25.10.2021

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15.07.00 Zum 75. Todestag von Lovis Corinth

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. Juli 2000


Macht der Persönlichkeit
Zum 75. Todestag von Lovis Corinth
Von SILKE OSMAN

Der Tod, das ist nicht schlimm –aber das Sterben", hat Lovis Corinth manches Mal zu seiner Frau Charlotte gesagt. Als es dann für ihn soweit war, von dieser Welt abberufen zu werden, da hat "eine unendliche Güte" über seinem Tod gewaltet, wie Charlotte Berend-Corinth in ihren Lebenserinnerungen notierte.

Lovis Corinth starb am 17. Juli 1925 im holländischen Seebad Zandvoort. Wochen zuvor war er mit Leo Michelsen, einem Malerfreund, nach Amsterdam gereist, um dort noch einmal die Meisterwerke von Rembrandt und Frans Hals zu sehen. – "Der Frans Hals hat genauso gemalt, der Kerl, wie ich", hatte Corinth schon 1907 an seine Frau Charlotte voller Begeisterung aus Kassel geschrieben, wo er Werke des Niederländers kopierte. –

Tochter Wilhelmine Corinth erinnert sich an die letzte Reise ihres Vaters: "Lovis hatte nicht beabsichtigt, während seines Aufenthaltes in Amsterdam zu arbeiten. Beim Gang durch die Altstadt begannen ihn jedoch die Motive zu faszinieren. Material zur Arbeit war leicht erhältlich, und so schuf Lovis unter anderem zwei große Aquarelle der dortigen charakteristischen Ansichten. – Außer den Aquarellen hatte Lovis auch Zeichnungen und Radierungen an den dumpfigen Grachten geschaffen, hatte dort stundenlang bis zur Erschöpfung gearbeitet, und so mag ihn dort die Krankheit befallen haben, die Lungenentzündung, die ihm den Tod bringen sollte."

Die Familie – Charlotte mit den beiden Kindern Thomas und Wilhelmine – eilt am 22. Juni 1925 von Berlin nach Amsterdam ans Krankenbett. Der Arzt empfiehlt eine Luftveränderung, einen Aufenthalt im Seebad Zandvoort. Schwere Wochen beginnen für Charlotte. Sie erinnert sich: "Am Tag vor dem Tode, Donnerstag nachmittag, saß ich an seinem Bett. Plötzlich fühlte ich, wie er sein Auge mit ungeheurer Schärfe und unentrinnbarer Festigkeit auf das meine richtete. Ganz klein und dunkel stand die Pupille in dem klaren Blau des Auges. Der Blick war so durchbohrend, ich entsetze mich – mit äußerster Anstrengung sagte ich: ,Schau auf dein Aquarell, Lovischen, wie schön es aussieht.‘ Er lenkte den Blick von mir zum Bilde, zu dem Aquarell der ,Häuser von Amsterdam‘. Er blickte mit vollem ernstem Blick unverwandt auf das Bild, dann verschleierte sich der Blick. Er wurde müde, er schloß die Augen und öffnete sie niemals wieder. Der Abschied von mir und von seiner Kunst war es gewesen. Es bleibt in meinem Herzen wie im Schrein verschlossen."

"Der strahlende Mittagshimmel wurde fahler", erinnerte sich Wilhelmine Corinth an den 17. Juli 1925, "ein mildes Licht brachte uns Frieden. Ein Hund bellte irgendwo draußen, es war kein anhaltendes, nervenzerreißendes Bellen, es störte den Frieden nicht. Lovis lag still. Dann begann er, schwer zu atmen. Mutti trat ans Bett, sie ergriff Lovis’ Hand. Wir blickten auf Lovis. Der schwere Atem kam und ging – dann wurde es still im Zimmer, sehr still – totenstill. Wir weinten nicht, wir konnten die Stille dieses Friedens nicht brechen. Meine Mutter wandte sich mir zu. ,Küsse deinen Vater noch einmal auf die Stirne‘, sagte sie, ,wie du es von klein auf jeden Abend getan hast.‘ Ich trat ans Bett und küßte meinen Lovis Vater zum letzten Abschied auf die Stirn."

Mit dem Zug wird der Sarg nach Berlin gebracht. Die Trauerfeier findet – am 21. Juli, dem 67. Geburtstag des Meisters aus Tapiau – in den Räumen der Berliner Sezession statt, deren 1. Vorsitzender Corinth 1911 und 1915 war. Sohn Thomas, die Künstlerkollegen Josef Thorak, Erich Waske, Bruno Krauskopf, Leo v. König, Alex Oppler und Dreierling tragen den Sarg zu dem Leichenwagen, der dann ins Krematorium nach Wilmersdorf fährt. Seine letzte Ruhestätte findet der Ostpreuße auf dem Waldfriedhof in Stahnsdorf unter einem mächtigen Findling.

Gestorben ist Lovis Corinth als ein Vollendeter, der sein umfangreiches Werk mit einem letzten Selbstporträt abschließt. Geschaffen hat er es – wohl aus einer Vorahnung heraus – nicht wie seit Jahrzehnten an seinem Geburtstag sondern bereits im Mai. Es zeigt einen Mann mit eingefallenen Wangen und tiefliegenden Augen, die den Betrachter fixieren. Man ahnt die grauen Gedanken, die Corinth in dieser Zeit plagten. So schrieb er am 31. März 1925 in seinen Erinnerungen: "Es ist mir zum Heulen. Ein Ekel vor jeder Malerei erfaßt mich. Warum soll ich noch weiter arbeiten, alles ist Dreck. Dieses greuliche Weiterarbeiten ist mir zum Kotzen. Dabei bin ich 67 Jahre alt und nähere mich in diesem Sommer dem 68sten. Was soll noch daraus erblühen? Das kommende Greisenalter erfaßt mich immer mehr, die körperliche Kraft läßt immer mehr nach ..."

Noch Monate zuvor hatte er – angetan von dem Empfang, den ihm seine Landsleute in Königsberg anläßlich einer Ausstellung und des Kant-Jubiläums bereitet hatten – notiert: "... doch ich kann nicht klagen, Erfolg habe ich in der Heimat gehabt, und das ist viel. Ein heimatloses Kind und ein Mann, welche fest mit den Vorfahren in einer Erde wurzeln; das scheint mir vor allen Dingen eine mir vom Schicksal bevorzugte Stellung zu sein."

Nahezu drei Jahrzehnte zuvor schuf Corinth ein anderes Selbstbildnis, das ihn mit einem Skelett in seinem Münchner Atelier in der Giselastraße zeigt. Er variierte das alte Thema "Künstler und Tod", indem er es fast ironisch angeht. Das Skelett – der Tod – hängt kraftlos an einem Haken, während der Künstler selbstbewußt und kraftstrotzend dem Betrachter entgegen blickt. Corinth war damals 38 Jahre alt und feierte erste Erfolge in München. Im Glaspalast hatte er 1895 eine "Kreuzabnahme" ausgestellt, dafür eine Goldmedaille erhalten und das Bild "zum ersten Mal in meinem Leben für 1350 Mark verkauft!"

"Corinth ist kein Revolutionär, kein Reformator, kein Schöpfer neuer, weltbewegender Systeme", hat ein anderer Großer der Malerei aus Ostpreußen, hat Arthur Degner (1888–1972), der Corinth in Berlin noch selbst kennengelernt hat, einmal gesagt. "Und doch hat sein Name den Klang eines Symbols und sein Werk prophetischen Sinn, indem es in genial-schöpferischer Einheit als Ganzes in die Zukunft wirkt, indem es für unsere Zeit Verlorengegangenes aufs neue erkämpft hat und unabänderliche Norm entgegen allen Begriffszerklitterungen die Macht der Persönlichkeit zur Geltung gebracht hat. In Corinths Werk liegt die geheimnisvolle Wirkung aller großen Kunst verschlossen, die nach dem Wort des Dichters auf der Vereinigung eines ,schönen Talents und eines schönen Charakters‘ beruht."

Lovis Corinth aus Tapiau hat mit seinem Werk Maßstäbe gesetzt. Er war ein Künstler, der die Malerei in Deutschland entscheidend geprägt hat; er war aber auch ein Mensch, der sich seiner Wurzeln stets bewußt war, ein Ostpreuße, unsterblich.