20.10.2021

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22.07.00 Auf der Suche nach der vorgeschichtlichen Sammlung des Königsberger Prussia-Museums (Teil I)

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Juli 2000


Schätze im Kartoffelsack
Auf der Suche nach der vorgeschichtlichen Sammlung des Königsberger Prussia-Museums (Teil I)
Von Heinrich Lange

Zur Jahreswende 1999/2000 kam aus Königsberg die als Sensation gefeierte Nachricht, in einem Fort der Stadt habe man 15 000 archäologische Objekte aus dem ehemaligen Prussia-Museum im Königsberger Schloß gefunden (Das Ostpreußenblatt berichtete, Folge 1/2000). Es hieß sogar, das "Herzstück" der deutschen Prussia-Sammlung" sei entdeckt worden.

Bei dem Fort handelt es sich um eines der zwölf Außenforts um Königsberg aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, das die Nummer 3 und seit 1894 den Namen Kaiser Friedrichs III. trug. Die Feste, beim Sturm der sowjetischen Armee auf Königsberg am 7. April 1945 aufgegeben, liegt am Nordrand der Stadt auf dem Quednauer Berg an der Straße nach Cranz. Erst 1997 wurde der Stützpunkt vom russischen Militär geräumt.

Die Entdeckung der Prussia-Funde kam nicht völlig überraschend. Schon seit zwei Jahren tauchten bei Königsberger Antiquitätenhändlern archäologische Gegenstände, darunter eine Reihe mit Inventarnummern, auf. Letztere Stücke konnte man, da die Katalog- bzw. Inventarbücher in Kaliningrad erhalten sind, als Objekte des Prussia-Museums identifizieren. Einen entscheidenden Impuls erhielt die Suche nach dem Herkunftsort der Funde dadurch, daß im Oktober letzten Jahres einem Händler in Königsberg ein halb gefüllter Kartoffelsack mit über 3000 Stücken, meist kleinen Fragmenten, angeboten wurde. Da "Maxim", der sein Geschäft unweit der Luisenkirche betreibt, die Bedeutung der Funde erkannte, erwarb er sie für die bescheidene Summe von 1000 Rubel und übergab sie dem Museum für Geschichte und Kunst in Königsberg.

Die daraufhin durch die Behörden und das Museum intensivierten Nachforschungen führten wenig später zum Erfolg. Fort III konnte als Ort der Raubgrabungen ausgemacht werden. Obgleich die aus der Zeit der Nutzung des Forts durch das russische Militär herrührende Abfallschicht in einem der Gewölbe schon durchwühlt war, kamen beim Durchsieben des Materials noch archäologische Funde zutage. Die Untersuchungen im November und Dezember 1999 unter der Oberleitung von Awenir P. Owsjanow, dem Leiter der Abteilung für die Suche nach verschollenen Kulturschätzen im Wissenschaftlichen Denkmalpflegezentrum (NPZ), erbrachten offensichtlich an verschiedenen Stellen der Kasematten noch etwa 15 000 Objekte bzw. Bruchstücke. Die Gesamtzahl ist nach Wiederaufnahme der Untersuchungen im Frühjahr 2000 bis Juni dieses Jahres auf etwa 25 000 Stücke angewachsen, so Anatolij Walujew, Archäologe am Museum für Geschichte und Kunst und Leiter der Königsberger Abteilung der Baltischen Expedition (BAE) des Archäologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften in Moskau. Aufgrund des fragmentarischen Erhaltungszustandes der meisten Funde lasse sich jedoch derzeit schwer sagen, um wie viele vollständige Exponate es sich tatsächlich handelt. Die von russischer Seite erfolgte Angabe, die Prussia-Sammlung habe ursprünglich insgesamt 250 000 Objekte, also etwa das Zehnfache, umfaßt, ist offenbar den alten Inventarkatalogen entnommen, über deren Existenz man im Westen erst seit wenigen Jahren weiß. Walujew und seine Mitarbeiterin Olga Chorchewskaja stellten in ihrem Arbeitszimmer im Kellergeschoß des Museums, das sich in der ehemaligen Stadthalle am Schloßteich befindet, die in zwei Schächtelchen verstauten Funde eines Arbeitstages im Juni vor: unter den etwa 15 bis 20 kleinen und kleinsten Stücken befinden sich eine Pfeilspitze aus Feuerstein, Fragmente von bronzenen Fibeln und eine Silbermünze eines preußischen Kurfürsten.

Ein Teil der Funde aus dem Fort wurde bereits in Königsberg und Moskau restauriert, so Gewandfibeln mit in einem Tierkopf endender Fußplatte und eine Armbrustsprossenfibel aus dem 6. bis 7. Jahrhundert, der späten Völkerwanderungszeit. Um ein besonderes Fundstück handelt es sich bei dem Tüllenbeil aus der Bronzezeit, an dem noch ein Rest eines Etiketts hängt und an dessen Schneide Inventarnummer und Fundort zu lesen sind: "V.159.7846 Wonditten (Pr. Eylau)". Walujew ist sich allerdings sicher, daß die besten Stücke bereits von den Raubgräbern verkauft wurden.

Daß in Fort III Bestände des Prussia-Museums ausgelagert wurden, wußten die Russen offensichtlich erst seit der Perestroika von polnischen Fachkollegen. Im März 1995 schrieb Owsjanow im "Königsberger Express", daß 1959 Wolfgang La Baume (1885–1971), Direktor des Landesamtes für Vorgeschichte in Königsberg, seinem polnischen Kollegen Jerzy Antoniewicz in Warschau brieflich mitgeteilt habe: "Silberne Gegenstände aus dem Preußischen Museum wurden zusammen mit zahlreichen anderen Antiquitäten, darunter die berühmten Bronzen, Anfang Januar 1945 im Fort Quednau untergebracht." Auch berichtete Owsjanow, schon Ende der 60er Jahre hätten Militärangehörige die Suchkommission über Funde im Fort informiert. So schrieb 1967 L. E. Titow, bald nach dem Krieg seien bei der von ihm geleiteten Enttrümmerung der Fortkasematten von den Soldaten "Splitter von Bernsteinerzeugnissen, Tierfiguren aus Silber und Bronze, keramische Becher, Vasen und deren Scherben" gefunden worden. Und W. A. Iwanow erinnerte sich 1970: "1946 wanderten wir häufig durch die unterirdischen Gänge des Forts und fanden dabei alte Münzen, Lanzenspitzen, Steine mit Museumsetiketten, Abdrücke alter Tiere auf Steinen und ähnliches." (Fortsetzung folgt)