25.10.2021

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08.07.00 Nachschrabsel

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. Juli 2000


Nachschrabsel
Von BETTY RÖMER-GÖTZELMANN

Wie Orden trugen die ostpreußischen Frauen in Leipzig ihren Bernstein-Schmuck. Daher lag ich bisher immer richtig, wenn ich eine Frau mit diesem Schmuck so ansprach: "Sie sind Ostpreußin", und diese dann meist mit Überraschung reagierte. – "Wie kommen Sie darauf, ich spreche doch ein normales Hochdeutsch." Sprachen sie auch. Unsere schöne ostpreußische Sprache ist nun verschwunden; in Leipzig drangen alle Dialekte Deutschlands an mein Ohr.

Ein Journalist, der sich zu mir an einen Bistrotisch setzte, bedauerte, daß er die ostpreußische Sprache nicht hörte. "Wieso höre ich so viele polnische Laute?", wollte er von mir beantwortet haben. Mir war dieses nicht aufgefallen, aber er mußte es wohl wissen, da er darauf geachtet hatte. Wieso? Vielleicht hatten sich alle in unserer Heimat Verbliebenen mit ihren Familien aufgemacht, um nach Leipzig zu fahren. Vielleicht waren es die Eltern der Kindertanzgruppe aus Schlesien ("Wir sind Schlesier", gab mir empört ein tanzender Steppke zur Antwort, als ich ihn fragte, ob er Sorbe oder Pole sei).

Fröhlich stimmte mich dann doch diese kleine Geschichte am Rande: "… hol man noch, ich hab mich nu eingeschmengert", bat ein alter Ostpreuße sein Frauchen, die sich nochmals geduldig in die lange Schlange vor dem Kuchenbuffet einreihte.

Daß es keine uralten Ostpreußen dort anzutreffen gab, wunderte den Journalisten auch. Gerne hätte ich ihn gefragt, ob er enttäuscht sei darüber, daß die Ostpreußenfrage biologisch in der Zukunft nicht gelöst werden kann. Na, vielleicht war er am Pfingstsonntag unter den Zehntausend, die den Vertreter des "Bundes Junges Ostpreußen" hörte. Dieser junge Mann hat mit seiner Rede allen Menschen gefallen.

Meine Freundin und ich hatten uns schließlich in die Ecke eines Messe-Cafés gesetzt, um die Menschen zu beobachten, die wie die Ameisen hin- und herliefen. Uns fiel auf, daß die Männer und Frauen, die vor uns eine Treppe hinabstiegen oder sich hinaufzogen, ein sehr "lebendes Bild" abgaben: Viele Menschen Ostpreußens sind groß und stattlich, die Frauen oft druggelig, die Männer rank und schlank, einen Schmerbauch sahen wir kaum. Zwischen 60 und 70 Jahre waren sie alt. Aber uns fiel auf, daß die Menschen alle daherscheiwelten; ihre Füße, Hüften, Gelenke taten sich schwer. Schlagen sich die Strapazen des langen Weges von Ostpreußen hier nieder?

Auch an den Tischen in Halle 4, wo sich die Heimatkreise trafen, arbeitete ich mich durch. Das Ergebnis war mager. Geboren und aufgewachsen bin ich im Kreis Schloßberg. Verwaltungsmäßig lag der Dorfflecken in Schloßberg, kirchlich waren wir an den Kreis Ragnit gebunden. Unser Leben spielte sich auch überwiegend dort ab. Aus meinem Dorf war niemand da. Sie sind ja fast alle umgekommen, gleich erschossen worden, als der Treck überrannt wurde. Ich ging also auf das Schild "Kirchspiel Rautenberg" zu und sagte fröhlich: "Ich bin eine Rautenbergerin."

"Wem’s bist, woher kommst?", schallte mir vielstimmig entgegen. Da mein Mädchenname, der aus dem Gumbinner Raum zugeheiratet worden war, diesen Menschen rein gar nuscht gesagt hatte, nannte ich den Hof meines Großvaters: "Ich komme vom Hof Balschuweit, bin eine Enkeltochter von Josef und Anna, eine Tochter der Marta …" Die mir am nächsten Sitzende rief freudig: "Mariechen Balschuweit". Das war meine Großtante, die auf einem großen Gut in Kamanten die Hauswirtschaft "schmiß". Meine Gesprächspartnerin war auf diesem Gut ebenfalls als junges Mädchen gewesen. Und wie der Zufall es so will, lebt diese Ostpreußin in der Partnerstadt meines jetzigen Wohnorts Warstein, der Ringelnatz-Stadt Wurzen. So werde ich sie bestimmt eines Tages wiedersehen können.

Ach Erbarmung! Wäre ich doch nur nicht an diesen Tisch gegangen. Mein weitschichtiger Cousin hat mir das Amt des Kirchspielsprechers angehängt. Er ließ nicht locker. Holte den Kreisvorsitzenden herbei, und so bearbeitete man mich so in der Richtung "Junge Menschen braucht Ostpreußen". Erbarmt’zig: mit Mitte 60! Ob ich das wohl kann?