25.10.2021

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08.07.00 Schröders schräger Kulturmann, die rückwirkende Löschung des Vertriebenenschicksals und eine deutsche Neurose

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. Juli 2000


Michael Naumann: Der Plattmacher
Schröders schräger Kulturmann, die rückwirkende Löschung des Vertriebenenschicksals und eine deutsche Neurose
Von THORSTEN HINZ

Es geht bloß um eine Kleinigkeit, nämlich um ein Viertel des alten deutschen Territoriums beziehungsweise das, was als "kulturelles Erbe" vom deutschen Osten übrig geblieben ist. Doch zuerst muß es um ein Amt und seinen Amtsträger gehen.

Bekanntlich hat Deutschland seit Ende 1998 einen Kulturstaatsminister, der im Wahlkampf von Gerhard Schröder als Grüßaugust oder Pausenclown lanciert wurde und als solcher das bildungsbürgerliche Segment der angepeilten "Neuen Mitte" beeindrucken sollte. Weitergehendes hatte sich der Wahlsieger auch nicht dabei gedacht, als er die neue Stelle im Kanzleramt plazierte. Denn Geld ist nicht zu verteilen, die Bundesländer hüten eifersüchtig ihre Kulturkompetenzen, und zu großen, durchaus notwendigen Strukturreformen fehlt der Mut. Was also sollte Michael Naumann tun?

Sein Versuch, in der Debatte um das Holocaust-Mahnmal "geistige Führung" zu demonstrieren, führte zu einem intellektuellen Desaster, das auch nicht dadurch geadelt wurde, daß der Bundestag es zum Gesetz erhob: Die Errichtung einer "Dokumentations- und Informationsstätte" neben dem Stelenfeld. Der Besucher wird sich also bald entscheiden können, ob er sich zuerst von dem Denkmal überwältigen läßt (denn auf Überwältigung durch schiere Größe läuft es bei seiner Ausdehnung hinaus) und sich hinterher im Museum den sachlichen Hintergrund für seine Erschütterung abholt, oder ob er zunächst ins Museum geht und das voraussehbare Bildungserlebnis danach ins Gefühlig-Sakrale transformieren läßt. So oder so läuft es auf die Verschmelzung von mythischem und wissenschaftlichem, museologisch-historiographischem Erzählen hinaus: Das Denkmal setzt einen unumstößlichen Fakt, der da heißt: "Das aus deutscher Hybris heraus begangene, größte Menschheitsverbrechen aller Zeiten", während die Museologen und Historiker, (anstatt diese quasi-mythische Setzung aufklärerisch zu hinterfragen und das furchtbare Kapitel der NS-Judenverfolgung dem Bereich wissenschaftlicher Betrachtung und sachlicher Analyse zu retten), die intellektuellen Argumente für diese dekretierte Empfindung herbeischaffen. So mündet die schöne neue Diskurswelt aus mündigen Demokraten wieder ins scholastische Mittelalter ein, und Schröders Vorzeigeintellektueller erweist sich als ein Mandarin der Mythologisierung einer historischen Katastrophe: Ein zweifelhafter Ruhm, den er sich obendrein mit der vulgären Lea Rosh teilen muß!

Bleibt zur politischen Profilierung Naumanns nur die Kulturförderung der Vertriebenen. Zur Erinnerung: Der Paragraph 96 des Bundesvertriebenenförderungsgesetzes verpflichtet Bund und Länder, "das Kulturgut der Vertreibungsgebiete in dem Bewußtsein der Vertriebenen und Flüchtlinge zu erhalten, Archive, Museen und Bibliotheken zu sichern, zu ergänzen und auszuwerten". Außerdem sollen Forschung und Wissenschaft gefördert werden, wofür bislang gerade 40 Millionen Mark im Jahr zur Verfügung standen. Das ermöglichte den Aufbau einer reichhaltigen Landschaft aus Museen, Forschungseinrichtungen und Archiven sowie einem wissenschaftlich-publizistischen Netzwerk. Bis 1998 waren die Förderungs- und Vergabekompetenzen dazu vor allem im Innenministerium konzentriert. Diese hat Naumanns Staatsministerium für sich zusammengeklaubt und zum Betätigungsfeld erkoren.

Die Folgen waren prompt spürbar: Das "Deutschland-Haus" in Berlin wurde Ende 1999 abgewickelt, der Ostdeutsche Kulturrat und die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Bonn erhalten seit Ende Juni kein staatliches Geld mehr. Über anderen Institutionen schwebt noch das Damoklesschwert.

Der Plan einer zentralen "Kulturstiftung östliches Europa", die unter der Aufsicht des Bundes steht, ist zwar vom Tisch, aber an der Einrichtung einer Zentralinstitution "Nordosteuropa", in der – ahistorisch – Pommern, Ost- und Westpreußen, die baltischen Staaten mit nicht näher erläuterten "Teilen Rußlands und der GUS-Staaten" unter ein Dach gesperrt werden, hält Naumann fest. Gewiß, nicht alle der ursprünglichen Schließungs- und Fusionspläne werden umgesetzt, denn selbst sozialdemokratische Landes- und Lokalpolitiker haben es nicht gern, wenn Berlin das Aus für öffentliche Einrichtungen anordnet, die ihrer Region zur Zierde gereichen.

Die Arbeitspapiere aus dem Hause Naumann zeigten vor allem eines: Die Verfasser hatten weder von den einzelnen Kulturregionen noch von der Verteilung der Flüchtlings- und Aussiedlerströme im Nachkriegsdeutschland die geringste Ahnung. Ihren Äußerungen war die große Unlust zu entnehmen, sich mit dem Thema überhaupt unvoreingenommen zu beschäftigen. Sonst hätten sie zunächst festgestellt, daß die Archive, Bücher, Museen, Zeitschriften, die über die ehemaligen deutschen Provinzen und Siedlungsgebiete informieren, ganz überwiegend der Initiative der Vertriebenen zu verdanken sind. Bund, Länder und Gemeinden haben Hilfestellungen und Zuschüsse gegeben, aber die Initiative lag bei den Vertriebenen selbst.

Naumann und sein Adlatus Knut Nevermann wissen offenbar nicht, daß die verfügbaren Lexika, Gesamtdarstellungen, Sammelbände in ihrer Mehrzahl aus den kritisierten Kulturinstitutionen kommen oder von ihnen angeregt wurden. Die Buchreihe "Ostdeutsche Städtebilder" des Ostdeutschen Kulturrates, aus der insbesondere der Band über Königsberg hervorragende Rezensionen in allen wichtigen Zeitungen erhielt, ist vorbildlich. Die – noch nicht abgeschlossenen – handlichen Studienbuchreihen der Kulturstiftung und des Kulturrates über die Vertreibungsgebiete waren die ersten ihrer Art. Sie sind wissenschaftlich seriös und können auch durch die opulente Reihe "Die Deutschen im Osten Europas" aus dem Siedler-Verlag nicht ersetzt werden, denn sie sind nicht nur preiswerter, sondern auch informativer.

Wissenschaftliche Tagungen unter internationaler, mittel- und osteuropäischer Beteiligung finden längst statt, verschiedene Periodika sind anerkannte Foren der grenzüberschreitenden Information und des wissenschaftlichen Austauschs.

Nun sind finanzielle Zuschüsse kein Naturgesesetz, sondern müssen jedes Jahr neu gerechtfertigt werden. Vieles in der Vertriebenenarbeit hat sich in der Tat überlebt oder ist kritikwürdig. Das Berliner Deutschland-Haus zum Beispiel, obwohl zentral gelegen, war im öffentlichen Bewußtsein der Hauptstadt so gut wie nicht vorhanden. Ob das an den knappen Zuschüssen oder am biologischen Schwund der Hauptzielgruppen lag, sei dahingestellt.

Hochbetagte Verbandsplatzhirsche blockierten die nötige Verjüngung, der Ostdeutsche Kulturrat und die Kulturstiftung der Vertriebenen, deren Tätigkeitsfelder – Öffentlichkeitsarbeit, Forschung, Preisverleihungen, Organisation von Tagungen – sich weitgehend überlagerten, brachten es nicht über sich zu fusionieren, obwohl der Zusammenschluß logisch und vom damaligen CDU-Innenminister Kanther dringend angemahnt worden war.

Bestimmte Straffungen sind also angesagt, sie ergeben aber nur einen Sinn, wenn die neuen Einrichtungen mit den bisherigen Strukturen der wissenschaftlichen, kulturellen und Archivarbeit verknüpfbar sind und auf ihnen aufbauen. Sonst können sich keine "Synergieeffekte" ergeben, im Gegenteil: Verflachung, Verarmung, Wissensverlust sind die Folge.

Der Schaden ist jetzt schon groß genug. Die rund dreißigtausend Bände umfassende Spezialbibliothek des Deutschland-Hauses, die zahlreiche Bücher enthielt, die man in keiner anderen Bibliothek Berlins findet, wurde einfach eingemottet und ist der Nutzung auf Jahre entzogen.

Dabei sind die bestehenden Aufgaben auf diesem Gebiet enorm, und neue kommen hinzu: Flächendeckende Regional- und Stadtgeschichten der alten deutschen Siedlungsgebiete, insbesondere über die letzten Jahre vor 1945, müssen endlich die Flut subjektiver Erinnerungs- und Heimatbücher wissenschaftlich ergänzen. Dazu sind die von den Vertriebenen angelegten Heimatkreisarchive zu sichern und zu erfassen; die Vertriebenenzeitungen mit ihren allwöchentlichen Erlebnisberichten müssen als geschichtliche Sekundärquellen ausgewertet werden; alte Stadt- und regionale Zeitungsarchive müssen fotokopiert und zwischen Deutschland sowie den anderen mittel- und osteuropäischen Ländern ausgetauscht werden.

Die Pläne aus dem Kanzleramt legen indes nahe, daß es nicht um die Verbesserung des Bestehenden geht, sondern um ideologische Schlachten von vorgestern. Sparen wird man durch die jüngsten Schließungen auf absehbare Zeit keinen Pfennig. Das wird sogar in einem Naumann-Papier von 1999 eingeräumt, wo von "erheblichen finanziellen Folgeverpflichtungen" über einen "längeren Zeitraum" die Rede ist, die sich aus notwendigen Sozialplänen, laufenden Mietverträgen und den Klagen entlassener Mitarbeiter ergeben. Es geht um politische Kontrolle, um die Neutralisierung eines Bereiches, der störend wirkt und verdächtig erscheint. Woher diese starken Ressentiments, wo doch die Vertriebenen politisch nicht mehr wirklich relevant sind?

Man spürt den entschiedenen Willen, die verlorenen deutschen Staats- und Siedlungsgebiete aus dem deutschen Kulturverband rückwirkend herauszulösen, sie zu internationalisieren, um damit ihren Verlust zu verkleinern. In diesem Zusammenhang war es zuletzt interessant nachzulesen, wie in Kommentaren und in Leserbriefspalten auch seriöser Blätter die Bitten um Zahlungen für sudetendeutsche Härtefälle aus dem deutsch-tschechischen Zukunftsfond behandelt wurden. Da war von der "verlogenen Stilisierung der Täter zu Opfern", von "historischer Blindheit", von der "Verhöhnung der wirklichen Leidtragenden", von "Provokation" usw. die Rede. Es ist unergiebig, auf das Gebräu aus Bosheit, aus Un- und Halbwissen einzugehen.

Wenn der Begriff der nationalen Haftungsgemeinschaft, der zuletzt in der Zwangsarbeiterdebatte strapaziert wurde, einen Sinn haben soll, dann erben die Heutigen nicht bloß die deutschen Untaten, sondern auch die deutschen Leiden. Deren Vergegenwärtigung bedeutet indes einen Schmerz, der um so stärker wirkt, als er durch keinen intellektuellen Hochmut und moralischen Selbstgenuß gemildert wird, wie er beim Insistieren auf "deutsche Täter" nur zu deutlich durchscheint. Die Verdrängung deutschen Leids ist eine verzweifelte Schmerzabwehr und zugleich eine unbewältigte Neurose! Um den Gedanken zu fassen, daß die Geschichte der Großeltern-Generation in weiten Teilen ebenfalls eine Passionsgeschichte ist, fehlt in Deutschland offenkundig noch die moralische und geistige Kraft.

Diese Schwäche erklärt die Fokussierung auf den deutschen Täter-Status, seine Mythisierung in Stein, den Relativierungs-Vorwurf gegen alle Versuche, eigenes Leid zu benennen, den anhaltenden Selbstflagellantismus. Der bohrende Schmerz, der im Unterbewußtsein ruht und gelegentlich geweckt wird, soll dadurch umgehend wieder unterdrückt werden. Deutsche Leiden und Verluste werden deshalb als "nicht wirklich geschehen", als "nicht so schlimm" oder wenigstens "gerecht" und "verständlich" beschrieben. Es ist politisch, kulturell und psychologisch fatal, in moralischer Hinsicht höchst unappetitlich und wird keiner Opfergruppe gerecht, wenn das Trauma um die getöteten Juden oder die ausgebeuteten ausländischen Zwangsarbeiter herhalten soll, um andere Traumata zu verdrängen und sich die mit ihnen verbundenen Schmerzen zu ersparen – der Umkehrschluß gilt genauso!

Ideologische Konstrukte haben es an sich, durch die Konfrontation mit den Fakten in sich zusammenzufallen. Weil deutsches Leiden sich in qualvoller Anschaulichkeit in der Vertreibung manifestiert und diese immer wieder an die verkapselten Schmerzen rührt, ist sie suspekt, ein Dorn im Auge, soll sie aus dem Blickfeld geschafft werden. Der Verlust Ostpreußens und Pommerns ist eben nicht mehr so schlimm und schmerzhaft, wenn diese Provinzen schon immer nicht eigentlich deutsch, sondern von einem "bunten Völkergemisch" (so der neue "Pommern"-Band aus der Reihe des Siedler-Verlags) bewohnt waren.

Um aus dem Gefängnis dieser Neurosen auszubrechen, bedarf es einer größeren Härte gegen sich selbst, als der Naumann-Geist ihn aufbringen kann.