28.10.2021

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08.07.00 Anmerkungen zur politischen Biographie des Verhaltensforschers (Teil III)

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. Juli 2000


Konrad Lorenz in Königsberg
Anmerkungen zur politischen Biographie des Verhaltensforschers (Teil III)
Von Christian Tilitzki

Erst im März 1941 zog Margarete Lorenz mit den Kindern für kurze Zeit in die ostpreußische Hauptstadt um: "Meine Familie ist eben gut hier angekommen, das Winzige ist entzückend, überoptimales Kindchenschema, zum Aufessen. Ich habe die größte Freude damit." Mitte April 1941 ließ Lorenz Stresemann wissen, daß er sich "merkwürdig stark über die Ernennung" zum ordentlichen Professor gefreut habe, und ansonsten froh sei, daß nach dem langen ostpreußischen Winter das Eis auf den städtischen Gewässern breche: "Die Enten schwimmen behend zwischen den Eisschollen". Hinter solchen Briefinhalten scheint die weltanschauliche und aktuell politische Dimension der Königsberger Zeit ganz zurückzutreten. Zwar bekennt er nach der Besetzung Athens im April 1941: "Die Fahne auf der Akropolis hat doch was Ergreifendes" und hofft, daß "die Engländer beginnen, jetzt langsam üble Ahnungen zu kriegen", doch zuvor hatte er nach dem Soldatentod eines Freundes über die "verkehrte Selektion im modernen Krieg" geklagt und im Interesse der eigenen Forschungen und der Arbeiten im Profil gewinnenden Schülerkreis (Alfred Seitz, Paul Leyhausen) immer wieder auf baldigen Frieden gehofft: "Wenn der verdammte Krieg nicht wäre, könnte man großzügiger arbeiten".

Wer außerhalb dieser Korrespondenz und publizierter Aufsätze aus jenen Jahren nach politischen Motiven sucht, muß fast schon in die Königsberger Lokalgeschichte hineinleuchten. Dort findet er etwa im Parteiblatt der "Preußischen Zeitung" (PZ), Mitte Februar 1941 ein "PZ-Gespräch mit Professor Lorenz". Ob der Reporter einige Aussagen verschärft, ob er Lorenz’ Aussagen nur wortgetreu kolportiert, ist heute nicht mehr zu ermitteln. Jedenfalls mußte der Leser den Eindruck gewinnen, daß die so idyllisch anmutenden Enten-Beobachtungen auf Königsberger Teichen geradewegs ins ideologische Zentrum der NS-Rassenpolitik führten: Lorenz’ Forschungen seien von "größter Bedeutung für die wissenschaftliche Unterbauung der Pflege unserer heiligsten rassischen, völkischen und menschlichen Erbgüter". Der Gelehrte erteilte zudem Auskunft über die sozialpsychologische Komponente seiner Tierversuche: Für den Menschen ergäbe sich daraus die rassepolitisch wichtige Frage, welche seiner Eigenschaften angeboren, welche erzieherisch beeinflußbar seien. Was wiederum Aufklärung verspreche über die "Ursachen mancher bedrohlichen Verfallserscheinungen im Verhalten zivilisierter Menschen" und Fragen der "rassischen Auslese".

"Bis auf den letzten Platz gefüllt", so die PZ Anfang April 1941, war der Vortragssaal des Zoologischen Museums, als Lorenz vor den Mitgliedern des in Königsberg tagenden Reichsbundes der Vereine für Aquarien- und Terrarienkunde seine Forschungsergebnisse präsentierte. Mit den im PZ-Interview geäußerten Ansichten hatte sich Lorenz Ende Oktober 1940 schon vor der altehrwürdigen Physikalisch-Ökonomischen Gesellschaft zum Thema "Haustier und Zivilisationsmensch" vernehmen lassen. Dort führte er aus, daß "domestikationsbedingte Veränderungen arteigenen angeborenen Verhaltens auf sozialem Gebiet schwerste Störungen" zur Folge hätten. Lorenz warnte davor, daß dies beim Menschen dazu führe, höher differenzierte soziale Reaktionen abzubauen: "Das Zugrundegehen von Kulturvölkern, die das Stadium der Zivilisation erreicht haben, wie es in der bisherigen Weltgeschichte regelmäßig eintrat, hat seine Ursachen in eben dieser ,Korruption‘". In diesem Stadium würden asoziale Elemente den noch gesunden Völkskörper wie eine Krebsgeschwulst zerstören. Mithin könne ursächliche Erforschung der Domestikationsfolgen vielleicht die Mittel liefern, die "katastrophalen Zivilisationsfolgen an unserem eigenen Volk weltgeschichtlich erstmalig zu verhindern."

Die "Preußische Zeitung" kam dann Ende 1941 anläßlich ihrer ausführlichen Berichterstattung über eine von der Königsberger Kant-Gesellschaft veranstalteten Vortragsreihe: "Zur Theorie der menschlichen Natur" wieder auf die politischen Aspekte der Zusammenarbeit zwischen den beiden Referenten Lorenz und Baumgarten zurück. In ihrem "in Deutschland einmaligen Institut" werde die Annäherung von Biologie und Philosophie nachhaltig gefördert, was die Grundlagen der biologischen Denkweise festige. Und gerade Lorenz’ Domestikationsforschung finde bereits Anwendung auf den Menschen.

Mehr als nur regionale Resonanz erhielten solche Erwartungen durch einen Artikel in der um die Meinung des europäischen Auslandes werbenden Wochenzeitung "Das Reich". Darin heißt es im November 1941: Lorenz komme von tierpsychologischen Forschungen her zu einer Anschauung vom asozialen Menschen, die der Aufmerksamkeit wert sei. Die von ihm untersuchten Domestikationsfolgen und die soziale Entdifferenzierungen in der modernen Zivilisation wiesen auf parallele biologische Abläufe. Daher rede man zutreffend von asozialen Menschen als Schädlingen der Volksgemeinschaft, die sie wie eine Krebskrankheit befielen. Auf diese Weise transportierte Lorenz jene vom Reichsforschungsrat finanzierten Untersuchungen über "Domestikationsbedingte Störungen arteigenen Verhaltens", deren weitere Unterstützung er im Januar 1942 von Königsberg aus mit Erfolg beantragte, ins Politische. Die gesellschaftliche Bedeutung tierpsychologischer Forschung stand wohl auch bei dem Vortrag im Vordergrund, der zugleich eine auch in Posen fortdauernde Verbindung zur Albertina dokumentiert: Im Rahmen der Wehrbetreuung referierte Lorenz neben Baumgarten und Ipsen im Oktober 1943 in Dorpat vor Soldaten der Heeresgruppe Nord über: "Die biologischen Grundlagen der Psychologie".

Auf den Königsberger Spuren von Konrad Lorenz scheinen sich nur weitere Belege für jene zu Beginn dieses Beitrags zitierten moralischen Verurteilungen angefunden zu haben. Ausgehend von einem kurzen Aufsatz über "Systematik und Entwicklungsgedanke im Unterricht", erschienen 1940, kann man jedoch auch zu Interpretationen gelangen, die eine spezifische Verwandtschaft zwischen den weltanschaulichen Implikationen der vergleichenden Verhaltensforschung und der NS-Ideologie recht fraglich erscheinen lassen. Der Aufsatz erschien in der Zeitschrift "Der Biologe", dem Organ des Reichsbundes für Biologie. Lorenz firmiert dort als Sachbearbeiter für Psychologie und Zoologie, seine Kollegen Koehler und Kurt Mothes leiteten die Königsberger Ortsgruppen des Bundes. Der Aufsatz enthalte Stereotypen einer genuin "linken" Aufklärungsideologie: Den Antiklerikalismus, den Lorenz schon 1938 in seinen Ausfällen gegen die "schwarzen Schweinehunde" offenbarte, das unbegrenzte Vernunftvertrauen und das wissenschaftsstolze Forscherpathos, den Fortschrittsoptimismus, der sich gegen den "Kulturverfall" stemmt, die utopistische Glücksverheißung der "höherentwickelten" Menschheit. Mit dem Pragmatisten Baumgarten teilte Lorenz zudem den "Wahrheitsbegriff der biologischen Philosophie": Absolute Wahrheiten und Dogmen seien wissenschaftlich unhaltbar. "Wahrheit als menschliches Wahrsein ist nur möglich in der Weise eines nie aussetzenden Dialogs" (Baumgarten). Das war schlechterdings unvereinbar mit dem "granitenen Fundament", auf dem unveränderlich Adolf Hitlers Weltanschauung beruhte. Ebenso mit der NS-Geschichtsphilosophie vom unaufhebbaren Rassenkampf. Als echter Berührungspunkt bleibt die sozialdarwinistische Idee der "Aufartung". Aber auch diese sozial- und rassenhygienische Machbarkeitsideologie weist eher auf Ursprünge im westeuropäischen Aufklärungsdenken. Nicht zufällig trafen mit Baumgarten und Lorenz zwei Forscher zusammen, die einen Teil ihrer Studienzeit in den USA verbracht hatten. Wenn man die Königsberger Zeit Lorenz’ also vom Nationalsozialismus geprägt sehen will, dann von jener ganz unspezifischen Strömung, die man die alternative oder "NS-Moderne" genannt hat und als deren Verkörperung der Technokrat Albert Speer gilt. Lorenz’ Kritiker Bischof räumt denn auch ein, daß er "ziemlich sicher kein Rassist" gewesen sei und sich bei ihm "keinerlei Anzeichen eines nennenswerten Antisemitismus fänden.

In dieser Perspektive ist auch Lorenz’ Beteiligung an "psychotechnischen Untersuchungen von Anlagen verschiedener Volkselemente" in Posen zu sehen. Der Baltendeutsche Rudolf Hippius hatte Lorenz neben dem Königsberger Dozenten Kurt Leider und zeitweise in Königsberg lehrenden Philosophen Kurt Stavenhagen dazu verpflichtet. Daß die Resultate ihrer Forschungen über deutsch-polnische "Mischehen" eine technokratisch verstandene, bevölkerungspolitische "Entmischung" des Warthegaus flankierten, ist nicht zu bestreiten. Daß Lorenz sich dabei besonders profiliert habe, oder daß er die praktischen Folgen erkannt haben könnte, erscheint aber zumindest zweifelhaft.

In einem an Stresemann gerichteten Feldpostbrief vom 24. Mai 1944, geschrieben im Mittelabschnitt der Ostfront, vier Wochen vor seiner Verwundung und Gefangennahme bei Witebsk, übergeht er die "Mischlings"-Erhebungen und erwähnte nur jene Posener Erfahrungen, die ihn etwas auf seine neue Tätigkeit als Feldarzt vorbereiteten. Damit werden zugleich Relationen deutlich, da neben der psychiatrischen Hauptaufgabe Lorenz’ Beteiligung am Hippius-Projekt wie eine Feierabendbeschäftigung wirkt: "Seit im Juni 42 die Heerespsychologie eingestampft wurde, bin ich Arzt, und zwar Neurologe und Psychiater in Posen. Das habe ich in den fast zwei Jahren gut gelernt, da Voraussetzungen in Gestalt von Anatomie und Physiologie des Zentralnervensystems gegeben waren. So schön und lehrreich meine Tätigkeit in neuropsychologischer Hinsicht in Posen war, so anstrengend war sie. Ich hatte außer einer psychiatrisch-neurologischen Ambulanz (mit vierzig Patienten pro Tag) eine der größten Hysteriker-Heilungsstationen der ganzen Wehrmacht, fast völlig selbständig. Sie können sich denken, wieviel ich da gelernt habe. Nur war eben die Arbeit so viel, daß ich bei dem mäßigen Futter auf 72 Kilo von 100 abgenommen habe. Hier geht es mir glänzend. Ich bin faul, gefräßig, aber nicht feig, und wenn es ‘mal fast vor und um meinen Bunker rumst, was schon vorkam, so kriege ich erheblich weniger leicht weite Pupillen und Stielaugen als alle anderen. Dabei lebe ich am Rande eines herrlichen Waldes, mit dem reichsten Vogelkonzert, das Sie sich denken können. Einmal habe ich mich vor einem Sprosser auf den Bauch gelegt, was ich sonst nicht so leicht tue. Ich stand nachts vor meinem Sanitätsbunker auf der Rollbahn, die dauernd von lieben Iwan etwas beast wird. Auf einmal pfeift es ganz nahe tin-tin-tintintin und patsch lag Papa auf dem Bauch im Dreck! Erst dann merkte ich, daß es ein Sprosser war, der pfiff." Weiter berichtet Lorenz: "Hier vorne habe ich inzwischen schon Zeit gefunden, das Exposé meines Buches ... und Einleitung und I. Kapitel zu schreiben. Dann rumste es gerade in den paar Kilometern Front, und ich hatte zur Abwechslung 30 Stunden aufregendste pausenlose Dauerarbeit, aber mit sehr befriedigendem Erfolg." Er schrieb an der Front also bereits an jenem Text, der fast 50 Jahre nach seiner Ausarbeitung in sowjetischen Lagern als das "Russische Manuskript" aus dem Nachlaß des Forschers herausgegeben worden ist. Dieses Manuskript brachte Lorenz im Februar 1948 aus der Kriegsgefangenschaft mit zurück. Aus Altenberg erreichten Stresemann im April 1948 folgende Zeilen: "Da bin ich wieder: Etwas grau, aber durchaus ungebrochen und mit einem dicken Buchmanuskript unterm Arm. Ich bin in Gefangenschaft wirklich hoch anständig behandelt worden. Ich finde es großartig, daß ich den ersten Band ,Einführung in die Vergleichende Verhaltensforschung‘ nicht nur fertig geschrieben, sondern auch offiziell mit nach Hause nehmen konnte. Und dabei habe ich mit meinen Freunden ausgesprochenes Glück, Alfred Seitz, Gustav Kramer, von Host, Tinbergen (war im KZ erheblich gefährdet), Baumgarten, Koehler, sind alle samt Familien gut durchgekommen."

Grundgedanken des "Russischen Manuskripts" gehen in das Alterswerk "Die Rückseite des Spiegels" von 1973 ein. Die Widmung dieses Buches dokumentiert eine, um es in der Begrifflichkeit der Verhaltensforschung zu sagen, über Jahrzehnte resistente "Prägung" durch die kurze Tätigkeit an der Albertina. Sie lautet: "Der Erinnerung an Königsberg gewidmet sowie meinen Freunden, vor allem Otto Koehler und Eduard Baumgarten. Schluß