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22.07.00 Polnischer Historiker lobt Volksgruppe in der Kriegs- und Vorkriegszeit

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Juli 2000


Posen: "Die Deutschen waren loyal"
Polnischer Historiker lobt Volksgruppe in der Kriegs- und Vorkriegszeit

Nicht nur die Nachricht läßt aufhorchen. Noch mehr erstaunt der Absender, von dem man bis vor kurzem ganz andere, hetzerische Töne gewohnt war. Keineswegs seien die Deutschen in Vorkriegspolen die "Fünfte Kolonne" des Reiches gewesen, sondern loyale Bürger der polnischen Republik, stellte jetzt Dr. Dariusz Matelski in einem ganzseitigen Interview der "Gazeta Opolska" (Oppelner Zeitung) fest.

Die Unterstellung, die deutsche Volksgruppe habe bis zur Besetzung Polens 1939 im Dienste des Reiches an der Basis des polnischen Staates gesägt und nach der Unterwerfung Polens besonders eifrig die nichtdeutschen Nachbarn denunziert, gehörte jahrzehntelang zum Standardrepertoire der offiziellen Geschichtsdarstellung.

Beides Unsinn, weiß Matelski. Diese Aussage ist um so bedeutender, als der Historiker als Mitarbeiter des Posener "Geschichtsinstituts" tätig ist. Diese Einrichtung hieß bis vor einiger Zeit noch "Westinstitut". Über Jahrzehnte fungierte sie als berüchtigte antideutsche Propagandamaschine. Von hier etwa stammten die pseudowissenschaftlichen "Belege" für den vermeintlichen urpolnischen Charakter Ostpreußens, Schlesiens, Pommerns und der übrigen Oder-Neiße-Gebiete. Auch die Diffamierung der deutschen Volksgruppe im Polen der Zwischenkriegszeit speiste sich insbesondere aus Posener Material.

Vor allem die im einst russischen und österreichischen Teil Vorkriegspolens lebenden Deutschen hebt Matelski im Gegensatz dazu lobend hervor. Im vormals preußischen Sektor sei es zwar zu "Reibereien" gekommen, aber auch hier seien die Angehörigen der Volksgruppe ihren Pflichten gegenüber dem polnischen Souverän nachgekommen.

Der Historiker lehnt auch die These ab, wonach die deutsche Minderheit alls Fünfte Kolonne "die Septemberniederlage" Polens 1939 begünstigt habe: "Die spätere Historiographie der Volksrepublik Polen hat viel getan, um die Deutschen als Sündenböcke darzustellen ... Damit wollte man von einer real existierenden kommunistischen Fünften Kolonne im Osten ablenken." Hier spielt Matelski auf sowjetorientierte Kräfte an, die der russischen Besetzung Ostpolens 1939 aus dem eigenen Land heraus Vorschub leisteten. Zwar habe es, wie Matelski es auszudrücken pflegt, "deutsche Diversanten" gegeben, doch seien diese eine kleine Minderheit geblieben. Als beispielsweise im Wartheland kurz vor Kriegsausbruch 1939 Spenden für die Einrichtung einer polnischen Luftabwehr gesammelt wurden, hätten die Deutschen Platz zwei der Spender eingenommen.

Auch das Bild der einheimischen Deutschen während der Besetzung durch die Wehrmacht wird laut Matelski verzerrt, meist wurden sie in der polnischen Retrospektive als gemeine Denunzianten hingestellt, die fortwährend ihre polnischen Mitbürger angeschwärzt haben. Eine böse Verleumdung, so der polnische Historiker jetzt: Die meisten Deutschen hätten sich anständig benommen gegenüber ihren polnischen Nachbarn. Vorsicht sei hingegen geboten gewesen bei Leuten, die erst seit dem September 1939 ganz plötzlich ihr Deutschtum entdeckt hätten und sich alle Mühe gaben, in die "Volksliste" aufgenommen zu werden. Diese seien indes bei den zugewanderten Reichsdeutschen und den einheimischen Volksdeutschen ebenso unbeliebt gewesen wie bei den Polen. Die "richtigen" Volks- und Reichsdeutschen ließen laut Matelski die Polen in der Regel also durchaus nicht spüren, daß sie nun wieder die "Herren im Lande" waren. Vielmehr zitiert Dariusz Matelski einen (offenbar volks-)deutschen Polizisten in Posen. Dieser habe während des Krieges geklagt, daß jetzt, unter der deutschen Besatzung, viel mehr Polen ihre eigenen Landsleute denunzierten als dies vor dem Krieg gegenüber der polnischen Polizei der Fall gewesen sei.

Selbst dem neuesten Vorwurf, die Deutschen wollten nach dem Ende des Kommunismus "die polnische Erde aufkaufen", erteilt der Historiker eine Abfuhr: "Diese Angst vor dem Ausverkauf wird in Polen künstlich genährt."

Matelskis Äußerungen könnten der schleichenden Erosion aggressiver Geschichtsmythen weiteren Schub geben. So geistert noch immer die Behauptung herum, der "Bromberger Blutsonntag" sei ein sicherlich grausamer, aber irgendwie auch verständlicher "Racheakt" der Polen an den Deutschen gewesen, die sie "verraten" hätten. Die Opfer, Kinder, Frauen und Männer, werden hier gleichsam wie Partisanen der anrückenden deutschen Truppen vorgeführt, gegen die sich eine verzweifelte polnische Bevölkerung gewehrt habe. Matelskis Äußerungen stellen dem die blanke Wahrheit gegenüber: Loyale Staatsbürger wurden da brutal niedergemetzelt, ein blutiges Verbrechen an Tausenden Unschuldiger, das in keinem Zusammenhang stand zu irgendwelchen vorhergehenden Aktivitäten der Volksdeutschen im "Korridor", in Posen oder in Ost-Oberschlesien.

Noch wesentlicher aber: Mit seinen Beschreibungen des Verhaltens der deutschen Bevölkerung während der Besatzungszeit setzt Matelski all jene ins Unrecht, die die Vertreibung um 1945 mit der Lüge zu rechtfertigen versuchen, die deutsche Minderheit habe sich in der Zwischenkriegszeit als Sprengsatz erwiesen. Dergleichen wäre, so die perfide Logik, von den Deutschen auch nach 1945 zu befürchten gewesen, weshalb es zwar bedauerlich, aber am Ende doch besser sei, daß die Ostdeutschen aus ihrer Heimat verschwinden mußten. Die bestialischen Übergriffe auf die deutsche Zivilbevölkerung werden überdies nicht selten gegen angebliche Grausamkeiten der deutschen Zivilisten gegenüber den Polen während der deutschen Besetzung aufgerechnet, was nach Matelskis Erkenntnissen über das Verhalten der deutschen Zivilbevölkerung ohne Grundlage ist.

Der Posener Historiker sorgt sich indes vor allem um die in der Heimat gebliebenen Deutschen: Deren mittlere Generation "hat die deutsche Sprache verloren und ist mithin häufig auch für ihre Volksgruppe verloren gegangen". Besser sei es um die Kenntnis von Goethes Sprache bei der jungen Generation bestellt, doch werde es noch zehn bis fünfzehn Jahre dauern, bis es bei ihnen mit der deutschen Zunge so richtig klappen werde.

"Versöhnung durch Wahrheit" lautet eine alte Losung der Vertrieben. Dariusz Matelski gehört zur wachsenden Zahl Polen, die sie offenbar einlösen wollen. Daß die Botschaft aus einem Institut kommt, das einst mit dem genauen Gegenteil von Versöhnung und Wahrheit Schlagzeilen machte, mag besonders optimistisch stimmen. Joachim G. Görlich / H. H.