpaßten Gelegenheiten bei den nicht abreißenden Menschenströmen und den für ältere und behinderte Teilnehmer nur mühsam zu bewältigenden Wegen. So konnte ich leider nicht Thea Madsen aus Kanada treffen, was ich – und auch sie – unbedingt wollte, und da blieb es eben bei einem hinterlassenen Gruß.

Doch mit anderen Familienmitgliedern von irgendwo aus der weiten Welt – aus Amerika, Australien, Italien, Belgien, aus der Schweiz und vor allem aus der Heimat – konnte ich plachandern. Das Ostpreußenblatt ist eben eine Weltzeitung, wie eine heute in den USA lebende Goldaperin erklärte, die leider nicht nach Leipzig kommen konnte – ihre Schwägerin aus New York hatte ihr einen Ausschnitt aus der dortigen deutschen Zeitung zugesandt, in der auf unser Deutschlandtreffen hingewiesen wurde – , aber sie wollte in Gedanken bei uns sein. Wie so viele Landsleute, die vor allem aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen konnten und Grüße übermittelten. Sie hätten sicherlich so gerne beim offenen Singen mit Professor Eike Funck mitgemacht. Fraglich nur, ob sie Platz bekommen hätten, denn auch dieser Bunte Abend war so knüppelvoll besucht wie alle Veranstaltungen. Eine kleine Panne am Rande, die wohl niemand bemerkt hatte: Der Schauspieler Herbert Tennigkeit wollte zwei Teilnehmer mit unserem Nationalgetränk, dem Bärenfang, beglücken. Pech, nirgendwo – auf diesem großen Ostpreußentreffen! – waren die Flaschen aufzutreiben, und so wurde eben Pillkaller als Ersatz genommen. Dafür wurde der "Meschkinnes" gemeinsam besungen in dem wunderschönen plattdeutschen Lied von Charlotte Keyser "Ach Voader, leewste Voader ...", das auch diejenigen tapfer mitsangen, die kein Platt konnten. Na, so lernt man es eben.

Es war überhaupt erstaunlich, wie die tausend Menschen im Saal mitgingen und auch da begeistert mitsangen, wenn sie dazu überhaupt nicht aufgefordert wurden. Wie bei den Melodien von Walter Kollo, dem Neidenburger, die soviel Leichtigkeit in diesen so glänzend von Eike Funck geleiteten Abend brachten. Gerade die älteren Zuhörerinnen blieben dabei nicht still, kamen doch die Erinnerungen an die Melodien ihrer früheren Jugend auf. Und so sangen sie mit Vergnügen Kollos unsterbliche Operettenschlager wie "Die Männer sind alle Verbrecher" mit, hier und dort mit einem verstohlenen Seitenblick auf den männlichen Begleiter. Doch die Herren wagten oder wollten keinen Protest, denn schließlich "... sind sie lieb aber doch!" Daß die alten Operettenmelodien so begeistert aufgenommen wurden, lag nicht zuletzt an dem hervorragenden Blechbläserquintett Leipzig und der jungen Sängerin Constanze Mansolf, die sich als großartige Kollo-Interpretin erwies.

Besonders langen – und verdienten – Beifall erhielten die Jungs und Marjellchen von der Kindertanzgruppe des Deutschen Vereins in Bartenstein. Und der wird ihnen noch lange in den Ohren klingen, wenn sie wieder in der Heimat sind. Eine Vorfreude konnten sie mit nach Hause nehmen: Sie werden bald alle die Ostpreußentracht tragen, denn die wird mit Hilfe der Landsmannschaft Ostpreußen realisiert. Wir können uns also schon auf das nächste Auftreten der Kindergruppe freuen, wenn sie in unserer Tracht erscheinen.

Natürlich gibt es auf solch einer Großveranstaltung auch unangenehme Begleiterscheinungen, die meisten kamen in Leipzig durch die Überfüllung der Veranstaltungsräume zustande. Die Empörung der vor der Türe bleibenden Teilnehmer ist verständlich, aber man braucht nicht gleich mit dem Stock zu schlagen – eine unserer so unermüdlichen Mitarbeiterinnen, die wirklich nichts dafür konnte, hat noch immer einen blauen Finger! Der Fleck auf der Seele wird länger bleiben ... Auch der Verlierer des Portemonnaies mit dem stattlichen Inhalt von 2000 DM, das gefunden und von den zwei Damen im Orga-Büro wie ein Schießhund bewacht wurde, hatte nur ein knappes "Dankeschön" übrig. Es wurde überhaupt viel Strandgut abgegeben, angefangen von Krücken bis zu Taschen, Jacken und Geldbörsen. In Halle 4 am Tisch der Labiauer wurde ein Fotoapparat gefunden. Der Besitzer kann sich bei Gertraut Heitger, Telefon 04 21/51 06 03, melden. Ganz zum Schluß wurde noch ein Kettchen abgegeben. Die Hallenleitung war nicht mehr zu erreichen, deshalb wurde es nach Hamburg mitgenommen. Es handelt sich um ein kleines Goldkettchen mit einem Anhänger, der wohl das Sternzeichen "Löwe" zeigt. Die Verliererin möchte sich doch bitte bei uns melden.

Am Tag, als der Regen kam – ja, und der kam zum Schluß des Treffens mit Donner und Blitz. Auf einmal waren die dünengelben Schirme mit dem Ostpreußenemblem gefragt, die es beim Vertrieb des Ostpreußenblattes in der Halle 2 gab. Die bereits verpackten Schirme mußten hervorgeholt werden, und so konnte doch noch mancher Gast trocken Bus oder Bahn erreichen. Alles ging an diesem Stand weg wie warme Semmeln: Luftballons, Plastiktüten – manche nahmen sie gleich bündelweise mit – und vor allem Kugelschreiber, von denen kein einziger mehr übrig blieb. Die großen Packen mit Freiexemplaren des Ostpreußenblattes mußten immer wieder nachgelegt werden, bis es fast keine Zeitung mehr gab. Besonders gefragt war die kürzlich erschienene Folge 13 zum 50jährigen Bestehen der Zeitung, sie war bald restlos vergriffen. Verständlich, daß sich vor allem die Teilnehmer, die Das Ostpreußenblatt noch nicht kannten, für die Geschichte unserer Zeitung interessierten. Wollen hoffen, daß es nicht nur ein kurzes Interesse war, denn wir alle freuen uns über jeden neuen Leser, der unserm Ostpreußenblatt zum weiteren Gedeihen verhilft. So, das wird nicht die letzte Nachlese sein. Viele Ereignisse, die sich in und aus den Leipziger Tagen ergaben, werden uns auch weiterhin beschäftigen. Denn solch ein großes Ostpreußentreffen schlägt Wellen, und die versickern nicht bei uns im Sande.