20.10.2021

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22.07.00 Über 400 Landsleute waren anläßlich der Feierlichkeiten zum 660jährigen Bestehen der Stadt Lötzen erschienen

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Juli 2000


Vergangenheit wurde nicht verschwiegen
Über 400 Landsleute waren anläßlich der Feierlichkeiten zum 660jährigen Bestehen der Stadt Lötzen erschienen

Wo im deutschen Osten meine Wiege stand!"
Diese Worte, gesungen vom Chor des Deutschen Vereins Lötzen, standen als – unausgesprochenes – Motto über den Tagen des Wiedersehens. Die Lötzener gedachten an der Stelle der Gründung ihrer Heimatstadt, an der vor rund 660 Jahren erstmals eine "Leczenburg" erwähnt wurde: die Keimzelle der späteren Stadt Lötzen. Rund 230 Personen waren mit vier Bussen aus der Bundesrepublik Deutschland gekommen. Zusammen mit individuell Angereisten und den heimatverbliebenen Lötzenern waren über 400 Landsleute zu den Jubiläumsfeierlichkeiten erschienen (426 Kirchenbesucher). Leider nahmen die heutigen Einwohner – abgesehen von den offiziellen Vertretern und der Presse – von den Ereignissen kaum Notiz.

Der erste Teil des Festes, die gesellige Veranstaltung in der Freilichtbühne der Feste Boyen, stand unter keinem guten Stern: Es regnete, zwar nicht stark, dafür aber ohne Unterbrechung, und es kühlte sich ab. Dennoch begann auf der großen, überdachten und mit Tontechnik gut ausgestatteten Bühne das vorgesehene Programm pünktlich mit den Darbietungen der polnischen Volkstanzgruppe "Lötzener Erde" in hübschen Trachten. Ihr folgte die "Singgruppe Biestern" unter Leitung von Dariusch Jodko. Die Gesamtleitung der Vorführungen lag in den Händen des Kulturdirektors der Stadt, der auch Deutsch konnte. Er selbst dirigierte die Akkordeongruppe der Musikschule Lötzen, die im Anschluß spielte. Nun hatte der vollzählig angereiste "Siedlerchor" aus Neumünster seinen Auftritt. Als die Damen ihre Vorstellung unter der Leitung von Nora Kawlath mit dem erinnerungsschweren Lied "Heimat, deine Sterne" beendeten, blieb bei den zuhörenden Lötzenern kein Auge trocken.

Weil es für das Publikum keinen Regenschutz gab, verflüchtigten sich immer mehr Teilnehmer oder wandten sich dem überdachten Grillplatz zu. Hier entwickelte sich an manchen Tischen bei schmackhaftem Essen und dazu passenden Getränken so etwas wie Volksfeststimmung, wie man sie für die ganze Veranstaltung erhofft hatte.

Der folgende Himmelfahrtstag, der eigentliche Festtag, brachte dann aber in jeder Beziehung einen Ausgleich. Bei strahlendem Sonnenschein strömten die Landsleute in die frisch hellgelb verputzte Lötzener evangelische Kirche. Mit Günter Braun, einem Sproß der Familie Fago, sprach ein Pfarrer zu den Anwesenden, der in dieser Kirche getauft wurde und dessen Großvater hier auf der Kanzel gestanden hatte. Er ließ die schönen Choräle "Ich singe dir mit Herz und Mund", "Lobe den Herren", "Nun danket alle Gott" und "Großer Gott wir loben dich" singen, die Pfarrer Jagucki an der Orgel begleitete. Der evangelische Kirchenchor Lötzen trug das Lied "Laudate omnes gentes" ("Lobt alle Völker") vor. Seine Predigt stellte Pfarrer Braun unter die Verse 10 und 20 aus dem 2. Korinther. So umklammerte mit dem zu Beginn gesungenen Kanon "Dona nobis pacem" ("Gib uns Frieden") und dem Schlußsatz der Predigt "Lasset euch versöhnen mit Gott!" (2. Kor. 20) der Versöhnungsgedanke den Gottesdienst – als "Vision der Zukunft", wie Pfarrer Braun in Anlehnung an ein Zitat betonte. Neben dieser Vision erblickte jeder Mensch aber die "Photographie der Gegenwart" und das "Gemälde der Vergangenheit". Auf die Betrachtung dieses Gemäldes legte der Prediger den Akzent, ohne "unsere Narben wieder zu Wunden zu machen". Das ist ihm dank seiner sprachlichen Kompetenz auch gelungen – eine zu Herzen gehende Predigt.

Im Anschluß an den Gottesdienst begaben sich zahlreiche Landsleute zu dem Gedenkstein auf dem Gelände des alten Lötzener Friedhofs. Hier legte Kreisvertreter Erhard Kawlath einen Kranz nieder und gedachte in würdiger Form aller Toten, wobei er die verschiedenen Gruppen der Opfer gesondert beim Namen nannte.

Im Saal des Restaurants Mazurski fand dann der eigentliche Festakt statt. Er wurde von der Kreisgemeinschaft Lötzen zusammen mit dem Deutschen Verein ausgerichtet. Dazu war eine Reihe von Ehrengästen erschienen. Von deutscher Seite seien genannt: Hartmut Unterlehberg, Oberbürgermeister, und Helmut Lohse, Stadtpräsident der Patenstadt Neumünster, sowie René Nehring als Vertreter des Bundesvorstandes der Landsmannschaft Ostpreußen; von polnischer Seite: Dr. Marian Lemecha, Bürgermeister der Stadt Lötzen, mit dem 1. Stadtrat May und Waclaw Strazewicz, Landrat des Kreises Lötzen. Grußworte sprachen Oberbürgermeister Unterlehberg, Dr. Lemecha, René Nehring und Barbara Ruzewicz, 2. Vorsitzende des Deutschen Vereins. Alle Redner äußerten sich in verbindlichen, zukunftsorientierten Formulierungen, ohne die Vergangenheit zu verschweigen. René Nehring nannte dabei die Umstände von Flucht und Vertreibung beim Namen. Das mag in den Ohren mancher polnischer Zuhörer vielleicht ungewohnt geklungen haben, aber zu den verbindenden abendländischen Werten, zu denen sich die Polen bekennen, gehört ein objektive Geschichtsbetrachtung. Dieser steht bei vielen von ihnen immer noch die zwar liebgewonnene, dennoch aber verlogene kommunistische bzw. einseitige nationalistische Sicht auf die Vergangenheit im Wege.

Höhepunkt des Festaktes war die Unterzeichnung der "Urkunde über die Partnerschaft zwischen der Stadt Lötzen/Gizycko und der Kreisgemeinschaft Lötzen e. V. mit Sitz in Neumünster, Bundesrepublik Deutschland" (siehe Kasten). Die eingeplante Festansprache mußte entfallen, da der vorgesehene Redner, Dr. Sigurd Zillmann, Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, an der 660-Jahr-Feier nicht teilnehmen konnte. Statt dessen gab Kreisvertreter Erhard Kawlath einen kurzen Überblick über die wechselvolle Geschichte Lötzens. Während des Festaktes hatte der "Siedlerchor" noch zwei Auftritte, danach sang der Chor des Deutschen Vereins unter der Leitung von Dariusch Jodko. Den Abschluß bildete der gemeinsame Gesang des Ostpreußenliedes. Hans-W. Erdt