28.10.2021

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05.08.00 Das Thema "Verschleppung" in die Öffentlichkeit gebracht

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. August 2000


Das Schweigen gebrochen

Das Thema "Verschleppung" in die Öffentlichkeit gebracht

Fünfzig Jahre Schweigen sind zuviel" – mit diesem Aufruf, ein in der deutschen Öffentlichkeit meist tabuisiertes Thema endlich einmal anzusprechen, hat sich der Frauenverband des Bundes der Vertriebenen (BdV) im Frühjahr auf einer Tagung in Berlin für die Belange verschleppter Frauen und Mädchen eingesetzt. Das Engagement scheint Früchte zu tragen, so befaßte sich das Polit-Magazin "Fakt" des Mitteldeutschen Rundfunks in seiner Juli-Sendung mit dem Schicksal der Frauen, die zum Ende des Zweiten Weltkriegs Opfer der Sieger-Willkür wurden. Während alle Welt von NS-Zwangsarbeitern rede, gingen deutsche Frauen, die in die Sowjetunion deportiert und zu harten Arbeiten gezwungen wurden, leer aus. Den nach langen Jahren in die damalige DDR entlassenen Frauen war es verboten, über ihre Zeit im "Gulag" zu sprechen. Auch im Westen war das Thema ein Tabu. Ganz zu schweigen von einer angemessenen Entschädigung. Der Historiker Klaus-Dieter Müller sprach in diesem Zusammenhang von Opfern zweiter Klasse; es sei höchste Zeit zum Handeln.

Das Schweigen gebrochen haben schließlich auch Autorinnen wie Freya Klier mit ihrem Buch "Verschleppt bis ans Ende der Welt" oder die Ostpreußin Hildegard Rauschenbach mit ihren Erinnerungen an die eigene Deportation und Zwangsarbeit in dem Lager Schadrinsk. Ihre Bücher sind übrigens jetzt ins Russische übersetzt worden und finden dort einen sehr aufgeschlossenen Leserkreis.

Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und danach hat die 1928 in Libau/Lettland geborene Historikerin Margarete Dörr gesammelt und unter dem Titel Wer die Zeit nicht miterlebt hat ... in drei Bänden veröffentlicht (Campus Verlag, Frankfurt/Main, New York. 1580 Seiten, alle drei Bände zusammen 98 DM). Von 1988 bis 1996 befragte Dörr über 500 Frauen nach ihren Erfahrungen in dieser schicksalsschweren Zeit. Wie erlebten sie den Alltag des Krieges, wie standen sie dem Nationalsozialismus gegenüber, wie überstanden sie die Nachkriegsjahre mit Hunger und Not, wie erlebten sie die Flucht, die Vertreibung, wie überlebten sie die Verschleppung? Hausfrauen kommen ebenso zu Wort, wie Bäuerinnen oder Geschäftsfrauen. Entstanden ist ein Lesebuch, das auch dann noch von dem Schicksal deutscher Frauen und Mädchen berichtet, wenn die Zeitzeuginnen nicht mehr erzählen können.

In Band I sind zehn repräsentative Lebensgeschichten zu finden, während in Band II der Kriegsalltag geschildert wird. Band III beschäftigt sich mit der Haltung der Frauen zum Nationalsozialismus und ihr Erleben der ersten Nachkriegsjahre. Das Thema Verschleppung und Zwangsarbeit wird in Band II behandelt. "Dies Kapitel der Nachkriegsgeschichte", so Margarete Dörr, die auch Vorträge vor unterschiedlichstem Publikum hält (vor Schülern und Studenten, aber auch vor Seniorenkreisen), "ist in der historischen Wissenschaft so gut wie ganz vernachlässigt worden und ist in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Dabei waren nicht nur einzelne Menschen davon betroffen ... Das Schicksal der Verschleppung traf die Menschen, vor allem auch die Frauen, wahllos." Und immer wieder die Frage: Wie hält man die Strapazen, die Unmenschlichkeit aus? Margarete Dörr erhielt mehrschichtige Antworten: "Man konnte nicht gegen sein Schicksal anrennen ... aber man konnte seinen Lebenswillen dagegensetzen ... daraus erwuchsen dann auch die List, die Findigkeit, die Stärke, die Selbstdisziplin und die Bewahrung der Selbstachtung, die zum Überleben notwendig waren." Darüber hinaus wird auch erörtert, "wie schwer es war, in einer fremden und ziemlich verständnislosen Umwelt wieder neu anzufangen und sich eine Existenz aufzubauen".

Margarete Dörr betont, es gehe ihr einmal um die Frauengeschichte und "damit um die Frauen selbst, denen ich Gerechtigkeit widerfahren lassen möchte. Es geht mir aber auch um die Nachwachsenden, um die Auseinandersetzung mit dieser schwierigen Zeit." Ursula Seiring, selbst Betroffene, geht noch weiter, sie erklärte in der "Fakt"-Sendung, sie wolle auch weiterhin für die Frauen kämpfen, die in den Massengräbern in Sibirien liegen: "An die denkt keiner!" Silke Osman