28.10.2021

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29.07.00 Auf der Suche nach der vorgeschichtlichen Sammlung des Prussia-Museums in Königsberg (Teil II)

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 29. Juli 2000


Prussia-Schätze im Kartoffelsack
Auf der Suche nach der vorgeschichtlichen Sammlung des Prussia-Museums in Königsberg (Teil II)
Von Heinrich Lange

Am aufschlußreichsten ist der Bericht von I. I. Altscha kow von 1968: "Einmal erkundete ich zusammen mit meinen Kameraden die unterirdischen Gänge von Quednau, indem wir uns den Weg mit einer kleinen Laterne beleuchteten. Als wir eine Lücke sahen, stiegen wir hinunter und landeten in einem isolierten Zimmer, ungefähr 3 mal 5 Meter groß, in dem Kisten unterschiedlicher Größen aufeinander lagerten. Als wir eine von ihnen aufdeckten, wurden wir ziemlich enttäuscht. Außer irgendwelchen Steinen, Elfenbeingegenständen und Erzeugnissen aus Bronze und Kupfer, die uns nicht gefielen, entdeckten wir nichts."

"Natürlich wurden", so der staatliche Ermittler Owsjanow, "die damals aufgefundenen Wertgegenstände teils entwendet, teils vernichtet." Daß im Fort das bedeutendste Museumsgut ausgelagert war, hielt Direktor La Baume noch in einem Feldpostbrief vom 23. März 1945 aus der eingeschlossenen Festung Königsberg fest. In dem im Archiv des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin aufbewahrten Dokument heißt es unter anderem: "Ein zweiter großer Teil der Sammlung (Studiensammlung und Auswahl aus der Schausammlung) lagert in dem alten Fort bei Quednau nördlich von Königsberg; es sind 34 Kisten und einige Schaukästen (sämtliche Bronzen der Bronzezeit und frühen Kaiserzeit, die meisten Gold- und Silberschmucksachen, sowie das Inventar mehrerer Gräberfelder). Dorthin waren diese Sachen wegen Luftgefahr gebracht worden. Bei Zuspitzung der Lage an der Ostfront konnte nicht mehr an den Abtransport dieser Kisten gedacht werden. Ich habe mich am 24. 2. 1945 davon überzeugt, daß diese Altertümer seitens der Kommandantur des Forts Quednau an ihrer Stelle in dem vorzüglich gesicherten Bunker belassen worden sind."

Zur vorgeschichtlichen Abteilung des Prussia-Museums schrieb Alfred Rohde (1892–1945), Direktor der Städtischen Kunstsammlungen, in dem noch 1942 von der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten in Berlin in fünfter erweiterter Auflage herausgegebenen Führer "Das Schloß in Königsberg (Pr) und seine Sammlungen": "Die Schausammlung, die nur eine Auswahl aus dem sehr reichen Fundstoff an ostpreußischen Altertümern aus Gräbern, Siedlungsstellen und Hortfunden (Verwahrfunden) enthält, bietet einen Überblick über die ostpreußische Vorgeschichte von der Steinzeit bis zur spätheidnischen Zeit." Die im Erdgeschoß des Südflügels in Raum 1 bis 6 präsentierte Schausammlung war, wie La Baume bezeugt, "bei dem Brande des Schlosses am 30. August 1944 (Luftangriff) fast unberührt geblieben …". Durch das Landesamt wurde die Schausammlung so weit gesäubert und geordnet, daß im Frühjahr 1945 die Wiedereröffnung der Schausammlung hätte stattfinden können, wenn nicht im Januar 1945 die russische Front sehr schnell bis Königsberg vorgedrungen wäre. Ich habe nach der Einschließung der Festung Königsberg die Schausammlung beständig überwacht … Um für die Sicherung der Schausammlung (die übrigens durch Herausnahme der wichtigsten Stücke reduziert worden war [eben der Exponate, die ins Fort Quednau ausgelagert wurden, Anm. d. Verf.] ) das Menschenmögliche zu tun, habe ich im März 1945 sämtliche Fenster und eine Außentür (ehemaligen Eingang) vollständig zumauern lassen."

Von diesen bis zur Kapitulation der Stadt am 9. April 1945 im Schloß verbliebenen Beständen der Schausammlung wurden nach dem Krieg Teile geborgen. Wie jüngst der Moskauer Archäologe Wladimir A. Kulakow, Leiter der Baltischen Expedition des Archäologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften, und andere in einer russischen Zeitschrift mitteilten, "gelang es Prof. A. J. Briusow, einem Bruder des bekannten Poeten, aus den Ruinen des königlichen Schlosses … auch archäologische Exponate" zu retten. "Ein Teil davon verblieb in dem für Rußland neuen Gebietszentrum Kaliningrad. Weitere mehr als 90 Einheiten … kaufte 1950 das damalige Kaliningrader Heimatmuseum von den ,Suchern‘ A. J. Maximow und B. F. Neumark … auf." Und noch 1967/1968 (!), vor der Sprengung des Schlosses, "fand der Museumsangestellte W. N. Strokin in den Ruinen des Schlosses Reste von Kisten mit Exponaten und Inventurlisten, die zusammen mit Soldaten der deutschen Wehrmacht … jahrzehntelang unter den Trümmern der eingestürzten Wände des Museums gelegen hatten." (A. A. Walujew, K. N. Skworzow und W. I. Kulakow, Ein aus der Asche erstandener Schatz, in: "Tolkemita", Mitteilungen 1/2000.)

Die in der Schloßruine gefundenen Ausstellungsstücke, deren genaue Anzahl bisher nicht bekannt ist, befinden sich heute im Museum für Geschichte und Kunst. Ob auch Teile der Prussia-Sammlung in den vormaligen Geheimdepots im Moskauer Puschkin-Museum und in der Staatlichen Eremitage in St. Petersburg verwahrt werden, wie für archäologische Bestände aus dem Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin Museen bezeugt, ist nicht bekannt. In der archäologischen Abteilung des Königsberger Museums sind neben den umfangreichen Neufunden der seit Anfang der 90er Jahre durchgeführten Grabungen auch rund 150 vorzügliche Exponate in fünf Vitrinen ausgestellt, die als Altbestände aus dem Schloß gekennzeichnet sind: Schmuck, Trachtzubehör und Geräte aus Bronze, Kupfer und Silber aus dem 2. bis 13. Jahrhundert. Von den bisher in Moskau untersuchten 2053 Objekten sowohl aus den Ruinen des Schlosses als auch aus dem Fort III konnte laut Mitteilung aus Moskau vom 8. Januar 2000 für 55 ganze und 118 fragmentierte Objekte – also 8,2 Prozent – die Herkunft aus dem Prussia-Museum bestimmt werden (vgl. Tolkemita 1/2000). Nach den angeführten Quellen und Recherchen vor Ort muß die Angabe von Wilfried Menghin, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, vom August 1998, über "den Verbleib der reichen Schausammlung ist nichts bekannt", nachgebessert werden (vgl. Vorwort zur Monographie von Woiciech Nowakowski, "Die Funde der römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit in Masuren", Berlin 1998).

Ein großer Teil des nicht ausgestellten Materials, die zu wissenschaftlichen Zwecken dienende Studiensammlung, wurde nicht, wie allgemein angenommen, im Schloß, sondern im Landesamt für Vorgeschichte, Hintertragheim 31, aufbewahrt. Diese magazinierten Bestände und das Fundarchiv wurden, wie La Baume dokumentierte, bereits "1943 nach Rastenburg-Carlshof gebracht … Hiervon ist bei weitem das meiste im Dezember 1944 und im Januar 1945 nach Vorpommern geschafft worden". Der Inhalt eines der beiden Waggons "lagert in Schloß Brook bei Demmin". Der Inhalt des anderen "konnte infolge Transportschwierigkeiten nicht nach Brook gebracht werden; diese Sachen wurden in einem leer stehenden Barbierladen in der Hauptstraße in Demmin untergebracht … In Carlshof geblieben sind die großen Schränke, ein kleiner Teil der Schubladen, etwa 500 Stück Keramik (Auswahl), die durch Zusammenstürzen des Regales … größtenteils schwer gelitten hatte, sowie die nach Carlshof gebrachten Bücher und Zeitschriftenserien der Prussia-Bücherei ... In Brook lagern auch das gesamte Fundarchiv, die Ausgrabungspläne, die Negativsammlung u.a.m.".

Die in Carlshof bei Rastenburg verbliebenen Funde wurden nach dem Krieg in einer Kirche der Irrenanstalt von Carlshof aufgefunden und in das Museum für Ermland und Masuren in der Burg Allenstein verbracht. Laut Miroslaw J. Hoffmann vom Institut für Archäologie der Universität Warschau enthielten die über 20 in Carlshof aufgefundenen Kisten "hauptsächlich neolithische Keramik- und Feuersteinfunde und Keramik und Metalle aus der Römischen Kaiserzeit". Diese werden im Museum in der Burg Allenstein "etwa 1100 verschiedene Exemplare aus dem Prussia-Museum" aufbewahrt.

Der Großteil der Studiensammlung und das Fundarchiv, die nach Demmin ausgelagert wurden, wurde leider systematisch geplündert, bevor durch die Bemühungen von Wilhelm Unverzagt (1892–1971), dem Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, die 125 zum Teil zerstörten und beraubten Kisten nach Ostberlin überführt und der Akademie der Wissenschaften übergeben wurden. Im Keller des Gebäudes (ehemaliges Herrenhaus des Preußischen Landtags) in der Leipziger Straße wurden die Funde dann über 40 Jahre ignoriert. Mit der Wende erfolgte 1990/91 die Übergabe des Materials an das Museum für Ur- und Frühgeschichte in Ostberlin und wurde im Dachgeschoß des Alten Museums zwischengelagert. 1992, im Zuge der Umstrukturierung der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, gingen die Bestände schließlich an das Museum für Vor- und Frühgeschichte im Charlottenburger Schloß. Hier wurden und werden seit 1995 die Funde, die sich durch die lange und unsachgemäße Lagerung größtenteils in einem ungeordneten und beklagenswerten, zum Teil nicht mehr rettbaren Zustand befanden, zunächst restauriert und katalogisiert, und das umfangreiche Fundarchiv – Kartei, Negativsammlung (Glasplatten), Notizbücher, Grabungsdokumentation, Korrespondenz usw. – gesichtet und archiviert.

1999/2000 wurden im Fort III allerdings nicht das "Herzstück der deutschen Prussia-Sammlung" ("Der Spiegel"), das "prußische Atlantis" (Walujew, Skworzow und Kulakow) entdeckt und die "gesunkene Titanic der prussischen Archäologie" gehoben (Owsjanow). Das "Ereignis der wiedergeborenen Exposition" gehört noch nicht "zu den wenigen ,Mythen des 20. Jahrhunderts‘, die zur geschichtlichen Realität wurden" (Walujew u. a.). Vielmehr steht die "kulturhistorische Sensation von europäischer Bedeutung" (Owsjanow) noch aus. Von dem von La Baume erwähnten, ins Fort ausgelagerten Museumsgut fehlen nicht nur "die meisten Gold- und Silberschmucksachen", sondern vor allem auch "die berühmten Bronzen", nämlich "sämtliche Bronzen der Bronzezeit und frühen Eisenzeit" – zumindest der Großteil. Gerade für diese Epochen, so rühmte Richard Dethlefsen (1864–1944), der Provinzialkonservator Ostpreußens, im Jahre 1925, gehörte die Prussia-Kollektion zu den "ersten Museen der Welt überhaupt".

Das Königsberger Gebietsmuseum für Geschichte und Kunst unter der Direktorin Jelena Penkina hofft, die neuen Funde aus dem Fort nach ihrer Restaurierung bald in einer Ausstellung präsentieren zu können. Zur Zeit fehlen aber noch ausreichende finanzielle Mittel, nicht zuletzt für die Anschaffung von Vitrinen. Gebietsgouverneur Leonid Gorbenko soll zwar eine halbe Million Rubel zugesagt haben, doch bisher seien erst 30 000 zur Verfügung gestellt worden. Man habe auch, so Walujew, einen Bittbrief an das Deutsch-Russische Haus (DRH) in Königsberg geschrieben, das Kontakte zu deutschen Institutionen und Regierungsstellen pflegt. Aus Deutschland und Berlin habe man jedoch von offizieller Seite bisher nichts gehört.

Es bleibt dennoch zu hoffen, daß die Rekonstruktion und wissenschaftliche Bearbeitung der ehemaligen bedeutenden vorgeschichtlichen Sammlung des Prussia-Museums, des ostpreußischen Landeskundlichen Provinzialmuseums, von der heute Teile der Schausammlung, der Studiensammlung und der Archivalien in Königsberg, Allenstein und Berlin erhalten sind, in Zusammenarbeit von russischen, polnischen und deutschen Wissenschaftlern erfolgen kann. Dazu wäre jenseits aller Besitzansprüche und der Frage einer Zusammenführung der Bestände, zu deren Lösung die Politik gefordert ist, die Gründung einer gemeinsamen wissenschaftlichen Kommission erforderlich. (Schluß)