28.10.2021

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29.07.00 Dem Niemandsländer Nikolaus Lenau zum 150. Todestag

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 29. Juli 2000


"Chopin der Lyrik"
Dem Niemandsländer Nikolaus Lenau zum 150. Todestag

Der Name ist bekannt. Viele wissen, daß er zu seiner Zeit ein berühmter Lyriker war, manche können ein Gedicht zitieren, weniger bekannt ist seine Lebensgeschichte. Findet hier etwa Verunehrung eines Dichters statt? Nein, es ist der heutige Kenntnisstand junger und älterer Menschen. Frage: Sollte man um den Lyriker Lenau wissen? Ja, denn er paßt in seiner seelischen Zerrissenheit, Unstetigkeit, seinem Fluchtzwang in unsere Zeit, die kaum Geborgenheit kennt und sie doch fortdauernd sucht. Ein frühes Gedicht spiegelt die psychische Grundstimmung dieses "Chopin der Lyrik", wie Stefan Zweig ihn nannte: Vergänglichkeit! Wie rauschen deine Wellen/ Dahin durchs Lebenslabyrinth so laut!/ In deine Wirbel flüchten alle Quellen,/ Kein Damm, kein Schutz sich dir entgegenbaut!

Geboren wurde Lenau am 18. August 1802 in Csatád, einem überwiegend mit Deutschen besiedelten Dorf auf damals ungarischem Boden, heute Lenauheim in Rumänien. Sein Geburtsname lautete: Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau. Der Dichter benutzte nur die beiden Endsilben des Adelsprädikats: Lenau. In ärgere Familienverhältnisse hätte der Knabe kaum hineingeboren werden könne. Der Vater, österreichischer Offizier, der "schöne Niembsch", hatte die schwangere Therese Maigräber widerwillig geheiratet. Sie war ungarischer Abstammung, neigte zu Schwermut, zu hypochondrischem Ungestüm und vererbte diese Eigenschaften ihrem Sohn. Der Vater seinerseits verankerte im Sohn den Wandertrieb, die Unberechenbarkeit, den Hang zum Abenteuer, zum Luxus. Die Schönheit vererbte er ihm auch. Vater Strehlenau ließ sich mehrmals versetzen, zuletzt ohne Familie nach Wien. Der Besuch von Spielhäusern und Bordellen gehörte zu seinen Gepflogenheiten. Er starb plötzlich, verbraucht durch Ausschweifungen. Um dem "kleinen Niki" und seinen beiden Schwestern eine Bleibe zu sichern, heiratete Therese ein zweites Mal. Die Rechnung ging nicht auf. Der Mann war ein Kurpfuscher, ständig auf der Suche nach Patienten in den Städten und Steppen zwischen Donau und Theiß. Die Eheleute trennten sich. Therese und die Kinder fanden Unterschlupf in der Nähe eines Friedhofs bei Pest. Sie hausten im ehemaligen Leichenhaus, denn die Näharbeiten der Mutter reichten für den Lebensunterhalt nicht aus. So folgte Lenau mit der Schwester Magdalena dem Angebot der Großeltern, zu ihnen nach Stocherau bei Wien zu ziehen. Therese mietete sich in Preßburg ein. Sie erlag 1829 einem Krebsleiden. Mit ihr verlor Lenau einen Menschen, den er zwanghaft-abgöttisch geliebt hatte. Die Mutter blieb nicht die einzige Frau, der er in unlösbarem Bann verfiel; Liebeshörigkeit zerstörte sein Leben.

An verschiedenen Universitäten studierte er Philosophie, Jura, Medizin. Kein Studium geriet zum Brotberuf. Schon längst hatte er den Dichter in sich entdeckt. Fast 30 Jahre alt, ausgestattet mit einem kleinen, von der Großmutter ererbten Vermögen, reiste er nach Stuttgart, wo er in illustren schwäbischen Dichterkreisen Bewunderer, Förderer, seinen Verleger Cotta und Ruhm fand. Justinus Kerner, Gustav Schwab zählten zu seinen engsten Freunden.

Aber auch ihnen gelang es nicht, Lenau von seinem Amerika-Abenteuer abzuhalten. In dem von politischen Querelen heimgesuchten Deutschland setzte er seine Hoffnung auf das Land jenseits des Ozeans: Du neue Welt, du freie Welt,/ An dem blütenreichen Strand/ Die Flut der Tyrannei zerschellt: / Ich grüße dich, mein Vaterland!

Am 25. Juni 1832 schiffte er sich mit seinem Diener Philipp Huber nach Übersee ein. Das vermeintlich freie "Vaterland" erwies sich als Horrorszenarium. Die amerikanischen Lebensgewohnheiten, die Erwerbssucht der Emigranten stießen ihn ab. Allerdings wollte auch er reich werden, um von den Erträgen sein Künstlerdasein in Europa zu finanzieren. Zu diesem Zweck kaufte er sich für 3000 Gulden Land in Crawford im Gebiet New Lisbon, das er Huber zur Bewirtschaftung anvertraute. Bar jeder Sach- und Menschenkenntnis machte er zusätzlich den Einwanderer Ludwig Häberle zum Mitverwalter. Eine verhängnisvolle Entscheidung, denn der Erzgauner hinterging den integren Huber und machte sich aus dem Staub. Erst 1847, nach dem Tod Hubers, der versucht hatte zu retten, was zu retten war, erhielt Lenau die Kapitalanlage und Zinsen von den neuen Landbesitzern überwiesen. Zu dieser Zeit aber lebte er bereits seit drei Jahren in der Psychiatrischen Klinik Oberdöbling in Österreich.

Ab 15. April 1833 hatte er – amerikamüde – New York verlassen und betrat Ende des Monats deutschen Boden. Er war, wie von ihm ersehnt, durch Urwälder geritten, hatte die Niagarafälle glitzern sehen. Und sonst? Was brachte er mit nach Europa? Viel! Seine dichterische Sprache glänzte mit neuen Ausdrucksmitteln. Der Lenau-Experte Vincenzo Errante schrieb: "Neben dem Galopp der Czikos und Betjahrs und der Husaren durch die magyarische Steppe, neben der Klage des Schiffs über dem Wasserspiegel des stillen tiefen Teichs vernehmen wir jetzt in jener lyrischen Landschaft das Geprassel des Platzregens, ein Rauschen der Urwälder und die Gesänge der mythischen, die Tiefe des Ozeans bevölkernden Wesen."

Die Schiff- und Wanderlieder, Heidegedichte, Reise- und Abendbilder wurden bei Cotta veröffentlicht. Lenau war ständiger Mitarbeiter der renommierten Zeitschrift "Das Morgenblatt" und wurde weit über Stuttgart hinaus gefeiert. Werke, die er als Versepiker und Dramatiker verfaßte ("Faust", "Die Albigenser", "Savonarola", "Don Juan"), erlangten weniger Popularität. Die "Wanderlieder", Lenaus Spätwerk, sein "Schwanengesang", entstanden bei einsamen Spaziergängen durch weite Waldgebiete; sie nehmen – so Errante – eine Sonderstellung ein: "Während der Mensch (Lenau) in immer tiefere Umnachtung versinkt, erklimmt der Dichter noch einmal einen in strahlenden Lichterglanz getauchten Gipfel. Sein sterbender Geist entfesselt letzte aufleuchtende und lange währende Blitze mit gewaltiger Kraftfülle eigenster Herrlichkeit."

Wenden wir uns einzelnen Frauen zu, die er liebte, jedoch ohne jemals eine dauerhafte Verbindung einzugehen. Seine zunehmende Verworrenheit und die hieraus resultierenden chaotischen Gefühlswelten ließen ihn die ersehnte Beständigkeit, Geborgenheit nicht finden.

21 Jahre war Lenau alt, als er für ein "graziöses und anmutiges Wiener Mädel" entflammte: Berta Hauer. Drei Jahre loderte das Feuer. Das Kind wurde geboren, Lenau wollte heiraten, zur Eheschließung kam es nicht. Lenaus Mutter und sein Schwager Anton Schurz sträubten sich gegen die Verbindung mit "einem Mädchen niedrigsten Ranges". Sie schürten Zweifel, ob das Kind von ihm sei. Lenau wich zum ersten, durchaus nicht zum letzten, Mal zurück.

Die zweite Leidenschaft war Lotte Gmelin, die Nichte Schwabs. Anno 1830 in Stuttgart, an den Ufern des Neckars, begegnete er ihr. Gemeinsame Ausflüge wurden unternommen; er lauschte auffallend häufig ihrem Klavierspiel und Gesang. Stuttgart hörte die Hochzeitsglocken läuten. Die Romanze endete mit seiner Flucht nach Heidelberg, doch die "Schilflieder" machten sie unsterblich. Durch sein Verhalten büßte er die Freundschaft der Familie Schwab ein.

Der Ruf der Unwiderstehlichkeit umwob Sophie von Löwenthal. 1833 traf er sie als Gattin des Finanzmannes Max von Löwenthal. Dieser hatte selbst literarische Ambitionen und freute sich, den berühmten Lenau kennenzulernen; er bot ihm Unterkunft und Gastfreundschaft an. Die unseligste Liebe Lenaus begann. Qualvoll erlebte er das Familienleben der Ehegatten – und glaubte sich dennoch geliebt. Daß Sophie, kokette Diva der Wiener Salons, sich mit ihm schmückte, seine Versuche, sich von ihr zu trennen, rüde vereitelte, erkannte Lenau nicht. Sophie lag es fern, einer Liebelei wegen ihre gesellschaftliche Stellung zu riskieren; ein apartes Spielzeug genügte ihr. Elf Jahre – bis zu den ersten Symptomen seiner geistigen Umnachtung – pendelte er zwischen Stuttgart und Wien hin und her, getrieben vom Zwang, im Bannkreis Sophies zu weilen.

Zweimal während dieser Zeit versuchte Lenau Befreiung, er hatte andere Liebe gefunden und wollte heiraten. Beide Mal griff Sophie ein, übertölpelte sogar ihren Mann und nahe Verwandte zu fragwürdiger Mittäterschaft; sie gab vor, Lenaus Bestes zu wollen. Am 24. Juni 1839 lernt Lenau in Wien die bejubelte Sängerin Karoline Unger kennen. Schwärmerische Briefe gehen nach Wien; Sophie, die "Unwiderstehliche", wittert Unrat, spielt die Kranke, ruft Lenau nach Bad Ischl. Über seine Heiratsabsichten weiß sie Bescheid. Sie stellt ihm vor Augen, daß eine Ehe zwischen einer reichen Primadonna und einem mit kargen Mitteln versehenen Poeten direkt in die Hölle führt; auch verlöre er an persönlicher Reputation, der Ruf der Unger sei anrüchig. Das Gift zeigte Wirkung. Lenau trennt sich von Karoline. Mit einem "Zettel" bittet er Sophie um Verständnis, "daß ich einmal verrückt war in dem Gedanken, ein Glück zu finden – außer mit Dir".

Anno 1844 startete Lenau eine zweiten Lösungsversuch: In Baden-Baden, im Hotel d’Angleterre, sitzt ihm eine junge Dame in Trauerkleidung gegenüber. Er erfährt, daß sie Marie Behrends, Tochter des verstorbenen Bürgermeisters von Frankfurt am Main, ist. Erneut ist Lenau überzeugt, die Gefährtin fürs Leben gefunden zu haben; ungebärdiger denn je erstrebt er friedvolle häusliche Geborgenheit. Wieder mischt Sophie die Karten. Diesmal argumentiert sie, Marie Behrends sei zu arm. In einer Ehe ohen sorgenfreies Auskommen würde er zerbrechen. Lenau beginnt zu schwanken und ist Argumenten nicht mehr zugänglich.

Am 29. September frühstückt er mit der befreundeten Familie Reinbek. Plötzlich ein rasender Schmerz im Gesicht. Er springt auf, stürzt zum Spiegel. Er sieht den linken Mundwinkel hochgezerrt, die rechte Wange ist gelähmt. Klar erkennt er, daß sein geistiges Leben erlöschen wird. Und so geschieht es.

Die letzte Phase seines Lebens verbringt er in psychiatrischen Kliniken, sogenannten "Irrenanstalten", zunächst in Winnental. Emilie Reinbek, Marie Behrends, die nie heiraten wird, fahren zu ihm. Freunde kommen, sehen fassungslos den von Tobsuchtsanfällen Gezeichneten.

Im Mai 1847 wird er nach Oberdöbling bei Wien gebracht, wo er am Morgen des 22. August 1850 entschläft. Hören wir noch einmal Vincenzo Errante: "Wo die Währingerstraße nach links gegen Döbling abbiegt, liegt der kleine Kirchhof von Währing … Ein wenig entfernt im Kirchhof von Weidling, am Ufer eines kleines Baches, gegenüber der Donau, die von hier aus nach den Steppen des heimatlichen Ungarns fließt, ruht Lenau. Um ihn herum tiefes Schweigen, nur durch das Rauschen der Wasser unterbrochen. ,Hier muß sich’s gut ruhen lassen, wenn möglich, möchte ich hier begraben sein‘, hatte er zu seiner Schwester gesagt. Friedhof der Waldlieder! Und im Friedhof der ,Waldlieder‘ haben sie ihn zur ewigen Ruhe gebettet. In die Gruft wurde, der Sitte gemäß, das zerbrochene Wappenschild der Niembsch von Strehlenau gesenkt und bedeckt so die irdische Hülle des letzten seines Geschlechts, der ohne Nachkommen von dieser Erde schied." – Die Schlußstrophe aus einem "Waldlied": Daß alles vorübersterbe,/ Ist alt und allbekannt;/ Doch diese Wehmut, die herbe,/ Hat niemand noch gebannt.

Alljährlich verleiht die Künstlergilde Esslingen den "Nikolaus-Lenau-Preis für internationale Lyrik". Für 1999 wurde er dem kosovarischen Lyriker Ali Podrimja zugesprochen. Seine "Ballade" könnte für den toten Lenau geschrieben sein:

Er ward nicht mehr gesehen –

die WELT kreist und kreist

in ihrer Schüssel versinkend –

von keinem gespielt

schallt die FLÖTE –

in einem Wald der MENSCH

er ging

und er ward nicht mehr gesehen.

Esther Knorr-Anders