28.10.2021

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15.07.00 Unruhe breitet sich aus: Alte und neue Dogmen prallen aufeinander

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. Juli 2000


"Green-Card": Gewerkschaft am Scheideweg
Unruhe breitet sich aus: Alte und neue Dogmen prallen aufeinander

Die deutschen Gewerkschaften stehen in gleich mehrerer Hinsicht mitten in ihrer schlimmsten Krise seit Kriegsende. Da hätte es der Debatte um die Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer gar nicht mehr bedurft. Doch gräbt die Sache mit der "Green Card" an Grundfesten hergebrachter Standardforderungen der Arbeitnehmervertreter – und stürzt diese in ein schweres Dilemma.

Seit Übernahme der meisten Spitzenfunktionen durch Alt-68er ist "Multikultur" zum festen Bestandteil gewerkschaftlicher Ideologie geworden. Insbesondere im Kadernachwuchs, den gewerkschaftlichen Jugend- und Studentengruppen, machte sich eine extrem linke, ganz und gar "internationalistische" Weltsicht breit. Hier erschienen die "deutschen" Arbeiter ihrer im Grunde strukturkonservativen Einstellung wegen schon beinahe als das eigentliche Problem.

Diese Arbeiter hatten in den Augen der extremen Linken ohnedies historisch auf allen Ebenen "versagt": Nach dem Ersten Weltkrieg ließen sie sich in ihrer großen Mehrheit keineswegs von der erhofften "proletarischen Revolution" begeistern, sondern gingen zur parlamentarisch-staatstragenden SPD.

1933 war der Arbeiterwiderstand eher verhalten, jedenfalls nicht erfolgreich. 1953 wiederum waren es ausgerechnet diese (mittel-)deutschen Arbeiter, welche den ersten und letzten "Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden" fast zum Teufel gejagt hätten. Als die vermeintliche "proletarische Klasse" anderer Völker noch treu nach Moskau zu blicken schien (zumindest in der Einbildung der westeuropäischen Kommunisten), gingen die deutschen Arbeiter offen gegen die Roten vor.

Schließlich 1989: Im Rahmen der ersten, ganz und gar von "unten" angezettelten erfolgreichen antikommunistischen Revolution werfen die Deutschen ihre roten Machthaber hinaus. Wiederum sind es die Arbeiter, die an vorderster Front gegen Links marschieren.

Die tiefe Irritation in der besonders innerhalb des DGB stark verwurzelten Linken Westdeutschlands war unübersehbar.

Hieraus wird verständlich, warum jeder deutsche, nationale Impetus dem Großteil insbesondere der ideologischen Köpfe der bundesrepublikanischen Gewerkschaften zuwider ist.

Den meisten der gewöhnlichen Mitglieder war das egal: Solange es um höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten ging, mochten die Herren Studierten in der Gewerkschaftszentrale mal denken, was sie wollten. Hauptsache, sie faßten in markige Worte und wirkungsvolle Aktionen, was sowieso alle ersehnten.

Doch diese heimliche Allianz ist in Gefahr. Mit der Green-Card-Diskussion hat eine nationale Dimension Einzug gehalten, welche Gewerkschaftsfunktionäre  wie -mitglieder heftig verunsichert.

Noch versucht etwa die IG-Metall einer klaren Stellungnahme zu entgehen und sich in den "Dialog" zu flüchten. Im Internet werden ein paar Thesen pro und contra "Green Card" aufgelistet mit der wohlfeilen Ermunterung: "Hier können Sie die wichtigsten Argumente nachlesen und selber mitdiskutieren."

"Mitdiskutieren"? Die Gewerkschaften haben ihrer Anhängerschaft seit Jahrzehnten eingeschärft, daß ein Arbeitsmarkt ohne lästige Konkurrenz das Ziel sei. Die derart munitionierte Gewerkschaftsbasis fühlt sich nun in weiten Teilen – wen wundert’s – bedroht. Bedroht von dem, was ihnen ihre eigenen Funktionäre so lange Zeit als Hauptgefahrenquelle eines skrupellosen Kapitalismus aufgezeigt haben: Billigarbeiter und Lohndumping.

Da sich aber "nationale" Töne für Gewerkschaftsfunktionäre verbieten, erscheinen diese nunmehr wie die propagandistischen Erfüllungsgehilfen der Wirtschaftsliberalen, die seit jeher fordern: Gebt dem freien Arbeitsmarkt die Arbeitskräfte, die er benötigt. Die alte Gewerkschaftsforderung hingegen hatte gelautet: Baut den Arbeitsmarkt so um, daß er den Belangen der Arbeitnehmer gerecht wird.

Man darf gespannt sein, wie die deutschen Arbeitnehmervertreter und insbesondere ihre oftmals am äußersten linken Rand geschulten "Vordenker" aus diesem Dilemma herausfinden wollen. Jan Bremer