28.10.2021

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15.07.00 Baden in Ostpreußen wieder gefahrlos möglich

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. Juli 2000


Pack die Badehose ein ...
Baden in Ostpreußen wieder gefahrlos möglich
Von Brigitte Jäger-Dabeck

Flirrende Hitze über Ostpreußen, von der Sommerglut ausgedörrte Böden verraten Staubwolken aufwirbelnd jede Bewegung. Was für eine Wohltat ist dann der nächste See. Seidenweiches Wasser umschmeichelt kühlend die Haut, erfrischt wie nichts sonst auf Erden. Also nichts wie hinein ins kühle Naß!

Aber kann man sich auch trauen – man hört ja so allerlei über die Wassergüte – überlegt so mancher Heimatreisende. Die gute Nachricht zuerst: man kann. Zumindest im jetzt polnischen Südostpreußen ist Baden gefahrlos möglich. Generell wird die Wasserqualität in Flüssen, Seen und selbst der Ostsee zwischen Swinemünde und der Frischen Nehrung von Jahr zu Jahr besser; fast alle Strände und Badestellen, selbst solche, die mehr als 20 Jahre geschlossen waren, sind wieder freigegeben.

Was Ostpreußen betrifft, gilt es heute als die am wenigsten belastete Region zwischen Oder und Bug. "Grüne Lunge" nennt man Masuren dort auch gern. Es gibt in der Region nur 20 größere, Abwässer einleitende und Emissionen in die Luft blasende Betriebe und auch hierbei wurde vieles bereits geltenden EU-Richtlinien angepaßt. Die polnischen Gesundheitsämter "Sanepid" und Umweltschutzinspektionen "WIOS" haben die Wasserqualität in drei Klassen eingeteilt. Wasser der Klasse I ist ohne weitere Aufbereitung trinkbar. In Klasse II wird Wasser eingestuft, das für Erholungszwecke und in der Tierzucht verwendet werden darf und nach Aufbereitung auch trinkbar ist. Wasser der Klasse III kann ohne weitere Aufbereitung nur in Industrie und in der Landwirtschaft verwendet werden. Zum Baden geeignet ist daher nur Wasser der Klassen I und II, wobei von den Gesundheitsbehörden besonders auf die bakteriologische Reinheit geachtet wird. Strände mit mehr als 10 000 Fäkalbakterien pro 100 Milliliter Wasser werden sofort geschlossen. Zum Vergleich: kein See der Wasserklassen I oder II weist mehr als 1000 Fäkalbakterien pro 100 Milliliter Wasser auf.

Allerdings sind weder Gesundheits- noch Umweltbehörden in der Lage, alle 3000 ostpreußischen Seen ständig und lückenlos zu kontrollieren. Bei kleineren Seen und Teichen sollte man selbst auf die Wasserqualität achten und nach Empfehlung der polnischen "Sanepid" auf Baden vor allem bei Algenblüte und Wassertrübung verzichten.

Von den bekannteren Seen Masurens erreichen unter anderem der Mauersee, der Wuchsnigsee und der Rheiner See die Wasserklasse I. Weitere 18 der größeren Seen erhielten Wasserklasse II zugesprochen, unter ihnen Beldahnsee, Talter Gewässer, Nikolaiker See, Großer Schobensee, Großer Tiefensee und Kalbensee.

Generell kann man sagen, daß die meisten Badestellen und Strände an Ostpreußens Seen Wasser der Klasse II bieten und somit gefahrlos zum Baden geeignet sind.

Die Sauberkeit der ostpreußischen Seen ist also recht zufriedenstellend, aber sind saubere Seen auch automatisch gesund?

Wobei wir bei der schlechteren Nachricht angelangt wären, denn das ist leider nicht so.

Für die Gesundheitsbehörden ist vorrangig, ob das Wasser bakteriologisch gesehen sauber ist, denn Ökologen der Umweltschutzinspektionen ist diese Wasserqualifizierung gerade bei Seen nicht ausreichend, denn stehende Gewässer sind wesentlich anfälliger als fließende.

Die Mitarbeiter der Alleinsteiner Wojewodschaftsinspektion  für Umweltschutz "WIOS" betonen in ihrem jüngsten Report zur Wassergüte einen ganz anderen Qualitätsindikator. Für sie ist besonders die Widerstandsfähigkeit eines Gewässers gegen die auch Degradation genannte Verschlechterung durch äußere Einflüsse bedeutend.

Sie machten anläßlich der Vorstellung ihres Berichtes am 26. April der polnischen Presse gegenüber deutlich, wie labil das Gleichgewicht der Seen ist. Die Fähigkeit zur Selbstreinigung sinkt immer mehr, schlechtere Wasserqualität droht schon bei geringeren Anlässen, besonders bei flacheren Seen.

Auch Ostpreußens Seen werden zu viele Nährstoffe zugeführt, welche die Nährstoffbilanz aus dem Gleichgewicht bringen. Eine vergleichsweise Kleinigkeit kann dann zu anormalem Pflanzenwachstum führen. Pflanzenwachstum führen. Schilf und Algen nehmen überhand, färben das Wasser grün und trüben es ein, vor allem aber verbrauchen sie immer mehr Sauerstoff. Das große Sterben beginnt, zuerst der Pflanzen, dann der Fische.

Am Ende kippt der See um, verschlammt, verlandet und besteht durch die Faulgase nur noch aus einer übelriechenden, trüben Brühe.

Verantwortlich dafür sind Stickstoff- und Phosphorverbindungen zum einen aus der Landwirtschaft, zum anderen aus Abwässern. Als Hauptübeltäter sieht die WIOS aber nicht etwa Industrie, Gewerbe oder Landwirtschaft, sondern die Ferienzentren und Siedlungen an den Seeufern, die nicht an Kanalisation und Abwasserklärung angeschlossen sind.

Dieses Eutrophierung genannte Horrorszenario  umkippender Seen versuchen die Ökologen der WIOS durch ein Frühwarnsystem zu verhindern. Jeweils im Frühjahr und Herbst werden jedes Jahr andere Seen einem standardisierten Testprogamm unterzogen und an Frühwarnindikatoren gemessen.

Die Resultate einer mehrjährigen Beobachtung ergaben nach Zahlen des Warschauer Umweltinformationszentrums CIOS, daß nur sieben Prozent der 943 getesteten Seen wirklich resistent gegen äußere Einflüsse waren, der große Rest hatte bereits einen Hang zur Eutrophierung.

Am Beispiel des Allensteiner Langsees führen die WIOS-Mitarbeiter immer wieder an, wie unendlich mühsam und langwierig die Rekultivierung eines umgekippten Sees ist. Seit zehn Jahren müht man sich dort mit bescheidenem Erfolg.

Es fehlt also nicht an Warnungen. Im Sinne der Unbedenklichkeit für den Menschen sind die Seen zwar sauber, gesund sind sie deshalb leider noch lange nicht.

Und die Ostsee? Auch hier hat sich vieles zum Guten gewendet. Seit Mitte der siebziger Jahre gab es an Danziger Bucht und Frischer Nehrung immer wieder Badeverbote. Schuld war die Weichsel, die jede Menge ungeklärte Abwässer in die Ostsee spülte. Mittlerweile gibt es in ganz Polen 5000 Abwasserkläranlagen, trotzdem leiten nach Angaben der CIOS noch immer drei Städte mit mehr 100 000 Einwohnern ihre Abwässer nahezu ungeklärt in die Flüsse, darunter auch Graudenz.

Für die Nehrungsstrände wurde die Kläranlage Danzig-Ost 1976 zum Verhängnis. Sie klärte die Abwässer nicht etwa biologisch, sondern filterte sie nur heraus und leitete sie in konzentrierter Form in die Weichsel. Die hochgiftigen Substanzen flossen über die Weichselmündung in die Ostsee, Meeresströmung und Wind trieben die Giftbrühe an die Nehrungsufer. Der höchste Grad der Verschmutzung wurde Anfang der neunziger Jahre erreicht, Baden war in der ganzen Danziger Bucht nur noch in Kahlberg erlaubt.

Vor fünf Jahren baute man das Klärwerk Danzig-Ost um und klärt nun auf technisch neuestem Stand die Abwässer biologisch.

Auf den Effekt mußte man nicht lange warten, die Wasserqualität verbesserte sich von Jahr zu Jahr rapide. In diesem Jahr kann man gemäß "Sanepid" Elbing überall östlich in der Ostsee baden.

Und noch eine gute Nachricht zum Schluß: auch das Wasser des Frischen Haffs wird immer sauberer, in Tolkemit und Kadinen wird eine Wasserqualität der Klasse II erreicht – es darf gebadet werden.