25.10.2021

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08.07.00 Die heutige Literaturkritik ignoriert die Dichterin Agnes Miegel und damit auch das Schicksal der Vertriebenen

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. Juli 2000


Im eigenen Land diskriminiert
Die heutige Literaturkritik ignoriert die Dichterin Agnes Miegel und damit auch das Schicksal der Vertriebenen
Von ACAR SEVIM

Die ostpreußische Dichterin Agnes Miegel (1879–1964) ist die bedeutendste deutsche Balladendichterin des 20. Jahrhunderts. Diese Behauptung stammt von dem Literaturwissenschaftler Gero von Wilpert und steht in "Deutsches Dichterlexikon" (Kröner Verlag, Stuttgart, 2. erw. Aufl. 1976, S. 492 ). In einer anderen Quelle wird sie die größte deutsche Balladendichterin seit der Droste- Hülshoff genannt. (Lennartz, Franz. Deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts im Spiegel der Kritik. Bd. 2. Kröner, 1984, S. 2213)

Als ich diese Behauptungen las, war ich darüber sehr erstaunt. Denn der Name dieser bedeutenden Dichterin wird in den meisten Büchern über die Literaturgeschichte entweder nicht erwähnt oder nur nebenbei angeführt mit anderen Schriftstellern. Auf den Namen von Agnes Miegel bin ich während meiner Forschung über die Traumdichtung gestoßen. Die Interpretation ihrer Balladen und Erzählungen hat gezeigt, daß ich es mit einer außergewöhnlichen Dichterin mit seherischer Gabe zu tun hatte.

Nun aber fragte ich mich als türkischer Germanist und als jemand, der in Deutschland aufgewachsen ist und dem Deutschtum gegenüber eine starke Zuneigung hegt, weshalb eine Dichterin, die in ihren Werken das Bild des ostpreußischen Menschen gezeichnet hat und deswegen von ihren Landsleuten als Mutter Ostpreußen verehrt wird, in Deutschland nicht dementsprechend  gewürdigt wird. Da solche Situationen auch in meiner Heimat kein seltener Fall und immer mit politischen Hintergründen zu erklären sind, wollte ich der Sache auf den Grund gehen.

Meine Vermutungen waren richtig. Agnes Miegel bekannte sich immer wieder zum Christentum, sie war eine durchaus fromme Dichterin. Das war einer der wichtigsten Gründe, warum sie von der zum größten Teil linksorientierten Literaturkritik ignoriert wird. Außerdem ist ihr Gesamtwerk vor allem eine Huldigung an Ostpreußen. Persönliche Erlebnisse, Sagen und Legenden Ostpreußens bilden den Hintergrund ihres Werkes. Ihr Ruhm ruht im wesentlichen auf ihrer Lyrik. Als unauffälliges Mädchen aus bürgerlichem Hause begann sie mit 18 Jahren Balladen zu dichten, die schlechthin genial waren. Miegel, die von rätselhaften Visionen heimgesucht wurde, hatte ihre inneren Erlebnisse immer wieder zu Dichtungen verarbeitet. Sie schrieb ihre Gesichte auf. Anni Piorreck, die ein ausführliches Lebensbild der Dichterin verfaßte (Agnes Miegel: Ihr Leben und ihre Dichtung. Diederichs, München, 1990), berichtet, daß sie vor dem Ersten Weltkrieg große Traumvisionen hatte. Sie beziehen sich eindeutig auf ihre Heimat Ostpreußen. So sah sie Königsberg ohne Kirchen, tatsächlich wurden später im Zweiten Weltkrieg Kirchen zerstört. Ihre klare und manchmal verschlüsselte Prophetie über den Untergang Ostpreußens erwies sich tatsächlich als Wirklichkeit.

Am 27. Februar 1945 mußte Agnes Miegel ihr so furchtbar zerstörtes liebes Königsberg verlassen, um auf einem Flüchtlingsschiff das rettende Ufer des Westens zu erreichen. Die 65jährige trug nur einen Rucksack auf dem Rücken und hielt einen kleinen Handkoffer in der Hand. Durch dieses Bild wurde sie zur Symbolgestalt des ostpreußischen Schicksals. Das Ereignis der Flucht war das starke Band, das sie mit ihren Landsleuten verknüpfte. Diese traurige Situation gab Anlaß zu neuen Versen, die bald zur Stimme Ostpreußens wurden. Sie sprachen das aus, was die vertriebenen Deutschen empfanden. So gingen sie von Hand zu Hand.

Diese Verse, die erfüllt waren von Heimatliebe, zeigten ihre nationale Haltung. Das ist der eigentliche Grund, warum die Dichterin von der deutschen (!) Literaturkritik ignoriert wird. Die Ursache liegt also in ihrer deutschnationalen Gesinnung. Es klingt zwar paradox, aber ähnliche Situationen sind auch in meiner Heimat zu beobachten. Agnes Miegel war eine stolze Deutsche, Ostpreußin und eine überzeugte Christin. "Meine Volkszugehörigkeit und mein Glaube sind mir mitgegeben als die beiden großen Aufgaben meines Lebens ...", sagte sie einmal. (Bekenntnis. In: Dichterglaube: Stimmen religiösen Erlebens. Hrsg. v. Harald Braun. Eckart, Berlin 1931. S. 201).

Agnes Miegel wurde noch zu Lebzeiten zum Symbol des verlorenen Landes Ostpreußen. Durch ihre Dichtung hat sie das Land Ostpreußen zu einem Begriff gemacht, auch für solche Menschen wie mich, die nicht von dort stammen. Anni Piorreck berichtet, daß auch Menschen, deren einziger Zugang zur Dichtung sich auf sonntägliche Kirchenlieder im Gottesdienst beschränkte, ihre Verse aus der Zeitung ausschnitten, sie in ihrem Gesangbuch aufbewahrten und sie lasen.

Ein anderer Grund für ihre Diskriminierung war die Berufung Miegels im Mai 1933 als Mitglied in die neugeordnete Preußische Akademie der Künste, Sektion Dichtkunst. Ihr Werk wurde von den Nationalsozialisten nicht abgelehnt. 1940 trat Agnes Miegel in die NSDAP ein. Die Folgen des Hitler-Regimes waren jedoch auch für sie eine große Überraschung. Vielleicht sah sie Hitler auch als den einzigen Retter vor der bolschewistischen Bedrohung. Ihre Freundin Anni Piorreck, die Zugang hatte zu unveröffentlichten Tagebüchern, Notizen und Briefen, schreibt, daß sie aus vollem Herzen – vertrauensvoll und bedingungslos, wie es ihre Art war – an den Führer glaubte. Aber trotz ihrer Parteizugehörigkeit ist sie niemals antisemitisch eingestellt gewesen, sie hat immer Freundschaften mit jüdischen Familien gepflegt. In Ostpreußen galt es immer, Religion und Überzeugung der anderen zu achten.

Natürlich hat die Parteipropaganda die Dichterin für ihre Zwecke benutzt, wie auch andere Dichter und Künstler. Daß sie von der Literaturkritik heute ignoriert wird, hängt mit einigen Gedichten zusammen, die ihr Bekenntnis zum Nationalsozialismus zeigen. Die Reichsschrifttumskammer hatte 1938 angeordnet, daß jeder Schriftsteller ein Huldigungsgedicht an den Führer schreiben sollte, so schrieb auch Miegel wie viele andere ein solches Poem. Auch eine Erzählung, "Das Erlebnis des Feldwebels Schmidtke" (1938), hatte eine Verbindung mit der nationalsozialistischen Ideologie. Insgesamt waren es sechs Gedichte und diese eine Erzählung, in denen man die Einflüsse der Hitler-Ideologie beobachten konnte.

Nach 1945 beschäftigten sich Zeitungen in den USA, in Südafrika und in Brasilien mit ihrem Werk. Vor allem gingen ihre Verse mit den Kriegsgefangenen bis nach Sibirien. Sie konnte auch in diesen schweren Zeiten Trost spenden. Sogar Dissertationen wurden über sie geschrieben. Nach dem Krieg aber begann in Deutschland eine Periode des Verschweigens, die für mich Verrat an der Sache der Vertriebenen bedeutet.

Die Ausgabe der Gesammelten Werke wurde von der deutschen (!) gegenwärtigen Literaturkritik wenig beachtet. Die Literaturblätter der großen Zeitungen erwähnten sie überhaupt nicht. Jetzt hieß es nur verschweigen, so wie es die antinationale Literaturkritik auch bei uns in der Türkei mit den nationalistischen Dichtern macht. Daran sind wir gewöhnt. Wer nicht Verfechter der linken Ideologie ist, wer es sogar wagt, sich für nationale Belange einzusetzen, der hat keine Chance, es in der Literaturszene weit zu bringen. Seine Werke werden nicht beachtet. Aber dieses Verschweigen bedeutet auch: Ostpreußen, Königsberg oder die Millionen von Vertriebenen – alles das wollen wir auch lieber vergessen ...