25.10.2021

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05.08.00 In Deutschland vergessen – in Sibirien geehrt

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. August 2000


In Deutschland vergessen – in Sibirien geehrt
Hildegard Rauschenbach besuchte Schadrinsk – Ort jahrelanger Zwangsarbeit

Nur wer die Herzen bewegt, bewegt die Welt", sagt Ernst Wiechert in seinem Roman "Die Jeromikinder". Nun habe ich zwar Herzen bewegt, aber nicht die Welt, sondern eine Stadt. In Sibirien. Genauer gesagt, in Schadrinsk, der Stadt mit heute 88 000 Einwohnern, am Fluß Isset liegend, wo ich einst mit vielen anderen verschleppten Frauen Zwangsarbeit geleistet habe.

Vom derzeitigen Generaldirektor der Fabrik "SCHAAZ" (früher SIS), für die ich dreieinhalb Jahre gearbeitet hatte, war ich mit meinem Mann eingeladen worden. Er hatte mein ins Russische übersetzte Buch über meine Verschleppung gelesen, das – wörtlich – "einen unvergeßlichen Eindruck in vielen Seelen hinterlassen und einen riesengroßen Schritt für die weitere Entwicklung in den Beziehungen zwischen unseren Völkern machen würde …", auch wollte er uns kennenlernen, und außerdem sollte ich zu den Menschen der Stadt sprechen.

Diesem Wunsch konnte ich nicht widerstehen, und so flogen wir, trotz gesundheitlicher Probleme, von Frankfurt direkt nach Jekaterinburg, wo uns Nadja (die Übersetzerin des Buches) mit Sohn Gleb und Walya, durch die ich 1988 den Kontakt nach Schadrinsk geknüpft hatte, mit Enkelin Stassia in Empfang nahmen. Mit dem Wagen, vom Fabrikdirektor auch für die sieben Tage unseres Aufenthaltes samt Chauffeur zur Verfügung gestellt, fuhren wir dem 240 km entfernten Schadrinsk entgegen. Unzählige Birkenhaine mit ihren leuchtendweißen Stämmen säumten unseren Weg und verschlafene Dörfer mit den altbekannten Blockhäusern, die phantasievoll geschnitzte farbenfrohe Fensterläden zierten, sonst die schier endlose Weite Sibiriens.

Die Dunkelheit hatte schon längst eingesetzt, als wir die Stadt erreichten. Wir wurden zum "Profilaktorium" gebracht, einem Haus, das den Werksarbeitern unter ärztlicher Betreuung vorbeugende Gesundheitsmaßnahmen bietet. Dort sollten wir auf Wunsch des Werkdirektors wohnen. Wir bezogen ein wohnlich eingerichtetes Zimmer mit Dusche und WC und einem mit Mineralwasser, Säften und Joghurt gefüllten Kühlschrank, dazu ein Heißwasserkocher zur Teebereitung samt Geschirr; wir sollten Vollpension haben. So erhielten wir, nach russischer Sitte, bereits zum Frühstück Reis- oder Hirsekaschka mit einem Steak oder Bratklops, Weißbrot, Butter, Marmelade, Käse oder Wurst. Mittags gab es immer drei Gänge, und alle Mahlzeiten wurden uns aufs Zimmer gebracht; alles appetitlich angerichtet, schmackhaft und so reichlich, daß wir darum baten, uns nur die Hälfte der Portionen zu bringen. Übrigens war das Haus während der Schulferien mit Kindern aus ärmeren Familien belegt, die sich dort erholen sollten – es wurde also für uns nicht extra gekocht.

Als Nadja, die uns während der Zeit unseres Aufenthaltes begleiten würde, uns das für uns zusammengestellte Programm zu lesen gab, schoß mir durch den Kopf: Hoffentlich stehe ich das alles durch! Detailliert mit Tag und Uhrzeit hieß es: Rundgang durch die Stadt – Empfang beim Generaldirektor der Fabrik – Konferenz in der Werkszeitungs- und Rundfunkredaktion mit Treffen von Zeitzeugen – Rundgang durch das Werksgelände – Besuch im Museum des Werkes – Empfang beim Bürgermeister – Konferenz mit der Stadtöffentlichkeit im Lesesaal der Bibliothek – Reise zur Kolchose "Budjonny" – Besuch der Gedenkstätte/Friedhof – Besuch im Altenheim und des Kinder-Erholungsheimes – am Sonntag Besuch der drei Stadtkirchen – Rundgang durch das Stadtmuseum – Ehrengäste beim Stadionkonzert – Konferenz in der Zeitungs-Redaktion "Isset" – Fahrt zu einem Kloster mit Treffen der Äbtissin – Abschieds- treffen mit Generaldirektor der "SCHAAZ".

Bei unserem Rundgang durch die Innenstadt stellten wir fest, daß sich das Stadtbild seit unserem letzten Besuch 1991 wesentlich verändert hatte. Zwar waren außer einem Bankgebäude keine Neubauten entstanden, jedoch belebten mehr Autos die Straßen und es gab viele Geschäfte. Eigentlich konnten wir sie nur an den Überschriften wie "Magazin", "Produkte", "Foto" usw. erkennen, Schaufenster gab es höchstens ganz winzige. Auf dem Basar aber, 1991 wie leergefegt, gab es jetzt ein geschäftiges Treiben, und er bot mit seinen vielen Ständen nahezu alles: Kleidung, Reinigungsmittel und Kosmetika – größtenteils westliche Markenartikel, Gemüse, Obst bis hin zu exotischen Früchten. In der großen Halle präsentierte sich ein ansehnliches Fleisch- und Wurstangebot, Molkereiprodukte, mehrere Brotsorten sowie Kuchen und lecker aussehende Törtchen.

Ja, zu kaufen gab es alles, nur – den Leuten fehlte dafür das nötige Geld! Wie wir erfuhren, verdienen Angestellte etwa 100 bis 1500 Rubel im Monat, ein Kilo Fleisch aber kostet 30 bis 40 Rubel, ein halbes Pfund Butter 8 Rubel, eine etwa 60 qm große Wohnung um 170 Rubel. Zudem sollen ab 1. August die Mieten, Strom und Gas erhöht werden. So kann sich jeder Stadtbewohner glücklich schätzen, wenn er einen Garten um sein Haus oder außerhalb der Stadt gelegen besitzt.

Am ersten Nachmittag empfing uns Generaldirektor Kolotuschkin, unser eigentlicher Gastgeber. Mit Umarmung und Kuß!! (Hätte mir solches jemand vor 50 Jahren prophezeit …!) Zunächst drehte sich unser Gespräch, das Nadja übersetzte, um den Inhalt meines Buches "Verschleppt nach Sibirien", dessen Schilderungen ihn sehr beeindruckt hatten. Ich spürte Anteilnahme und Wärme in seinen Worten. Und was ich im Folgenden hörte, läßt mich vermuten, daß hier ein Mensch einem Betrieb vorsteht, der ein offenes Ohr und Herz für seine Mitarbeiter hat, unter dessen Leitung jeder gern sein Tagwerk verrichtet.

Danach wurden wir in der Werkszeitungsredaktion empfangen, mit Tee und Gebäck. Dazu waren auch ehemalige Zeitzeugen und Frauen geladen, mit denen wir früher Kontakt hatten. So erzählte eine Frau, daß sie damals einen Wintermantel von einer Frau erworben hatte, der immer so angenehm duftete und den sie noch jahrelang getragen hätte. Und das muß mein Mantel gewesen sein, denn nicht nur die Beschreibung paßte, er duftete auch. Nach Rosenwasser. Mit diesem hatte ich mich, da es 1944 kein Parfüm zu kaufen gab, reichlich "besprenkelt". Meine Cousine, die in Königsberg in einem Apotheken-Großhandel dienstverpflichtet war, hatte es heimlich besorgt. Anwesend waren auch Tochter und Enkelin unseres, leider schon verstorbenen, Transport-Natschelniks. Sie überreichten mir eine kleine Kissenplatte mit einem gestickten Bernhardinerbildnis. "Opa hat es gestickt, als er Rentner war, das sollen Sie jetzt haben", sagte die Enkelin. Als Bild gerahmt hängt es jetzt neben meinem Bett.

Bei allen unseren Begegnungen offenbarte sich uns die oft zitierte "russische Seele", wir erlebten eine schier überwältigende Herzlichkeit. Die mein Buch schon gelesen hatten, zeigten Mitleid, Bewunderung und Dankbarkeit fürs Aufschreiben. In wenigen Worten drückte es der Bürgermeister in seiner Widmung eines Buches über die "Stadt am Isset" aus, das er uns schenkte: "Für Hildegard Rauschenbach zum Zeichen der tiefen Anerkennung und Dankbarkeit für die wahrheitsgetreue Wiedergabe von Geschehnissen der Kriegs- und Nachkriegsjahre. An sie, die sie die Leiden, Schwierigkeiten und Entbehrungen der Zwangsarbeit erfahren hat, für ihre Liebe und ihr Verständnis des russischen Menschen und unserer Landsleute im Nach-Uralgebiet. Hochachtungsvoll …"

Was nicht im Programm enthalten gewesen war: Das russische Fernsehen war, wie bereits im "SCHAAZ"-Werk, im Rathaus dabei, und ich sollte noch extra zu den Schadrinskern sprechen. Da mich danach im Lesesaal der Bibliothek Publikum erwarten würde, und ich mich darauf vorbereitet hatte, machte es mir keine Mühe, die richtigen Worte zu finden. Ja, ich war erfreut, noch mehreren Menschen sagen zu können, daß wir Frauen aus dem Lager ihre offene Hand und ihr Mitleid nicht vergessen haben, daß jeder Krieg nur Leid und Verderben bringt, daß das Volk immer der Verlierer ist, daß wir, das Volk, uns verstehen müssen und uns nicht von machtbesessenen Herrschern in einen Krieg hetzen lassen dürfen.

Im Stadt-Museum stellten wir erfreut fest, daß uns Verschleppten eine ganze Ecke gewidmet ist mit Kennkarten und anderen Dokumenten, die uns bei der Gefangennahme abgenommen wurden, einem Holzkoffer, und auch mein Buch, in Deutsch und Russisch, ist dabei. Leider gibt es kein einziges Foto von unseren beiden Lagern, auch nicht in den Archiven. Das sagte uns ein Pädagoge der Finanzschule, der sich nach unserem ersten Besuch intensiv um Informationen bemüht hat. So hat er u. a. durch Befragen von Zeitzeugen die Stelle herausgefunden, an der ein Massengrab unserer Toten ist, die im Mai 1945 nach einer Typhus-Epidemie verstorben waren. Ihm ist es zu verdanken, daß dort jetzt eine Gedenkstätte mit einem etwa einen Meter hohen Granitstein ist; die Inschrift in Deutsch und Russisch besagt, daß hier deutsche Frauen und Mädchen ruhen, die von 1935 bis 1948 interniert waren. (Das OB berichtete darüber.) Doch diese hochherzige Tat, für die er sich extra drei Monate Urlaub nahm, brachte ihm beinahe eine Gefängnisstrafe ein – er wurde beschuldigt, den Stein gestohlen zu haben! Während der gute Mann, der mit uns hierher gefahren war, erzählte, kamen zwei Frauen, die anscheinend beim Erdbeersammeln waren, und blieben am Stein stehen. Sie sahen meine am Stein abgelegten Seidenrosen und sagten, daß sie hier fast jeden Tag vorbeikommen und auch des öfteren Blumen niederlegen, und sie würden aufpassen, daß die Blumen nicht gestohlen werden.

Der nächste Tag führte uns noch einmal zu der Grabstätte und sollte zu einem besonders bewegenden Moment werden.

(Fortsetzung folgt)