28.10.2021

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29.07.00 Über fiktionale und reale Friedhöfe an der Mottlau

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 29. Juli 2000


Danzig: Heimkehr nach dem Tod
Über fiktionale und reale Friedhöfe an der Mottlau
Von Petra Schirren

Klein, aber fein ist das Theater, das sich bis Ende August in einer Privatwohnung in der Danziger ulica Danusi 1 (früher Anton Möller-Weg) abspielt. Die Räume wurden vom Ostseekulturzentrum (Nadbaltyckie Centrum Kultury) eigens angemietet, um Günter Grass‘ Erzählung "Unkenrufe" in der Nähe des Geburtshauses des Schriftstellers zu inszenieren.

Seit der Premiere am 16. Mai bringen sechs Schauspieler des Danziger Theaters "Wybrzeze" das Stück drei Mal wöchentlich mit großem Erfolg auf die improvisierte Bühne. Eine Stunde lang können bis zu 40 Zuschauer – mehr finden auf der vierstöckigen Tribüne keinen Platz – Theater zum Anfassen erleben.

Das Thema der "Unkenrufe" ist eine polnisch-deutsche Friedhofsgesellschaft in Danzig. Vertriebenen Deutsche kehren nach ihremTod in die Hansestadt zurück, auf eine eigens dafür von der Friedhofsgesellschaft angelegte Grabstätte. Weitere derartige Friedhöfe für Stettin, Breslau und Posen sind geplant. Das Stück brandmarkt die polnische Zerstörung all dessen, was deutsch war, besonders der vielen alten Friedhöfe, die es nun, da sie gebraucht werden, nicht mehr gibt. So werden sie in der Vorstellungswelt der 1992 erschienenen Erzählung neu angelegt.

Von der Ausstrahlungskraft des Werkes zeugt eine Begebenheit aus dem Herbst letzten Jahres: Damals erhielt der "Bund der Deutschen Minderheit in Danzig" über das örtliche Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland zu dem besagten Friedhof eine Anfrage aus Australien. Eine betagte Danzigerin, die es auf den Fünften Kontinent verschlagen hatte, interessierte sich sehr dafür, in der Heimatstadt ihre letzte Ruhe zu finden.

Sie war völlig davon überzeugt, daß die von Günter Grass beschriebenen Grabstätte tatsächlich existiert. Die Fiktion wurde Wirklichkeit. Mit großem Bedauern sah sich die Danziger Organisation der deutschen Minderheit gezwungen, die Landsmännin aufzuklären.

Noch immer sind die "Unkenrufe" das Ergebnis dichterischer Phantasie. Aber so ganz auszuschließen ist es wohl nicht, daß sie sich eines nicht mehr fernen Tages als Prophetie erweisen könnten.

Ein Schritt in die richtige Richtung ist die für den 21. August ab elf Uhr vorgesehene Einweihung eines Gedenksteins für jene Danziger Deutschen, die auf den Dutzenden in den 1960er und 1970er Jahren von der kommunistischen Verwaltung eingeebneten Friedhöfen begraben lagen. Finanziert wird der Gedenkstein durch den seit gut zehn Jahren bestehenden Bund der Deutschen Minderheit in Danzig, dem einschließlich der Ortsgruppen in Bütow, Dirschau, Gdingen, Lauenburg, Wierschutzin und Stuhm über 4500 Mitglieder angehören.

Zur gleichen Zeit und am gleichen Ort, nämlich in der Abteilung Nr. IX auf dem Garnisonsfriedhof am Olivaer Tor wird ein weiteres Gräberfeld für im Zweiten Weltkrieg gefallene Wehrmachtssoldaten seiner Nutzung übergeben. Das heißt, von da an kann dort die Beisetzung exhumierter sterblicher Überreste von deutschen Soldaten beginnen, die auf den in der Nähe gelegenen Schlachtfeldern begraben wurden.

Am 28. Juni sind auf einem der Friedhofsfelder bereits Gefallene aus der Ge´gend von Bohnsack umgebettet worden. Nur ungefähr jeder dritte konnte identifiziert werden, bei den anderen haben dies die Grabräuber durch ihre Gier nach Erkennungsmarken für immer verhindert. Eine Dokumentation aller feststellbaren Namen auf einer Gedenktafel soll am Ende der Arbeiten erfolgen. Insgesamt will der Volksbund bis Ende 2001 rund 3000 Exhumierungen vornehmen lassen.

An den Einweihungsfeierlichkeiten für die elfte seit 1990 auf dem Gebiet der Republik Polen angelegte Begräbnisstätte für Wehrmachtssoldaten werden Vertreter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge sowie des bundesdeutschen Generalkonsulates in Danzig teilnehmen, des weiteren Vertreter der Wojewodschaft Pomorski, der Stadt Danzig, Angehörige der deutschen Minderheit aus der Region sowie Vertreter der in Warschau ansässigen Stiftung "Erinnerung". Letztere befaßt sich im Auftrag des Volksbundes mit der Anlage von Friedhöfen für deutsche Soldaten auf polnischem Staatsgebiet.

Der Danziger Soldatenfriedhof ist der kleinste dieser Art im Nachbarland, aber er liegt auf geschichtsträchtigem Gelände im Zentrum der Stadt. Direkt neben ihm befindet sich ein Friedhof für deutsche Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg sowie für Gefallene aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Nicht weit entfernt sind auf mehreren eigenen Grabfeldern französische, russische und sowjetische Soldaten zur letzten Ruhe gebettet.

Zu einer wenigstens nach dem Tod manifestierten Versöhnung fehlt in der schönen Stadt an der Mottlau also nur noch der von Günter Grass vorgedachte Friedhof für heimatvertriebene Deutsche.