20.10.2021

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22.07.00 Deutsche Bezeichnungen nicht aus dem Sprachschatz verschwinden lassen

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Juli 2000


Namen: Von Nimmersatt nach Breslau
Deutsche Bezeichnungen nicht aus dem Sprachschatz verschwinden lassen

Schon vor der Teilvereinigung taten sich unsere östlichen Nachbarn schwer mit den deutschen Namen von Städten, Dörfern und Landstrichen in Ostdeutschland. Auch westliche Gruppierungen untersützten diese Tendenz, weil sie ihren politischen Absichten gemäß waren, und sprachen lieber von Kaliningrad, Wroclaw und Gdansk anstatt von Königsberg, Breslau oder Danzig.

Die zwangsläufige Orientierung der politischen Kultur der alten Bundesrepublik zu den Westmächten hin tat ein übriges, um deutsche Namen des Ostens schnell in Vergessenheit geraten zu lassen. So schreiben heute selbst sogenannte renommierte Zeitungen Bratislava und Ljubljana, allerdings gelegentlich noch Preßburg und Laibach in Klammern.

Die Öffnung seit 1989 hat zwar im Osten wieder alte deutsche Namen hoffähig gemacht, doch die fünf Jahrzehnte seit Ende des Zweiten Weltkrieges brachten es mit sich, daß die deutschen Bezeichnungen aus dem Sprachschatz praktisch verschwunden sind. Da schreibt eine katholische Nachrichtenagentur vom "Berg der Heiligen Mutter im tschechischen Kraliky". Aber wer erkennt dahinter den bekannten Muttergottesberg bei Grulich, der östlichsten Stadt Böhmens? Werden bald unsere Kochbücher Rezepte für Kaliningrader Klopse bieten?

Neben dem Interesse auswärtiger Politik, alles Ostdeutsche zu diffamieren, war und ist es auch Ignoranz vieler Touristen, denen nur die heutigen Namen geläufig sind. Es ist fast ein Wunder, daß Italienurlauber noch von Mailand, Venedig und Neapel sprachen, nachdem andere Namen wie Tibein, Wiesenthein oder Weiden für Duino, Vicenza oder Udine längst der Vergangenheit angehören. Dieses Phänomen trifft aber auch auf italienische Namen in jenen Ländern zu, die einst italienisch geprägt waren und deren Städtenamen uns über venezianische Kaufleute vermittelt wurden oder die im alten Österreich-Ungarn gebräuchlich waren. Unsere Großeltern hatten in ihren Atlanten die Namen Fiume, Zara, Spalato oder Ragusa, ehe die kroatischen Namen Rijeka, Zadar, Spalato und Dubrovnik an ihre Stelle traten. Aber wer verbindet automatisch und selbstverständlich mit der bis 1808 selbständigen Republik Ragusa das heutige Dubrovnik? Wer erkennt in Werner Bergengruens "Tod von Reval" die estnische Hauptstadt Tallinn?

Ausnahmen von dieser Verdrängung erfolgten nach rein kommerziellen Gesichtspunkten. Budweiser Bier oder Karlsbader Oblaten konnten in der Bundesrepublik eben nicht unter den tschechischen Namen von Städten wie Ceske Budejovice oder Karlovy Vary verkauft werden. Später gab sich eine slowenische Rock-Band bewußt und provokativ den Namen Laibach. In der kroatischen Hauptstadt Zagreb nennen heute Juweliere ihre Läden "Agram-Gold".

Der tschechische Name von Austerlitz ist Slavkov, aber gibt es eine Dreikaiserschlacht von Slavkov? Auf dem Stadtplan von Paris taucht achtmal der Name Austerlitz auf, als rue, quai, gare d’Austerlitz, ja es gibt sogar ein französisches Sprichwort: C’est le soleil d’Austerlitz! Napoleon soll dieses Wort seinen Soldaten im brennenden Moskau 1812 zugerufen haben, um sie an den Sieg von 1805 zu erinnern. Wenn es heute in Paris eine Rue Danzig gibt, muß dann der Deutsche von Gdansk sprechen?

Erfreulich ist immerhin, daß nach der Wende die Deutsche Telekom dank verbesserter Telefonnetze die alten Namen teilweise in ihrem Vorwahlverzeichnis für das Ausland aufführt.

Da steht unter Bosnien-Herzegowina zwar Bosanski Brod, dann aber Bosnisch-Gradiska und Bosnisch-Novi. Unter Estland stehen Reval und Dorpat in Klammern, unter Jugoslawien auch Neusatz, Pantschowa, Semendria, Mitrowitz und Großbetschkerek. Während des Kosovokrieges hätten sich manche Nachrichtensprecher mit diesen Namen leichter getan. Bei Kroatien sind auch Karlstadt, Sissek, Brod, Warasdin und Agram verzeichnet, bei Lettland Dünaburg, Mitau, Libau und Windau, bei Litauen Memel, Tauroggen und Wilna. Bei dem Verzeichnis für Rumänien stoßen wir auf Kronstadt, Klausenburg, Großwardein, Hermannstadt, Temeschburg oder Neumarkt, für die Slowakei auf fast vergessene Namen wie Neusohl, Bartfeld, Käsmark, Neuhäusel, Deutschendorf oder Altschmecks, bei Slowenien auf Veldes, Unterdrauburg, Gutenstein oder Rudolfswerth.

Wenn jetzt die Urlaubsreise nach Breslau oder nach Nimmersatt führt, Polen, Litauer, Tschechen oder Russen müssen sich an die alten Namen neu gewöhnen, denn mit Namen steht oder fällt ein jedes Ding, auch Städte, Dörfer und Landstriche. Rudolf Grulich / P. F.