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29.07.00 Friedrich Nietzsche – Leben, Werk und Wirkung

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 29. Juli 2000


Gedenken: "Flamme bin ich sicherlich ..."
Friedrich Nietzsche – Leben, Werk und Wirkung
Von OLIVER GELDSZUS

Kein Philosoph der Neuzeit hat die Gemüter bis zum heutigen Tag heftiger erregt als Friedrich Nietzsche. Keiner hat es vor ihm geschafft, sowohl in den einstigen kommunistischen Staaten wie auch bei der katholischen Kirche gleichermaßen auf dem Index zu stehen. Nach wie vor polarisiert der eigenwillige Philosoph, ohne daß eine eindeutige Zuordnung gelingt. Der sich am 25. August zum einhundertsten Mal jährende Todestag Nietzsches bündelt zwar noch einmal im besonderen das vielfältige Interesse an seiner Person in Form von Publikationen und Ausstellungen, doch die Aktualität seiner Philosophie wäre auch ohne dieses Datum ohnehin vorhanden gewesen.

Selten auch ist im nachhinein das Lebenswerk eines Philosophen derart eng mit dem Lebensweg in Verbindung gebracht worden wie im Fall Nietzsches. Das lag nicht zuletzt an ihm selbst; an seinem Hang und auch seiner Kunst zur Selbstdarstellung, seinem eher unüblichen Lebenswandel in Italien sowie seiner im Spätwerk immer stärker vollzogenen Identifikation mit dem griechischen Gott Dionysos in fataler Abgrenzung zum herkömmlichen Kirchenchristentum. Gerade der Untertitel seiner Autobiographie "Ecce homo", "Wie man wird, was man ist", deutete bereits unmißverständlich an, daß hier ein Philosoph sich selbst durch sein Werk zu erklären sucht. So konnte es kaum ausbleiben, daß Nietzsches einsames, entsagungsvolles Leben als Leiden an der Welt und der Wahrheit erschien.

Vor allem die Mischung aus Selbstbewußtsein in den Schriften und Scheitern im wirklichen Leben war für die früh einsetzende Disposition der Künstler aus der Halbwelt des "Fin de Siécle" und des Expressionismus zu seinem Werk verantwortlich. Ohnehin waren es immer wieder Dichter, die sich seiner liebevoll annahmen, sich öffentlich auf ihn beriefen und sich von seinem gepflegten Stil und seiner Lehre beeinflussen ließen. Daß er einer der "Verkanntesten, Einsamsten" war, dessen "Herz überfloß vor Liebe zum Menschengeschlechte", befand etwa der junge Hermann Hesse, während der lyrische Einzelgänger Georg Trakl in Nietzsches Leben seine eigene Einsamkeit wiedererkannte und Stefan George und sein (weithin wohl homoerotischer) Kreis unter Berufung auf ihn die Idee eines neuen Adels zu begründen suchte.

Der Philosoph, der für derartige Regungen sorgte und sich selbst gern als "Dynamit" bezeichnete, wurde 1844 in Röcken bei Leipzig als Sohn des protestantischen Dorfpfarrers geboren. Der Vater verstarb früh an den Folgen einer Gehirnerweichung – ein Erbteil, das stets auch für Nietzsches Ende im Wahnsinn verantwortlich gemacht wird, wenn auch nach wie vor eindeutige medizinische Belege für diese These fehlen. Nietzsches Kindheit verlief glücklich und in enger Beziehung zu seiner älteren Schwester Elisabeth, die Jahrzehnte später zu seiner Nachlaßverwalterin werden sollte. Nach dem Tod des Vaters zog die Mutter mit den Kindern nach Naumburg, wo Nietzsche in dem ehemaligen Kloster Schulpforta das dortige Elitegymnasium besuchte.

Anschließend studierte er in Bonn und Leipzig Klassische Philologie. Nietzsche galt als äußerst begabt und hatte eine steile akademische Karriere vor sich: mit nur 25 Jahren und noch nicht einmal promoviert, wurde Nietzsche 1869 auf Empfehlung seines Mentors Ritschl zum außerordentlichen Professor der Klassischen Philologie in Basel ernannt. Normalerweise hätte dies die Eintrittskarte in ein gehobenes bürgerliches Leben sein müssen, Familie und Gelehrtenkarriere inklusive. Nicht so bei Friedrich Nietzsche. Er fühlte sich nie recht wohl in Basel, wohl auch bald unverstanden und zog sich schließlich mehr und mehr in ein einsames Dasein zurück. Statt der Basler Damenwelt die nötigen Avancen zu machen, grübelte er in seiner Freizeit über die Beschaffenheit der Welt nach – der leise Abschied von der Philologie.

Wirklich glücklich waren die Basler Jahre für ihn nur in einer Hinsicht: durch die Freundschaft zu Richard Wagner, der mit Cosima nach der Revolution von 1848 in Luzern im Schweizer Exil wohnte. Die Beziehung zu Wagner war für Nietzsche äußerst fruchtbringend und stimulierten ihn zu seiner ersten Schrift "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" – ein gründlich unverstandenes Werk, das Nietzsche vollends der Philologen-Zunft entfremdete und geradezu in die Arme der Philosophie trieb. In diesem Frühwerk sind bereits die Grundzüge des nietzscheanischen Denkens zu erkennen: zurückgehend auf Schopenhauer postulierte Nietzsche die grundlegende Antinomie zwischen Leidenschaft und Vernunft und definierte daraus die dionysische und die apollinische Seite des antiken Griechentums. Seine These in deutlicher Anlehnung an die eigene Gegenwart: Nur das Dionysische kann der Kultur den notwendigen wiederbelebenden Impuls verschaffen, sonst erstarrt sie unweigerlich in der eigenen Dekadenz. In Wagner sah und verehrte Nietzsche dieses dionysische Element, bis er sich Jahre später enttäuscht von ihm zurückzog.

Nicht nur die Philologen ignorierten sein Werk; es wurde auch darüber hinaus kaum zur Kenntnis genommen. Nietzsches Gesundheitszustand verschlechterte sich immer mehr. Er litt unter penetranten Kopfschmerzen und einem heftigen Augenstechen. Auch seine zweite Veröffentlichung, die "Unzeitgemäßen Betrachtungen", wurde kein Erfolg. 1876 schließlich beurlaubte ihn die Universität Basel mit einer jährlichen Pension zur Wiederherstellung seiner Gesundheit – doch er sollte nie wieder zurückkehren. Damit war die hoffnungsvolle akademische Karriere früh gescheitert; Nietzsche sah darin jedoch nicht zuletzt ein immenses Maß an Befreiung. Auf der unruhigen Jagd nach Plätzen, wo das Klima seine Schmerzen erträglicher machte, irrte er fortwährend, in der Regel allein, in Italien umher, nur selten zog es ihn nach Naumburg zurück. Bald kristallisierten sich Sils-Maria im Schweizer Hochgebirge als Sommer- und Turin als Winterresidenz heraus.

Wie kaum ein anderer in dieser Schärfe außer Marx hat Nietzsche seine eigene Lebenszeit als Übergangsepoche zur Moderne angesehen. Im Morgen, wenn nicht gar im Übermorgen vermutete er auch stets seine Leser. Zunächst hatte er kulturelle Themen wie Bildung, Erziehung, Wissenschaft kritisch beleuchtet, zunehmend jedoch rückte die Politik in sein Blickfeld, wenn auch nicht in direkter, tagesaktueller Form. Denn im Grunde – und hier ganz Romantiker – war Nietzsche die Politik ein eher sekundärer Bereich, in jedem Fall der Philosophie und den Künsten untergeordnet. So konnte er auch im "Ecce homo" von sich behaupten, der "letzte antipolitische Deutsche" zu sein. Dennoch zeigte er zeit seines Lebens Interesse an den politischen Strömungen seiner Zeit, etwa der Sozialdemokratie oder dem Antisemitismus. Am deutsch-französischen Krieg 1870/71 hatte er freiwillig als Sanitäter in Lothringen teilgenommen und erst später distanzierte er sich vom Kaiserreich, das ihm dann als Hort der Verdummung und der geistigen Dekadenz vorkam. Aus dem jugendlichen Patrioten und Nationalisten wurde zunehmend der kosmopolitische Denker, was Heidegger 1936 zu der Formel von der "europäisch-planetarischen Metaphysik" Nietzsches anregte.

Mit der gewohnten Schärfe und dem psychologisch entwaffnenden Blick, der ihm eigen war, entlarvte Nietzsche nacheinander Demokratie, Liberalismus, Parlamentarismus und Sozialismus als Äußerungsformen des nach seiner Lehre allgegenwärtigen Willens zur Macht. "Liberal" war für Nietzsche ohnehin nur "ein vornehmes Wort für Mittelmaß", Demokratie ein Ausdruck politischer Schwäche. Als Verächter der Masse kritisierte er an ihr vor allem das permanente Buhlen um Mehrheiten. Der Sozialismus war ihm nichts anderes als ein neuer "Sklavenaufstand der Moral": "Gleichheit der Rechte fordern, wie es die Sozialisten der unterworfenen Kaste tun, ist nimmermehr Ausfluß der Gerechtigkeit, sondern der Begehrlichkeit." Als ersten "Sklavenaufstand der Moral" betrachtet Nietzsche das Christentum – für ihn nichts anderes als "die Rache Judäas gegen das herrschaftliche Rom" –, der zweite begann für ihn mit der Französischen Revolution 1789, der dritte drohte nun in den sozialistischen Bewegungen. Dagegen proklamierte Nietzsche den Gedanken der Aristokratie – verstanden im wahrsten Sinne des Wortes als Herrschaft der Besten, nicht des damals zumeist schon längst verkommenen Erbadels. Nicht zu Unrecht erkannte daher der dänische Literaturprofessor Georg Brandes, der als erster Gelehrter überhaupt 1888 in Kopenhagen eine Vorlesung "om den tyske filosofen" gehalten hatte, bei ihm einen "aristokratischen Radikalismus". Dementsprechend war und blieb Nietzsche den linken, an Marx orientierten Intellektuellen fremd und suspekt. Bereits 1891 kanzelte ihn Franz Mehring als "Philosoph des Kapitalismus" ab, und Georg Lukács erklärte 1934: "Es gibt kein einziges Motiv der faschistischen Ästhetik, das nicht direkt oder indirekt von Nietzsche stammt." Allerdings hatte sich Hitler immer wieder geweigert, Nietzsche zum großen Philosophen des Nationalsozialismus auszurufen. Zwar ließ er sich demonstrativ neben der Marmorbüste des Philosophen in Weimar ablichten, empfing er von Elisabeth Förster-Nietzsche den Spazierstock ihres Bruders und wurde 1938 pompös mit dem Bau eines Nietzsche-Tempels in Weimar begonnen, doch ansonsten hielt sich der Staat eher zurück. Dagegen behauptete Mussolini, sein Faschismus sei "die Verwirklichung der Ideenwelt Nietzsches". Wohl kaum hätte sich Nietzsche in der Welt des Duce wiedererkannt. Zweifelsohne aber hat er Teile der faschistischen Ideologie in seinem Spätwerk vorweggenommen – als Seismograph künftiger politischer Entwicklungen. Das späte, mit dem berühmten "Zarathustra" 1883 beginnende Werk unterscheidet sich insofern fundamental von seinen bisherigen Schriften, als Nietzsche nun zunehmend Zukunftsvisionen entwickelte. Und auch die Analyse des Bestehenden wurde immer schärfer, kompromißloser und schließlich exaltierter. Im Blickfeld dabei vor allem: die Dekadenz: der geistige wie kulturelle Verfall, den er in den europäischen Kulturen überall witterte, sowie das Kirchenchristentum, dessen Ethik er für die schleichende Schwäche des Abendlandes verantwortlich machte. Zu den Schlagworten des Spätwerks wurden nun Nihilismus, Wille zur Macht, Übermensch, die Ewige Wiederkehr des Gleichen sowie die neue Gerechtigkeit als Ausdruck einer neuen Moral der Stärke. Der Nihilismus stand in engem Zusammenhang mit der von ihm geforderten "Umwertung aller Werte" – der Überwindung von Dekadenz und Christentum. Der Übermensch war für Nietzsche die nötige Konsequenz aus der für ihn manifesten Tatsache des "toten Gottes": "Wie können wir aber leben ohne Gott? Muß der Mensch da nicht über sich selbst hinauswachsen?", so fragt Nietzsches zweites Ich Zarathustra. All dies sollten auch die Ingredienzen seines geplanten Hauptwerkes "Der Wille zur Macht" sein, für das nur Skizzen, Exzerpte und Konspekte existieren. Denn im Januar 1889 kulminierte Nietzsches Krankheit endgültig. In einer wahnsinnigen Pose brach der deutsche Philosoph vor einem Droschkengaul in Turin zusammen und verbrachte die letzten elf Jahre seines Lebens geistig umnachtet in Naumburg und Weimar, wo er am 25. August 1900 starb. Zu Lebzeiten kaum zur Kenntnis genommen, verursachte ihm sein Wahnsinn eine ungeheure Popularität, die sich nach seinem Tod zu Weltruhm steigerte.

Nietzsche hat niemals seine Zukunftsvisionen konkret geäußert. Das macht es einerseits so spannend, ihnen im Werk nachzuspüren, das macht andererseits auch ihren nach wie vor aktuellen Charakter aus. Nachdem einige seiner Hauptgedanken wie der Wille zur Macht und der Übermensch in der Vergangenheit gründlich mißverstanden und vulgarisiert worden sind, spricht einiges dafür, daß nun seine Idee der Ewigen Wiederkehr des Gleichen im neuen Jahrhundert für Furore sorgen wird. Sie war für den Philosophen selbst ohnehin seine wichtigste Lehre; ein Terminus im Sinne einer konservativen Revolution; die Welt als Kreislauf und Ort potentiell gleichbleibender Kräfte. In jedem Fall bietet Nietzsches Werk noch genügend neue Aspekte und Facetten – es wird auch weiterhin mit ihm nicht langweilig werden.