25.10.2021

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08.07.00 Wer war der Mann, der scheinbar nur namenlosen Haß kannte?

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. Juli 2000


Ilja Ehrenburg: Dichter der Hölle
Wer war der Mann, der scheinbar nur namenlosen Haß kannte?
Von PETER STRÖMING

Kein anderer russischer Name – von Stalin abgesehen – löst bei den Deutschen der Kriegsgeneration einen vergleichbaren Schrecken aus wie der Ilja Ehrenburgs. Zeitzeugen und Geschichtsschreibung sind sich einig, daß seine Flugblätter und Artikel von der Sorte: "Töte! Die Deutschen sind keine Menschen!", die regelmäßig in der Parteizeitung "Prawda" (Wahrheit) und der Frontzeitung "Krasnaja Swesda" (Roter Stern) erschienen, die Exzesse der Roten Armee in Ostdeutschland wesentlich mit vorbereitet und ausgelöst haben. Der englische Moskau-Korrespondent Alexander Werth bescheinigte ihm "ein geradezu geniales Talent, den Haß gegen die Deutschen zu schüren".

Die Ausschreitungen der Rotarmisten waren, wie der Historiker Alfred de Zayas schreibt, nur zum Teil "ein Ausbruch der Rache für die Greuel, die SS und Einsatzgruppen in der Sowjetunion begangen hatten". Die Soldaten waren von Ehrenburg und anderen dazu präpariert worden.

Da erscheint es völlig unerheblich, ob Ehrenburg jenes berüchtigte Flugblatt vom Herbst 1944, das dazu aufrief, den "Rassehochmut der germanischen Frauen" zu brechen und sie als "rechtmäßige Beute" zu nehmen, tatsächlich verfaßt hat. Er hat die Urheberschaft stets bestritten, und das Original ist bis heute nicht aufgetaucht. Schließlich hat die Rote Armee sich, auch unter dem Einfluß seiner jahrelangen Propaganda, bei ihrem Vormarsch im Reich genau so verhalten, wie es die Hetzschrift forderte. Sie stellt in gewisser Weise einen Extrakt aus den vorangegangenen Pamphleten dar, so daß Ehrenburg zumindest in einem höheren Sinne ihr tatsächlicher Autor ist und bleibt.

Ehrenburg hat später selber Unbehagen über sein Wirken zu erkennen gegeben, und zwar nicht erst in der Autobiographie "Menschen, Jahre, Leben" (1960/65). Bertholt Brecht notierte am 25. Mai 1950 über ein Abendessen mit Ehrenburg und Anna Seghers: "aber dann erzählt ehrenburg (…), wie in ein deutsches dorf als leiter ein jüdischer sowjetoffizier gekommen sei, dessen ganze familie ausgerottet worden war. (ehrenburg) traf den offizier an, wie er den arm um ein kleines deutsches mädchen hatte, das elternlos aufgegriffen worden war. dies, und daß er sorge getragen habe, daß das kind zu bett gebracht wurde, fand (ehrenburg), wie er berichtete, noch nicht allzu besonders, jedoch habe er die tränen nicht zurückhalten können, als der offizier nach einer weile aufgesprungen sei und gefragt habe, ob man auch einen nachttopf für das kind beschafft habe."

Man muß kein Experte für Tiefenpsychologie sein, um zu sehen, daß Ehrenburg hier ein nachträgliches Wunschbild seiner selbst gezeichnet hatte. Seine Tränen galten der unüberbrückbaren Kluft zwischen dem Selbstideal auf der einen sowie der Wirklichkeit und seinem ramponierten Ruf auf der anderen Seite. Anna Seghers unternahm es 1961, Ehrenburg anläßlich seines 70. Geburtstages in diesem Sinne zu rehabilitieren: "Weil er im Innersten sanft und gut ist, Bücher, Bilder, Lieder und kleine Kinder liebt, haßt er, was das Junge und Schöne bedroht. (…) Er schrieb hart und scharf, so sehr er die Menschen liebte, weil er die Menschen liebte, damit die Barbarei ein Ende nehme". In ihrem Lobgesang schlug Anna Seghers, wie so oft, den Ton der Märchentante an, die überredet, statt zu analysieren. Zweitens zitiert sie einen Topos aus den chiliastischen Geschichtsdeutungen, welche die barbarische, apokalyptische Phase als notwendige Vorstufe des Guten und Schönen beschreiben. In dieser Perspektive werden noch die Henker zu den eigentlichen Opfern, weil sie sich uneigennützig als Werkzeuge jener blutigen Notwendigkeiten zur Verfügung stellen, durch die die Menschheit erlöst wird. Vor allem aber vermeidet Seghers, auf die konkreten Vorwürfe an Ehrenburg überhaupt einzugehen.

1962, in der Auseinandersetzung um die deutsche Ausgabe von Ehrenburgs Autobiographie, mokierte Marcel Reich-Ranicki sich über die "Heuchelei" und "Schamlosigkeit" der Debatte. "Es waren haßerfüllte Artikel", schrieb er mit Blick auf Ehrenburgs Fronttätigkeit. "Wen kann das wundern?" Seine rhetorische Frage ging freilich am Kern der Sache vorbei. Man kann einen Gegner hassen und, zumal im Krieg, töten.

Etwas anderes ist es, ihm seine menschlichen Attribute zu bestreiten. Genau das aber hatte Ehrenburg getan, was Ernst Nolte veranlaßte, seine Aufrufe als "eine Entsprechung zur biologischen Vernichtungsintention Hitlers" zu bezeichnen. Allerdings wird auch diese Einschätzung dem Denken und der Persönlichkeit Ehrenburgs kaum gerecht, denn ein ideologischer Weltbürgerkrieger war er gerade nicht.

Ehrenburg hatte zwischen 1908 und 1940 vorwiegend in Westeuropa gelebt, auch in Deutschland, wo er seine größten literarischen Erfolge errang. Viele seiner Bücher erschienen im legendären Malik-Verlag. Vor allem in Berlin fühlte er sich als Mensch unter Menschen: "In Berlin bin ich kein Exote, kein ,Kosak, der zufällig lesen kann und sogar Romane schreibt’, sondern ein Zeitgenosse, ein Mensch der gleichen Zeitheimat, der gleichen Generation, gezwungen, nach dem Großen Krieg zu leben. Das taten die Bücher, die soliden, gebundenen Bücher – sie hoben die Grenzen auf", notierte er 1927. Keine Spur also von Nationalismus, von Klassen- oder Rassenhaß. Ein Marxist im dogmatischen Sinne ist er ohnehin nicht gewesen, erst recht kein Stalinist. Als er Ende 1937 aus dem Spanienkrieg in die Sowjetunion reiste, entzog man ihm den Paß, lastete mehrere Monate lang der schwere Schatten des Terrors auf ihm und stand er Höllenängste aus. Illusionen über die Verheißungen des "Sowjetstaates" konnte er schwerlich haben.

Die Ausstellung "Ilja Ehrenburg und die Deutschen", die 1997 im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst stattfand, erklärte seine antideutschen Ausbrüche mit dem "totalen Zivilisationsbruch, dessen Zeuge er wurde". Natürlich ist es richtig, daß Ehrenburg entsetzt war über die Greuel an der Ostfront, zumal an den Juden. Die primitiven, gewalttätigen Ausformungen seines Hasses sind damit jedoch nicht erklärt. Dieser Haß hat etwas Selbstzerstörerisches, weil er seine vielfältigen Erfahrungen mit Deutschland und den Deutschen total negierte und auslöschte. Um ihn zu erhalten, muß man näher auf seine Biographie und sein Werk eingehen.

Geboren wurde Ilja Ehrenburg 1891 in Kiew als Sohn einer jüdischen Unternehmerfamilie, die bald nach Moskau übersiedelte. Hier war er früh auf Seiten der Bolschewiki politisch tätig, wurde aus dem Gymnasium geworfen und fünf Monate inhaftiert. Ende 1908 ging er ins Exil nach Paris, wo er als Bohemien lebte und erste schriftstellerische Versuche unternahm. 1917 eilte er ins revolutionäre Rußland zurück, das er aber 1921 wieder Richtung Westen verließ. Er blieb Sowjetbürger. In seiner Biographie finden sich all die Lebensstationen, die für linke Intellektuelle Osteuropas in dieser Zeit typisch sind: Der Bruch des Bürgersohnes mit seiner Herkunft, das Exil, eine in der jüdischen Herkunft wurzelnden Prädestination für den Sozialismus, der den Antisemitismus aufzuheben versprach. Seine baldige Rückkehr in den Westen zeigt zugleich, daß es dem Individualisten unmöglich war, sich in autoritäre Strukturen eines Staates oder einer ideologischen Bewegung einzufügen. Ein Grundthema seiner zahlreichen Bücher ist die Mechanisierung des Lebens, der ökonomische Zweckrationalismus. Auch Berlin war ihm letztlich zu "amerikanisch", weshalb er ihm Paris vorzog. Seine Bücher zeigen seine ungewöhnliche Fabulierkunst, die er jedoch kaum zu bändigen verstand. Erst nach der französischen Kapitulation 1940 kehrte er in die Sowjetunion zurück, zwangsweise und tief geschockt vom Hitler-Stalin-Pakt.

Wegen dieses Paktes konnte auch sein NS-kritisches Buch "Der Fall von Paris" (1940) zunächst nicht erscheinen. Doch am 24. April 1941 teilte Stalin ihm telefonisch mit, daß er die ersten beiden Teile des Manuskripts gelesen habe und auf die Fortsetzung schon gespannt sei. Als Ehrenburg ihm seine Schwierigkeiten mit der Zensur wegen des antifaschistischen Vokabulars erläuterte, tröstete ihn Stalin: "Schreiben Sie nur, wir beide werden den dritten Teil schon durchbringen." Ehrenburg verstand die Botschaft. "Es gibt bald Krieg", sagte er danach zu Frau und Tochter. Das war zwei Monate vor dem deutschen Angriff.

Wenn man sich die persönliche, politische und intellektuelle Entwicklung Ehrenburgs, seine unstete Existenz vergegenwärtigt, dann ist es unmöglich, die folgenden Sätze aus seinem Entwicklungsroman "Julio Jurenito" (1921) lediglich als Äußerung einer literarischen Figur abzutun: "(…) das Töten ist eine unangenehme Notwendigkeit. Eine sehr schmutzige Beschäftigung ohne Begeisterung und ohne Freude. (…) Ob man zum Wohle der Menschheit einen verrückten Greis oder zehn Millionen Menschen tötet, ist nur quantitativ verschieden. Aber töten muß man, sonst werden alle das dumme, sinnlose Leben fortsetzen" usw.

In diesen Sätzen mischt sich der mörderische Tonfall der Revolutionäre von Saint Just bis Lenin mit dem Erlösungspathos des elitären Expressionisten. Aus ihnen sprach auch der ganze abstrakte Fanatismus des heimatlosen Intellektuellen Ilja Ehrenburg. Mit dem Kriegsbeginn vom 22. Juni 1941 konnte dieser Fanatismus sich auf ein konkretes, physisches Ziel richten und wurde der Heimatlose vorbehaltlos, inklusive seines sonst so suspekten Individualismus, endlich in eine Gemeinschaft aufgenommen. Dieser Gemeinschaft wollte er sich Tag für Tag aufs Neue vergewissern – durch verdoppelten Fanatismus.

Der Literaturwissenschaftler Jürgen Rühle hatte Mitte der fünfziger Jahre eine noch weitergehende Deutung Ehrenburgs geliefert: Danach haben sich in seinen Tiraden außer der bitteren Enttäuschung über Deutschland sein Leiden an und der Haß gegen Stalin, die er, um zu überleben, verdrängen mußte, einen Ausweg gesucht. "Wer weiß, ob der große Provokateur nicht mit der physischen Zerstörung der feindlichen Nation die moralische Zerstörung der eigenen erreichen wollte? In der Psychoanalyse nennt man das Phänomen Projektion."

Für Stalin war Ehrenburg ein nützlicher Idiot, den er nach getaner Drecksarbeit fallenließ. Unter der Überschrift "Genosse Ehrenburg vereinfacht", warf ihm die "Prawda" am 14. April 1945 vor, Abarten des Faschismus und Rassenhasses zu propagieren. Jetzt empfahl Stalin sich auf Kosten seines Handlangers als künftigen Freund der Deutschen.

Neuere Forschungen haben weitere Hintergründe dieses Artikels erhellt. Danach war Ehrenburg von einer Fahrt nach Ostpreußen ernüchtert worden. Am 21. März 1945 beklagte er vor 150 leitenden Kadern der sowjetischen Militärakademie in Frunse, daß die Kultur der russischen Truppen in Ostpreußen sehr niedrig sei und die Rotarmisten Willkür, Zerstörungen und Plündereien ausübten. Der sowjetische Abwehrchef Abakumow berichtete an Stalin: "Außerdem sagte Ehrenburg: ,Die von Zwangsarbeit (Hervorhebung im Original) zurückkehrenden Russen sehen gut aus. Die Mädchen sind wohlgenährt und schön angezogen. Für die Soldaten sind unsere Artikel in der Presse über die versklavte Stellung der nach Deutschland verschleppten Personen nicht überzeugend.‘" Abakumow empfahl, Maßnahmen gegen Ehrenburgs "feindliche Tätigkeit" einzuleiten. Zu diesen Maßnahmen gehörte die "Prawda"-Veröffentlichung.

Zum Schluß des Weltuntergangsoratoriums "Dr. Fausti Weheklag", das Thomas Mann am Ende seines Faustus-Romans als metaphorische Höllenfahrt seines überdrehten Künstler-Helden entwirft, ertönt ein "g" als Chiffre der Gnade. Ein solches "g" mag auch in der zitierten Denunziation Ehrenburgs liegen. Ob es ihm seine Höllenfahrt erspart hat, muß offenbleiben.