28.10.2021

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08.07.00 Die erschreckenden Perspektiven von Visionen

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. Juli 2000


Des Pudels Kern-Europa
Die erschreckenden Perspektiven von Visionen
Von R. G. Kerschhofer

Wer seine Alltagsprobleme nicht mehr bewältigt, der stürzt sich gerne auf unnötigen Kram oder flüchtet in Visionen. Genau diesen Eindruck vermitteln auch die Parade-Europäer: Nachdem eben erst ein Joschka Fischer mit seinem "Kern-Europa" daherkam, bereichert nun ein Jacques Chirac das Euro-Idiom um Dinge wie "Direktorium", "Pioniergruppe" und "Avantgarde".

"Denn eben, wo Begriffe fehlen ..." drängt sich da auf, und je weiter von des Pudels Kern man als Betrachter steht, umso mehr staunt man über das euphorische Echo deutscher Politiker! Gewiß, man darf einen Staatsgast nicht vergrämen, zumindest nicht als Deutscher und Zahler. Aber will die Bundesrepublik wirklich zum "gleichberechtigten" Anhängsel der Grande Nation werden, – eingelullt mit ein paar Bonbons, die bestenfalls Gummibärchen sind, wenn nicht überhaupt nur Sprechblasen für den französischen Wahlkampf? Man fühlt sich erinnert ans Deutschland jener Tage, als Kaiser Franz der Letzte – der letzte des Ersten Reiches – das Heil darin zu erblicken glaubte, seine Tochter Marie-Luise an einen Parvenu und Usurpator zu verkuppeln! (An einen, den man unter anderen Vorzeichen "Kriegsverbrecher" geheißen hätte.)

Jene "karolingischen" Ideen, die der EG Pate standen, sind spätestens durch Maastricht zur Abstrusität geworden. Geblieben ist der Wanderzirkus, doch während Karl der Große seine Kamarilla wenigstens immer mit sich schleppte, von Pfalz zu Pfalz, auf daß sie nicht allzu fett werde, residiert die heutige Bürokrateska in sicheren Tintenburgen und fliegt komfortabel von Gelage zu Gelage. Karolingischer Absud rumort allerdings auch in dem unausgegorenen Fischer-Chirac-Gebräu: Kein Wunder, muß man doch jetzt mit den Heiden im Osten fertig werden! Und mit störrischen Markgrafen an der Donau. Und demnächst am Po. Und am Belt ...

An einer EU-Erweiterung im klassischen Sinne kann Frankreich gar kein Interesse haben, denn dann würde es ja – als bisheriger Hauptprofiteur der Agrarsubventionen – mit den armen Stiefbrüdern teilen müssen! Ein Analytiker (Lothar Höbelt) hat bereits auf diesen Aspekt der EU-Sanktionen hingewiesen: Wenn es nämlich gelänge, die Österreicher so sehr zu schikanieren, daß sie sich zu einer Obstruktionspolitik hinreißen lassen, dann hätten ja sie den Schwarzen Peter, und selber stünde man gut da, besonders bei den alten Entente-Schützlingen! Die Wiener Regierung hat die Fallgrube wohl erkannt, – nur an Spree und Rhein scheint man nicht wahrhaben zu wollen, daß jeder Schlag, der den Sack Österreich trifft, dem (Pack-) Esel Deutschland gilt! Es ging und geht nämlich überhaupt nicht darum, daß sich ein gallischer Gockel über Jörg Haider ärgert!

Ob die "Finalität Europas" statt der "Vereinigten Staaten von Europa" ein "Vereintes Europa der Staaten" sein wird, bleibt Wortklauberei. Denn das Kleingedruckte lautet natürlich auch bei Chirac, daß die Nationalstaaten überholt sind – ausgenommen der eigene. Und da ist es völlig egal, ob letztlich eine "unklassische" Erweiterung kommt (mit Kern-, Halb- und Kaum-Europäern) oder eine Nicht-Erweiterung verbrämt mit einem Wildwuchs separater Abkommen: Rechte und Pflichten werden in jedem Fall höchst ungleichmäßig verteilt sein! Hauptsache, die Électricité de France kann östliche Kraftwerke schließen helfen (aus Umweltgründen natürlich), und die Leuna-bewährte ELF-Aquitaine wird sich schon ums Wohlwollen lokaler Woiwoden, Heiducken und Atamane kümmern.

Manche Beitrittskandidaten waren bereits durch die Causa Österreich wachgerüttelt. Doch spätestens jetzt ist allen klar, daß ihr innen- und außenpolitischer Spielraum unter der Wertegemeinheit von Kern-Europäern nicht größer sein wird als unter der Breschnjew-Doktrin, – und wer weiß schon, wofür die EU-Eingreiftruppe vorgesehen ist? Wenn aber ohnehin wieder nur Gesinnungsterror und brutale Machtpolitik herrschen, wenn man jederzeit willkürlich zum Aussätzigen gestempelt werden kann, wenn überall Allianzen und Sonderabsprachen wuchern und wenn sich vor lauter multilateraler "Bilateralität" keiner mehr auskennt, wenn also das des Pudels teuflischer Kern sein sollte, dann muß sich wohl in ganz Europa das Fußvolk fragen: Wofür eigentlich brauchen wir zusätzlich noch das Pfründenbabel in Brüssel und Straßburg?