28.10.2021

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08.07.00 Nach mehr als 17 Jahren Abschied von der "Kulturpolitische Korrespondenz" (KK)

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. Juli 2000


Jörg Bernhard Bilke zieht Bilanz: Der Reiz des Tabubruchs
Nach mehr als 17 Jahren Abschied von der "Kulturpolitische Korrespondenz" (KK)

Im Januar 1983 hatte ich im Alter von 45 Jahren meine Stelle als Chefredakteur der "Kulturpolitischen Korrespondenz" (KK) in Bonn angetreten. Mein Vorgänger bei diesem Pressedienst des Ostdeutschen Kulturrates, Dr. Gerhard von Glinski, der damals schon hauptamtlich für den "Rheinischen Merkur" tätig war, wies mich in meine Arbeit ein.

Was folgte, waren über 600 von mir gestaltete KK-Ausgaben und eine Tätigkeit, die bis zum Schluß eine Entdeckungsreise in unbekannte Gegenden geblieben ist: in die einstigen Ostprovinzen des Deutschen Reiches und in die deutschen Siedlungsgebiete zwischen Ostsee und Schwarzem Meer.

Was mich außerdem reizte, war das Flair des Verbotenen, des geradezu "Anrüchigen". Denn obwohl die Bundesregierungen, auch in den Jahren 1969-82, unsere Arbeit förderten, wurde sie in der kaum an Geschichte interessierten Öffentlichkeit nicht akzeptiert.

Man geriet, während sich nach dem Berliner Mauerbau 1961 eine auf "Ostdeutschland" orientierte DDR-Forschung entwickelte, zunehmend in Erklärungszwang, wo denn dieses Ostdeutschland liege, mit dem man sich tagtäglich beschäftigte. Kopfschüttelnd tauchte die Frage auf, was denn die Polen davon hielten, daß man ihre Westgrenze zu "deutschen Ostgebieten" deklarierte. Ob da nicht auf unserer Seite "revanchistische Tendenzen" wirksam würden?

Der Ausreden und Rechtfertigungen gab es viele, um sich nicht mit der Geschichte und Kultur jener Gebiete beschäftigen zu müssen, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Deutschland abgetrennt und deren Bewohner vertrieben worden waren. Auch das kommunistische Polen wehrte sich gegen ostdeutsche Kulturarbeit, die als Teil einer "revanchistischen Politik" betrachtet wurde.

Daß das auch in Polen die Position einer Minderheit war, wurde nach 1989/90 immer offensichtlicher. Polnische Wissenschaftler sind es, die sich für die Erforschung ostdeutscher Geschichte einsetzen und mit deutschen Historikern gemeinsame Tagungen veranstalten.

Die westdeutschen Apologeten eines vermeintlich polnischen Standpunkts haben ihre Meinung im Status quo von 1989 eingefroren. Das hinderte sie freilich nicht, nach dem Regierungswechsel von 1998 ministerieller Ehren teilhaftig zu werden und in einem administrativen Rundumschlag Strukturen zu zerstören, die in gut einem halben Jahrhundert gewachsen waren.

Es geht dabei keineswegs, wie man am 10. Juni in der "Stuttgarter Zeitung" lesen konnte, um "die Kultur der Vertriebenen", sondern um die Kultur aller Deutschen, von der ein Teil in Schlesien, Pommern, Ostpreußen etc. entstanden ist.

Man muß wissen, daß Joseph von Eichendorff aus Oberschlesien stammt, wenn man seine Gedichte liest. Die Aufklärungsphilosophie des Königsbergers Immanuel Kant ist kein ostpreußisches Hirngespinst, sondern europäisches Kulturgut. Der Widerstand des ostdeutschen Adels gegen den Nationalsozialismus ist kaum verständlich, ohne daß man die Geschichte Preußens und seiner Eliten kennt.

Wer wie ich mit Flüchtlingskindern aus Schlesien und Ostpreußen aufgewachsen ist, sieht die Dinge anders. Der hat schon 1945 Namen wie Breslau, Stettin, Danzig gehört und wußte damit historische Fakten zu verbinden. Daß mein aus dem Harz stammender Großvater Bernhard Bilke (1881-1934) mehrere Jahre lang im schlesischen Waldenburg gelebt hat und dort auch begraben liegt, kam hinzu.

Minister Naumann, der aus Köthen in Sachsen-Anhalt kommt, kann das alles nicht vorweisen. Die Flüchtlinge und Vertriebenen, die angeblich keine Versöhnungsbereitschaft zeigen, sind ihm fremd. Also nimmt er ihnen das, was ihnen als letztes verblieben ist, ihr kulturelles Selbstverständnis, ihre Geschichte. Solche Absichten freilich bestreitet er, wenn er alte Kulturlandschaften addiert wie Äpfel und Birnen. Oder aber er schiebt den von oben verordneten Sparzwang vor, wenn er Stellen streicht und Institute schließt.

Selbstherrlich verkündete der Bundeskulturbeauftragte Michael Naumann am 8. Februar in Berlin: "Das Schöne an unserer Regierung und meiner Behörde ist, daß wir in den ersten sechs Monaten alle Fehler aufgebraucht haben, die wir in vier Jahren hätten machen können. Ab jetzt machen wir alles richtig."

Dabei weiß er selbst, daß andere auslöffeln müssen, was er angerichtet hat. Im Jahr 2002 nämlich, so ließ er am 25. Juli 1999 gegenüber "Bild am Sonntag" wissen, werde er nicht mehr antreten, weil er dann wieder "Geld verdienen" müsse. Die 18 450 DM Ministergehalt sind ihm offensichtlich zu wenig.

Man täusche sich nicht: Diese neue Politik der Auslöschung deutscher Kulturlandschaften, die durch den Regionalegoismus einzelner Landsmannschaften noch erleichtert wird, ist erst der Anfang einer kulturellen Flurbereinigung, die ihre Wurzeln in der Studentenrevolte der Jahre 1968/69 hat. Geschichtslosigkeit ist Trumpf, zu diskutieren gibt es da nichts mehr: Roma locuta, causa finita!