25.10.2021

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05.08.00 Charta

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. August 2000


Charta
Von Peter Fischer

Die Kulisse war überaus symbolträchtig: Vor den bis fast auf den Grund niedergebrannten Fassaden des Stuttgarter Neuen Schlosses wurde am 5. August 1959 die Charta der Heimatvertriebenen als Grundlage einer zukünftigen gesamteuropäischen Friedensordnung verabschiedet. Mit dem Abstand von nunmehr fünf Jahrzehnten treten Weg, Ziel und Bilanz jener Denkschrift überdeutlich und schmerzhaft hervor, die in ihrer Sinnmitte sich noch einmal aus jenem abendländischen Geist nährte, der heute offiziell so vollkommen verlorengegangen scheint.

Dabei konnte man nach dem Ende des Krieges durchaus seinen schnellen Frieden mit den Siegern und ihrem Separatismus sowie ihrem ganzen ungeistigen Wollen schließen:Opportunismus und feiges Einducken galten allemal mehr als Einsatz für Rechtsstaatlichkeit und Selbstbestimmung. Insofern war die Charta der Vertriebenen eine erste Frontstellung gegen das Potsdam der Sieger, bei der selbst sie, durchaus im Besitz totaler Macht, keine endgültige Entscheidung über Ostdeutschland treffen mochten.

Bei den Westmächten zeigte sich durchaus eine Kontinuität im Festhalten am Ziel an, während immerhin die von Adenauer so hartnäckig ignorierte Note Stalins vom März 1952 auch die Möglichkeit einer Freigabe Ostdeutschlands enthielt. Die von Heinz Lippmann 1971 verfaßte Honecker-Biographie kolportierte, "immer, wenn Honecker schlecht gelaunt ins Büro kam, hieß es, er habe geträumt, Adenauer sei zurückgetreten ...". Beide bedingten gewissermaßen einander, und dennoch kontrastierte dabei zur separatistischen Regierungspolitik stark die Opposition und der übergroße Teil des deutschen Volkes. Niemand besaß in dieser Zeit größere nationale Reputation als der Westpreuße Kurt Schumacher, der Verzicht auf die Heimat und die Anerkennung der "widernatürlichen Oder-Neiße-Grenze kurzerhand als "Verrat" bezeichnete.

Will man freilich die Charta unter dem Aspekt deutscher Außenpolitik werten, so muß man der Tatsache Rechnung tragen, daß die Abtretung Ostdeutschlands Teil alliierter Kriegspolitik war. Wo sie nicht eigener Zielvorstellung entsprach, diente sie der "Entlohnung" treuer Vasallen, wie dies schon im Ersten Weltkrieg praktiziert worden war. Der Austritt Italiens aus dem Block der Mittelmächte wurde mit der Übertragung Südtirols an Rom honoriert.

Erst auf diesem Hintergrund und des im Zweiten Durchgang noch deutlicheren weltweiten Kampfes um Absatzmärkte, Rohstoffe und dauerhafte Schwächung des Gegners wird deutlich, welche Herausforderung die Feststellung der Charta darstellte, "den Menschen mit Zwang von seiner Heimat trennen, bedeutet, ihn im Geiste zu töten". Und zudem gefordert: "Daher fühlen wir uns berufen zu verlangen, daß das Recht auf Heimat als eines der von Gott geschenkten Grundrechte der Menschheit anerkannt und verwirklicht wird".

Es gab daher damals keine größere politische Sprengkraft als die Forderung nach Heimat, da sie die Revision der Ziele der Sieger á priori einschloß. Und so war es nur eine Frage der Zeit und des politischen Geschicks, daß die Charta von Siegern und ihren willigen Helfern unterhöhlt wurde. Der britische Staatssekretär Ivon Kirkpatrick enthüllte: "Er (Adenauer) sei der Meinung, daß die Eingliederung Westdeutschlands in den Westen wichtiger sei als die Einigung Deutschland". Diesem Bekenntnis folgte die "Ostdenkschrift" der EKD oder ein Wort von Klaus v. Dohnany, SPD,1980 Staatssekretär im Auswärtigen Amt über die Vertriebenen: "Es hätte sie niemand daran gehindert, dort zu bleiben".

Der Weg von politischer Neutralisierung zu Spott und Hohn ist kurz, wenn man bedenkt, daß die Verantwortlichen nach 1989 das ostdeutsche Problem und die Sinnmitte der Charta der Vertriebenen auf das bolschewistische Niveau des "Görlitzer Vertrages" von 1950 führen konnten. Es gehört zu dieser Wendeschleife, wenn Vertriebene nunmehr zu nahezu völliger Inaktivität verdammt werden und bei feierlichen Anlässen Vertriebene auf Punkt 1 der Charta festgelegt werden, der den Verzicht auf "Rache und Vergeltung" einschließt. Vertriebene besitzen bekanntlich weder Privatarmeen noch Waffenfabriken. Der Verzicht auf Rache entspricht dem hohen Ethos der unmittelbaren Nachkriegszeit, das erst unter dem Eindruck einer falschen, fremdbestimmten Politik zu einem schauderhaften Nihilismus pervertierte und dazu führte, daß Vertriebene an den Rand unseres Volkes gedrückt wurden.

In der Folge aber verkam ganz Mitteleuropa, und seither scheint sich auch die ganze übrige Welt im Zustand einer heillosen Hölle von Flucht, Vertreibung und Unbehaustheit zu befinden.