25.10.2021

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05.08.00 Die Gralshüterin des Geldes

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. August 2000


Das historische Kalenderblatt: 26. Juli 1957
Die Gralshüterin des Geldes
Mit der Gründung der Deutschen Bundesbank wurde der Grundstein für währungspolitische Stabilität gelegt
Von Philipp Hötensleben

Bis heute gilt die am 26. Juli
1957 ins Leben gerufene
Deutsche Bundesbank als oft kopiertes, aber nie erreichtes Erfolgsmodell. Diese Nachfolgeinstitution der von den westlichen Besatzungsmächten geschaffenen Bank deutscher Länder ist nicht nur die erste Zentralbank, die in Europa gegründet wird, sondern sie wird ein Garant für die sprichwörtliche währungspolitische Stabilität der Deutschen Mark.

Ihre von der Verfassung mit dem Bundesbankgesetz garantierte Unabhängigkeit ermöglicht ihr im Gegensatz zu manch anderen Zentralbanken einen großen finanzpolitischen Spielraum. So sorgen die auf den traditionellen Donnerstagssitzungen des Zentralbankrats gefaßten zinspolitischen Beschlüsse in den folgenden Jahrzehnten zumeist für überaus heftige Kursbewegungen auf den Börsenplätzen dieser Welt. Die in Frankfurt in einem 13-stöckigen Betonhochhaus beheimatete Bundesbank gilt seit ihrer Gründung als eigentliche Regentin Europas. Sie spricht für das bevölkerungsreichste und wirtschaftlich potenteste Land des Kontinents. Auf diese deutsche Führungsrolle reagieren vor allem das stolze Frankreich und Großbritannien schnell mit einer Mischung aus Furcht und Bewunderung. Ihre Beschlüsse ernten bei Deutschlands Nachbarn deshalb nicht nur Lob und Anerkennung. Vielmehr sind sie des öfteren Anlaß für finanzpolitische Querelen, denn die übrigen europäischen Zentralbanken müssen – ob sie wollen oder nicht – der unumstrittenen Leitwährung der Alten Welt folgen. Dies schafft natürlich immer wieder Dissonanzen und läßt auch alte Ressentiments und Befürchtungen vor einem übermächtigen Deutschland wieder aufleben. In England gilt die Institution schlicht als "die Bank, die Europa regiert".

Nicht immer spannungs- und reibungsfrei sind im Laufe der Jahrzehnte auch die Beziehungen der Bundesbank zu den jeweiligen Bundesregierungen. Im Konfliktfall pochen die machtbewußten Banker selbstsicher immer wieder auf ihre Unabhängigkeit und bringen damit manch einen Finanzminister und Bundeskanzler in Verlegenheit und Rage. Unvergessen sind die Machtkämpfe zwischen dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt und Bundesbankpräsident Karl Klasen und dessen Amtsnachfolger, Karl Otto Pöhl. An den "Evangelisten der Weltfinanz", wie sie ein englischer Finanzexperte ironisch bezeichnet, kommt auch Schmidts Nachfolger, Helmut Kohl, nicht vorbei. Karl Tietmeyer und Hans Schlesinger bieten auch dem nachmaligen Finanzminster Theo Waigel Paroli.

Der Rat des bis dato einflußreichen und weltweit geschätzten Bundesbankpräsidenten ist dann plötzlich nicht mehr allzu gefragt, denn die eifrigen Bemühungen der Eurokraten, den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union eine gemeinsame Währung aufzuzwingen, haben für die deutschen Währungshüter empfindliche Folgen. Der "Macht am Main", wie die Bundesbank in Abwandlung eines berühmten alten deutschen Liedes ironisch genannt wird, steht in absehbarer Zukunft ein rapider Bedeutungsverlust bevor. Dies wird bereits mit der Einführung der "butterweichen" Kunstwährung "Euro" am 1. Januar 1999 deutlich.

Auf internationaler Ebene wird zukünftig die neu geschaffene Europäische Zentralbank, EZB, und ihr derzeitiger Präsident Wim Duisenberg auch für die Deutsche Bundesbank sprechen und entscheiden. Ironie der Geschichte ist, daß die EZB ihre starke Stellung dem ehemaligen Bundesbanker Karl-Otto Pöhl verdankt. Er gilt in Fachkreisen als der geistige Vater der Einführung eines einheitlichen europäischen Währungssystems. Pöhl ist es auch, der sich vehement und erfolgreich für die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank einsetzt. So wird diese Institution ihre währungspolitischen Entscheidungen, deutschem Vorbild entsprechend, autonom treffen können. Ob sie allerdings dem politischen Druck auch in der Praxis standhalten kann, erscheint mehr als zweifelhaft. Erste nachgiebige und kompromißhafte Entscheidungen lassen zumindest nichts Gutes erwarten.

Sie machen das währungspolitische Experiment einer einheitlichen europäischen Währung zu einem gefährlichen Vabanque-Spiel. Es stimmt traurig, daß der Deutschen Bundesbank, dieser einstigen "Gralshüterin der deutschen Währung", wohl eher untergeordnete Kompetenzen bleiben. Zum Leidwesen vieler Deutscher erlebt die Bundesbank zur Zeit einen vergleichbar gravierenden Bedeutungsverlust wie die Deutsche Mark.

Schon werden Spekulationen und Gerüchte nach dem Sinn und Zweck der Bundesbank laut. Ihr Fortbestehen wird letzten Endes davon abhängen, ob sie in der Lage ist, neue und sinnvolle Aufgaben- und Kompetenzbereiche für sich zu erschließen. Ihr Versuch, sich die Aufgaben der bisher von einer eigenen Behörde verwalteten Bundesschulden einzuverleiben, ist jedenfalls nicht erfolgversprechend. Derzeit scheint die Bundesbank ihr Heil deshalb eher in Sparideen zu suchen. So steht auch die Existenz der neun Landeszentralbanken offenbar zur Disposition. Damit scheint neuer Streit vorprogrammiert, denn die Präsidenten der Landeszentralbanken werden ihre eifersüchtig bewachten Pfründe sicherlich nicht freiwillig preisgeben.

Die Zukunft der zur Zeit von Bundesbankpräsident Ernst Welteke geleiteten Institution ist deshalb mehr als ungewiß. Das historische Gründungsdatum der Bundesbank vom 26. Juli 1957 muß deshalb mit großer Wehmut registriert werden, geht doch eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte unweigerlich zu Ende.