28.10.2021

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15.07.00 Am 8. Juli eröffnete das Donauschwäbische Zentralmuseum 

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. Juli 2000


Kulturelles Großereignis in Ulm: Viel Glanz und wenig Gloria
Am 8. Juli eröffnete das Donauschwäbische Zentralmuseum 
Von Martin Schmidt

Zumindest für die heute über die ganze Welt verstreuten 490 000 Donauschwaben (einschließlich Nachkommen 1,8 Millionen) und die Stadt Ulm sollte es ein großer Tag werden. Und mit Einschränkungen war er es auch, jener 8. Juli 2000, an dem das Donauschwäbische Zentralmuseum (DZM) in der sogenannten Oberen Donaubastion seine Türen öffnete.

Im September 1994 hatten der Bund, das Land Baden-Württemberg und die Stadt Ulm das Start- signal gegeben. 16 Millionen Mark ließen sie sich den Erwerb und den Umbau der heruntergekommenen früheren Kaserne kosten. Weitere vier Millionen kamen für die inhaltliche und gestalterische Umsetzung der Dauerausstellung hinzu.

Diese erstreckt sich über 26 schloßartige Säle und steht unter dem Titel "Räume, Zeiten, Menschen". Zuletzt mußte noch nachts gearbeitet werden, um die 6000 Exponate würdig präsentieren zu können.

Letzteres ist dem Museumsleiter und Geschäftsführer Christian Glass und seinen sechs Mitarbeitern nach Meinung der Mehrheit der etwa 2000 bis 3000 Premierengäste auch gelungen. Optisch wie didaktisch stimmt fast alles, angefangen bei den modernen Schaukästen, über die gut gewählten Exponate bis hin zum obligatorischen Internet-Terminal.

Der Ausstellungsrundgang folgt chronologisch dem Weg der Donauschwaben von ihrer in Ulm oder Regensburg auf den "Ulmer Schachteln" gen Südosten angetretenen Donaureise im 18. und 19. Jahrhundert bis zur Vertreibung und Ausweisung gegen Ende des Zweiten Weltkrieges sowie der heutigen Situation der kleinen heimatverbliebenen Gruppen.

Die vor allem aus Kreisen der Landsmannschaften gespendeten, zum Teil im Handel angekauften oder bei Forschungsreisen im rumänischen Banat, im Sathmarer Gebiet und in der südungarischen Branau erworbenen Gegenstände sollen in erster Linie Zeugnis ablegen.

Dafür können sie auch so einfach aussehen wie jenes Kohlestück, das die im Januar 1945 aus Tschanad/Banat in die Sowjetunion verschleppte Anna Gräbeldinger bei der Flucht aus einem Bergwerk im Donezgebiet mitgenommen hatte.

Vor solchen Exponaten steht man wie gebannt, während das allzu oft vom Motiv und der Reproduktionsqualität her unzureichende Bildmaterial kaum zu Gedankenflügen einlädt. Das ist verwunderlich, zumal bei den Landsmannschaften, im Tübinger Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde oder im Freiburger Johannes-Künzig-Institut für ostdeutsche Volkskunde reichlich aussagekräftige und qualitativ hochwertige alte Fotos und Dias zu den donauschwäbischen Siedlungen vorhanden sind.

Um ergänzende aktuelle visuelle Eindrücke zu bekommen, hatte die Museumsleitung noch im Sommer 1999 den Fotografen Jakob Breitkopf auf Reisen geschickt. Aus seinen mehr als 3000 Aufnahmen wurde dann eine zwölfminütige musikalisch untermalte Tonbildschau "Entlang der Donau" zusammengestellt. Sie vermittelt einen Eindruck von der Landschaft des Ofener Berglandes, der sogenannten Schwäbischen Türkei oder des Ba-

nats sowie vom Alltag der heute dort lebenden Menschen.

Allerdings fehlen für den nicht im Thema "drinsteckenden" Betrachter wichtige Informationen, um beispielsweise die Verfallserscheinungen in Banater Dörfern einordnen zu können. Schon ein simpler Vergleich derselben Häuser und Straßen vor und nach 1989 hätte die katastrophalen Folgen des Massenexodus der Rumäniendeutschen zu Beginn der 90er Jahre veranschaulicht.

Vielleicht wollten die maßgeblichen Personen die starke kulturelle Ausstrahlung der vor der Vertreibung 1,5 Millionen Donauschwaben auch nicht in dieser Weise hervorheben, sondern statt dessen dem Wunschbild eines engen Zusammenlebens und Austausches in der "multiethnischen Region Südosteuropa" mehr Platz einräumen, das in Wahrheit oft nur ein Nebeneinanderherleben war. Ein heute noch im jugoslawischen Subotica (Maria-Theresiopel) in der Batschka lebender Deutscher nannte die Exposition nicht ohne Grund eine "Joschka-Fischer-Ausstellung".

Charakteristisch ist in diesem Zusammenhang das sehr knappe Eingehen auf den Völkermord an den Donauschwaben im jugoslawischen Banat, in der Batschka und in Syrmien in den Jahren 1944 bis 1955, bei dem mehr als 85 000 Tote zu beklagen waren.

Die Wirtschaftskraft der k. u. k.-Kornkammer Banat sowie die Schönheit und Stattlichkeit der donauschwäbischen Dörfer wurden einem am 8. Juli weniger in den Ausstellungsräumen bewußt, sondern vielmehr durch die Eröffnungsreden des fließend deutschsprachigen ungarischen Regierungsvertreters und seiner rumänischen Kollegin.

Gleich im ersten Raum erfährt der Besucher aus den ausschließlich auf deutsch gehaltenen Texttafeln, daß die gen Südosten gezogenen Siedler von ihren neuen Nachbarn zwar als "Schwaben" bezeichnet wurden, tatsächlich jedoch vor allem aus Hessen, Elsaß-Lothringen, Franken, Bayern und der Pfalz stammten (die Bezeichnung "Donauschwaben" als Sammelbegriff entstand erst in den 1920er Jahren).

Problematisch ist dagegen, daß die Zielregionen als "Südosteuropa" gekennzeichnet werden. Sowohl die kulturelle Prägung aller Teile Österreich-Ungarns aus der Mitte des Kontinents heraus als auch das Selbstverständnis der Ungarn und mit Einschränkungen der Rumänen und Kroaten verlangt statt dessen den Begriff "Südost-Mitteleuropa".

Daß die bedeutenden historischen Leistungen an der Militärgrenze des Habsburgerreiches, das literarische Erbe – von Nikolaus Lenau und Adam Müller-Guttenbrunn bis hin zu Herta Müller – und das leistungsfähige Schulwesen nur ansatzweise berücksichtigt sind, erklärt die DZM-Mitarbeiterin Henrike Hampe mit dem gewollten volkskundlich-ethnographischen Schwerpunkt.

Enttäuschend für alle, die sich am Aufbau des DZM beteiligt hatten oder am Museumsfest teilnahmen, war das Medienecho. In den abendlichen TV-Nachrichten der großen Sender blieb das Ulmer Kulturereignis am 8. Juli vor lauter Love Parade in Berlin und einem Homosexuellen-Umzug in Rom unerwähnt.

An dieser Ignoranz konnten weder die Anwesenheit von Ministerpräsident Erwin Teufel noch die zeitgeistkonformen Reden des Naumann-Beraters Dr. Knut Nevermann sowie des Ulmer Oberbürgermeisters Ivo Gönner etwas ändern.

Immerhin erntete Teufel mit seiner kenntnisreichen Ansprache, die die an den Donauschwaben verübten Verbrechen nicht als zwangsläufige Folge "faschistischer" deutscher Politik verniedlichte, wahre Beifallsstürme bei den Donauschwaben und den aus Neugier ins Museum geströmten "echten" Schwaben.

Das Donauschwäbische Zentralmuseum, Schillerstr. 1, 89077 Ulm (Tel.: 0731/96254-0; www.dzm-museum.de) ist Di.-So. von 10-17 und Do. von 10-19 Uhr geöffnet.