25.10.2021

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15.07.00 UNTERHALTUNG

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. Juli 2000


UNTERHALTUNG

Adomeit und die Abstinenzler
Von HEINZ KURT KAYS

Es war – mit Verlaub gesagt – ein schwerer Schlag für den Wilhelm Adomeit, als die Abstinenzler in Muschaken aktiv wurden und sogar einen Verein gründeten. Jedermann wird das verstehen, wenn er erfährt, daß besagter Adomeit Wirt und Besitzer vom "Oberen Krug" war, in dem die Bauern, Kätner und Holzfäller ihren Durst zu löschen pflegten. Und so ein masurischer Durst, der verlangte schon nach einigen Tulpchen Bier, begleitet von dem einen oder anderen Korn, ganz zu schweigen vom Bärenfang oder vom Grog, wenn es Winter war.

Fast jeder in Muschaken verstand es, daß der Wilhelm Adomeit wenig übrig hatte für das neumodische Gewese der Antialkoholiker. Schließlich hängt der Mensch an seinem Verdienst, ein Wirt ganz besonders. Und die verräucherte Gaststube im "Oberen Krug" war meist halb leer, seit gewisse Leute gegen die verderbliche Macht der geistigen Getränke wetterten und immer mehr Anhänger fanden.

Aber man mußte es dem Adomeit lassen, er trug’s in wahrhaft guter Haltung. Kein böses Wort verließ seinen Mund, noch niemand hatte ihn über diejenigen räsonieren hören, die sein Geschäft so empfindlich störten. Als ihn einmal der Johann Ganslick, seines Zeichens Großbauer und Bürgermeister von Muschaken, mit unverhohlener Schadenfreude auf die Mäßigkeits-Apostel ansprach, da brummelte der Krugwirt nur: "Wird schon vorübergehen. Geht ja alles vorüber auf der Welt."

Man sieht, den Wilhelm Adomeit konnte so leicht nichts aus der Ruhe bringen. Er verfügte nämlich über ein schier unerschütterliches Phlegma. Seine Nerven waren aber auch gut verpackt, sie steckten in einem Körper, der zweieinhalb Zentner wog und aus rosigem Fleisch und kernigem Speck bestand. Und das eben verhalf ihm zu der Gewißheit, der Abstinenzler-Spuk würde nicht ewig bestehen. Noch jedoch dauerte er und steuerte gar auf seinen Höhepunkt zu.

Denn es ereignete sich, daß eines Abends ungewöhnlicher Besuch im "Oberen Krug" auftauchte. Es handelte sich um den Schuster Emil Wondrak und den Kätner Otto Krajewski. Beide gehörten zu den eifrigsten Anhängern der Abstinenzler-Bewegung von Muschaken. Dementsprechend benahmen sie sich auch. Der Wondrak hatte eine Zitronenlimonade bestellt und der Krajewski verlangte ein Glas Milch. Eigentlich aber waren sie gekommen, um den Wirt zu sprechen, erklärten sie der Bedienungs-Marjell.

Wilhelm Adomeit wurde herbeigeholt und setzte sich zu seinen Gästen. Sofort kam Schuster Wondrak zur Sache. Er war ein dürres Männchen mit gekrümmtem Rücken und seine Augen zeigten den fiebrigen Glanz aller Eiferer. Mit dem Bewußtsein, eine Mission zur Rettung der Menschheit zu erfüllen, erhob er die Stimme und sagte zum Wirt: "Wirst dich wundern, uns hier zu sehen, wo doch in deinem Haus der Schnapsteufel sein Unwesen treibt. Aber wir haben zu reden mit dir ganz notwendig."

"Jawohl", bestätigte der Otto Krajewski, der sonst als äußerst wortkarg galt. Aber weiß der Kuckuck, mit einemmal konnte er schabbern wie der Pastor bei der Sonntagspredigt. Das machte die Begeisterung für die gute Sache. Jedenfalls sprach der Kätner also: "Wie Bruder Wondrak all gesagt hat, wir sind nicht gern gekommen hierher, wo es den bösen Alkohol gibt, der die Menschen Unglück bringt. Aber wir mußten, denn wir haben vor, zu reinigen ganz Muschaken von dem Schnapsteufel. Und du sollst uns helfen dabei." Er richtete seinen Blick auf den verblüfften Wirt.

Das tat auch der Schuster und entfaltete nun seine Rednergabe: "Zu diesem Zweck", so sagte Wondrak, "wollen wir machen eine Versammlung, zu der eingeladen werden alle Bewohner von Muschaken und der ganzen Umgebung. Und es wird kommen ein Mann aus der Stadt, dem verliehen ist das Feuer der Beredsamkeit, womit er bekehren kann alt und jung, daß sie ablassen von der Flasche. Deshalb sind wir hier, um zu fragen, ob du gestatten möchtest …"

Der Emil Wondrak geriet ins Stocken und warf seinem Begleiter einen hilfesuchenden Blick zu. Aber über den war wieder seine gewohnte Schweigsamkeit gekommen. Jedenfalls blieb er stumm wie ein Fisch. Doch das machte nichts, denn der Wilhelm Adomeit hatte längst begriffen. "Ihr braucht nicht weiterzureden", sagte er ernsthaft, obwohl es um seinen Schnurrbart verdächtig zuckte. "Ihr wollt wissen, ob ich für eure Versammlung meinen großen Saal zur Verfügung stelle. Ist es nicht so?"

Die beiden Antialkoholiker nickten. Fast ängstlich fragte Krajewski, der Kätner: "Und wirst du? Es ist in diesem Krug der einzige Saal von Muschaken. Und wir brauchen ihn dringend, denn es werden kommen viele Leute am Sonntag." Der Wirt lächelte vor sich hin: "Natürlich werde ich. Mein Haus ist ein Gasthaus und für alle da. Jeder darf kommen, wenn er kann bezahlen die Zeche. Und wenn ich soll sein aufrichtig, dann muß ich sagen, mir sind die Abstinenzler eigentlich lieber als alle anderen."

Der Wondrak und der Krajewski trauten ihren Ohren nicht. Wollte der Wirt sie verkohlen? Aber nein, er schaute sie direkt treuherzig an, es war ihm also ernst mit seiner Behauptung. Der Schuster schickte sich schnell in diese überraschende Sachlage. "Ist das wahr?", fragte er, vor Aufregung schluckend. Und als Adomeit bejahte, da ergriff Wondrak sogleich den unerwarteten Vorteil. "Möchtest du", so forschte er, "möchtest du auch so gut sein und wiederholen dieses große Wort vor der Versammlung am Sonntag? Das würde überzeugen viele, die noch zaudern und möchte sein ein gutes Werk."

Wieder nickte der Krugwirt mit seinem massigen Schädel und so war die Sache abgemacht und besiegelt. Am liebsten hätten die beiden "Brüder" in ihrer Freude ein Gläschen getrunken oder auch zwei. Aber sie erinnerten sich gerade noch rechtzeitig daran, daß sich ein solch frevelhaftes Tun für sie nicht schickte. Und fast im Sturmschritt verließen sie den Ort der Versuchung, um erst am Sonntag wieder zu erscheinen.

Mit ihnen kam nahezu ganz Muschaken mit Kind und Kegel in den "Oberen Krug". Der gewitzte Adomeit hätte eine ganze Wagenladung Himbeerlimonade bestellt und sah mit schmunzelndem Vergnügen, wie reißend der Absatz war. Nur der Redner aus der Stadt mochte auch davon nichts wissen, er trank pures Wasser. Vielleicht wollte er ein Beispiel geben. Umso schärfer wetterte er gegen den "Satan Alkohol", dem man abschwören sollte, ehe es zu spät sei.

Als er geendet hatte, ging der Emil Wondrak zum Rednerpult und verkündete mit zitternder Stimme das Erstaunliche. "Liebe Schwestern und Brüder", hub er an, "nun wird sprechen der Wilhelm Adomeit, den ihr alle kennt als Gastwirt. Und ihr werdet erfahren, daß ihm die Abstinenzler lieber sind als die anderen, die noch immer dem Schnaps und dem Bier verfallen sind." Im Saal entstand mächtige Unruhe. Unter den Zuhörern waren ja auch viele Stammgäste vom "Oberen Krug". Und sie mochten kaum glauben, was da eben gesagt worden war.

Wilhelm Adomeit indes ließ sich davon nicht beeindrucken. Er wuchtete seine zweieinhalb Zentner auf das Podium, ließ seine Augen über die Versammlung schweifen und verkündete dann: "Es stimmt. Ich schätze die Abstinenzler sehr. Und ich will auch erzählen, warum." Ein vergnügtes Zwinkern ging über sein Gesicht, als er fortfuhr. "Also, die Sache ist so. Wenn ein sozusagen normaler Gast kommt, hat er meist die Stiefel voll Dreck. Den schleppt er mir herein. Dann verlangt er ein Kartenspiel oder die Zeitung. Er verpestet die Luft mit dem schlechten Knaster, den er raucht. Dazu trinkt er ein Bier oder zwei und vielleicht noch einen Schnaps, aber vom billigsten. Hinten und vorn will er bedient sein und die Zeche läßt er anschreiben. Also was hab’ ich davon? Viel Arbeit und wenig Verdienst."

Der Wirt machte ein Pause, zwirbelte den Schnurrbart und nahm seine Rede also wieder auf: "Ganz anders ist es mit denen, die Mitglied sind vom Abstinenzler-Verein. So einer kommt heimlich, wenn es schon dunkel ist. Er klopft an die Hintertür, verlangt eine ganze Flasche Korn oder Meschkinnes, zahlt bar und ist auch schon wieder fort. Und ich, ich habe keine Arbeit mit ihm und dabei einen schönen Gewinn. Soll ich da" – der Wilhelm Adomeit verzog sein Gesicht zu einem breiten Lachen – "soll ich da die Abstinenzler nicht lieber haben als die anderen?"

 

Weiter Sommer
Von INGRID WÜRTENBERGER

Neben der Hauswand die blühende Malve,

Bienengesumm im Mittagsglast,

in Staubkuhlen geduckte Hühner,

das verlassene Muhen eines Kälbchens,

an der Hofmauer gefährliche Schatten

gespitzter Katzenohren.

Müder Wassertropfen am Brunnen,

verführerische grüne Welle im Teich

und schwere Gewölbe alter Bäume

über törichtem Mittagstraum.

Bald wird auf eisenbeschlagenen Rädern

das erste Erntefuder eingeholt,

schweißige Pferdeleiber zucken

unter angreifenden Bremsen,

während die Magd mit trägem Blick

dem Knecht ihr Einverständnis

gibt.

Großer, blauer, weiter

Sommer –

 

Ein kleiner Irrtum

Hallo Liesbeth, das ist aber schön, daß wir uns hier treffen! Sag mal, wie lange haben wir uns nicht gesehen? Das muß doch schon ..." Freudestrahlend schließt der Mann die Frau in seine Arme. Die Menschen auf der Straße sehen sich nach ihnen um. Wie nett, die beiden müssen sich wohl schon lange kennen ...

Weit gefehlt! Wenn einer der Passanten diese kleine Szene genauer beobachtet hätte, wäre ihm sicher das erstaunte Gesicht der Frau aufgefallen. Nur mühsam kann sie sich aus den Armen des Mannes befreien. Verlegen stottert sie: "Aber ich kenne Sie doch gar nicht ... Sie müssen mich verwechseln ..." – Verdutzt mustert der Mann sein charmantes Gegenüber. Das kann doch nicht wahr sein ... Die Frau sieht genauso aus wie seine erste Liebe, der Gang, die Frisur, die Gesichtszüge ... Sollte er sich tatsächlich so getäuscht haben? Das wäre ja geradezu peinlich ...

Wem ist das nicht schon einmal passiert? Man sieht ein Gesicht in der Menge und beginnt zu grübeln: Wo bist du diesem Menschen schon einmal begegnet? Man wird unsicher: Soll man grüßen oder lieber nicht? Es kann ja sein, daß man sich täuscht. Auf diese Weise verpassen die Menschen eine Gelegenheit, die so schnell nicht wiederkommt. Vielleicht war es wirklich der Schulfreund, den man am Fußgängerüberweg gesehen hat. Und wenn nicht – dann war es eben ein kleiner Irrtum, der keinem weh tut. SiS