25.10.2021

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05.08.00 Die ostpreußische Familie extra

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. August 2000


Die ostpreußische Familie extra

Lewe Landslied,

die schönsten Stunden im Leserkreis unserer Ostpreußischen Familie sind doch die, in denen man von Erfolgen berichten kann. Von kleinen und großen und manchmal sogar von Wundern. Auch wenn an diesen unserer Familie nur indirekt beteiligt ist wie in unserer ersten Erfolgsgeschichte, die sogar die Tagespresse und das Fernsehen beschäftigte. Und von der wir nun maßgeschneidert für unsere Ostpreußische Familie berichten.

Es handelt sich um ein Wiedersehen – oder Sichfinden – nach 55 Jahren – zwischen einer heute in Litauen lebenden Königsbergerin, einem sogenannten "Wolfskind", und ihren Familienangehörigen. Sie fand damit in ein Leben zurück, das amtlich bereits erloschen war, denn sie war 1951 für tot erklärt worden. Elli Gutzeit lebt aber als Elena Jansaviciene in Litauen, ist vierfache Mutter und schon längere Zeit Witwe. Nun weiß sie, daß sie 1938 in Königsberg geboren wurde, in der Langen Reihe wohnte und daß die Kirche, an die sie sich erinnerte, die Neuroßgärter Kirche war. Und daß noch Familienbande vorhanden sind, die bei einem Treffen in Deutschland gefestigt wurden.

Es zeigt aber auch auf, wie lebendig die Erinnerungen an die Kindheit in dieser Frau geblieben sind, die heute kaum ein deutsches Wort spricht, ihre Herkunft aber nie vergessen und nach ihr immer gesucht hat. Eine erste Suchmeldung erschien 1993 im Ostpreußenblatt anläßlich des damaligen Deutschlandtreffens. Allerdings meinte Elli Gutzeit, daß ihr richtiger Name Ella oder Hella Gusche lautete. Verständlich, daß die Suche erfolglos blieb.

Dann kommt Christa Pfeiler-Iwohn ins Spiel, die Frau, die unermüdlich an der Aufklärung von ostpreußischen Kinderschicksalen arbeitet. Ende des Jahres 1997 wurde sie in Litauen von einer Frau angesprochen, die Frau Pfeiler-Iwohn bat, ihr bei der Suche nach ihrer Identität zu helfen. Es war Frau Gutzeit, die inzwischen durch eigene Recherchen die Gewißheit erhalten hatte, daß dies ihr richtiger Mädchenname war. Die telefonische Rückfrage und auch ein Besuch beim DRK-Suchdienst in München blieben erfolglos. Daraufhin veranlaßte Frau Pfeiler-Iwohn, daß Frau Gutzeit ihre Erinnerungen aufschrieb. Der Bericht, der wenige, aber sehr wichtige Details enthielt, erschien auch in etwas gekürzter Fassung in unserer "Ostpreußischen Familie" im Februar 1999:

"Die Vita von Ella oder Hella Gutzeit ist ein fast leeres Blatt. Die in Litauen als Elena Jansaviciene lebende Frau glaubt, 1939 geboren zu sein. Sie wohnte mit ihrer Mutter Theresa in einer Straße, an deren Ende sich eine Kirche befand. Ihr Vater war bei der Wehrmacht. Sie kann sich an Bombenangriffe und Bunker erinnern sowie an die Übersiedlung in ein Dorf zu den Großeltern. Dann erinnert sie sich an ein Schiff mit vielen Verletzten, auf dem sich auch eine kinderreiche Verwandte befand, die auf dem Schiff noch ein Kind gebar. Ella/Hella mußte mit der Mutter wieder zurück, die dann verhungerte, das bettelnde Kind wurde von einer unbekannten Frau nach Litauen mitgenommen … Genügen diese wenigen Angaben, um irgendwelche Spuren der Herkunft zu finden?"

Sie hätten genügt, wenn die noch lebenden Verwandten von Elli Gutzeit Das Ostpreußenblatt gelesen hätten!

Im Mai dieses Jahres traf dann ein Brief des Suchdienstes bei Frau Pfeiler-Iwohn ein, mit der Mitteilung, daß sich doch noch ein Hinweis ergeben hätte. Der Vater von Elli Gutzeit, der den Krieg überlebte, hatte nach vergeblicher Suche 1951 Frau und Tochter für tot erklären lassen. Er heiratete noch einmal und verstarb vor 23 Jahren, ohne sein Kind gefunden zu haben.

Frau Pfeiler-Iwohn machte den Onkel, einen Bruder des Vaters ausfindig, der sich damals an der Suche beteiligt hatte. Seine Angaben stimmten mit denen von Frau Gutzeit überein. Diese wurden auch durch seine – seit 40 Jahren in Australien lebende – Schwester Gerda Rohde, geb. Gutzeit, bestätigt. Vor allem stimmte der Vorname der Mutter, sowie die Erinnerungen von Elli Gutzeit an die Geburt des Kindes auf dem Schiff. Schon das waren untrügliche Beweise. Die sicherste Bestätigung aber ergab das Treffen von Tante, Nichte und der Halbschwester von Frau Gutzeit – einer Tochter aus der zweiten Ehe des Vaters – in Hamburg, das Frau Pfeiler-Iwohn zu Wege brachte. Aber lassen wir sie selber erzählen: "Frau Rohde war fest davon überzeugt, daß es sich nur um ihre Nichte handeln konnte. Kurz entschlossen buchte sie einen Flug nach Deutschland und bat mich, das Wiedersehen zu organisieren. Mit vielen Telefonaten zwischen Litauen, Deutschland und Australien klappte es. Am 21. Juni traf Elli Gutzeit aus Kaunas kommend in Hamburg ein. Aufgeregt standen wir am Flughafen: Tante Gerda Rohde, Halbschwester Karla Bartneck mit Ehemann und ich warteten zusammen mit einer ZDF-Redakteurin und Kameramann auf die heute 61jährige, die ganz, ganz herzlich von allen begrüßt und in die Arme genommen wurde. So, als sei ein Familienmitglied nach langer Reise nach Hause zurückgekehrt. Der kurzfristig engagierte Dolmetscher half die vielen Fragen und Antworten zu übersetzen. Das war notwendig, da Frau Gutzeit, die als Bettelkind von einem kinderlosen litauischen Bauernpaar angenommen worden war und mit 19 Jahren einen Litauer geheiratet hatte, kaum noch ein deutsches Wort kannte."

Auch wenn die übereinstimmenden Angaben nicht gewesen wären, etwas bewies die Identität einwandfrei: die Ähnlichkeit der drei Frauen, die für Frau Pfeiler-Iwohn geradezu verblüffend war.

Am 7. Juli flog Elli Gutzeit nach anstrengenden, aber auch schönen Tagen bei ihren in Lemgo lebenden Verwandten nach Litauen zurück. "Ich bin sicher", sagt Frau Pfeiler-Iwohn, "daß die Familie sich weiter um sie kümmert und die Traurigkeit der vielen Jahrzehnte verblassen wird. Elli Gutzeit ist heimgekehrt, hat ihre Familie und damit ihre Kindheit wiedergefunden."

Diese Geschichte war es wert, so ausführlich erzählt zu werden. Denn sie zeigt auf, daß man auch heute nach mehr als einem halben Jahrhundert nicht die Hoffnung aufgeben darf, Licht in das Dunkel der Vergangenheit zu bringen. Für Elli Gutzeit begann es spät, aber nicht zu spät zu leuchten. Christa Pfeiler-Iwohn kann sich aber nicht nur über diesen großartigen Erfolg freuen: Unsere Familie hat ihr auch einen Wunsch erfüllt. Sie suchte vier Frauen, deren Schicksale in dem Buch von Heinz Schön "Im Heimatland in Feindeshand" geschildert werden. Kaum war Anfang Juli ihre Frage erschienen, kamen die ersten Meldungen und Hinweise. In Renate Pribbenow fand sie eine Weggefährtin aus der Kindheit wieder, auch Doris Fuhlert meldete sich, und zu Erika Neumann gab es zwei Hinweise, die inzwischen auch zu einer Verbindung geführt haben dürften. Im Falle Erna Link stimmte das angegebene Geburtsdatum nicht, sie wurde 1906 geboren, und es ist fraglich, ob sie noch lebt. Aber welche Reaktionen in so kurzer Zeit!

Auch im Falle Lina Lowack hat unsere Familie großartig gespurt. Sie suchte ehemalige Mitschülerinnen von der Königsberger Gaufachschule für Küche und Kellner, darunter Hildegard Bannasch aus Hirschberg, Krs. Osterode, die mit ihr zusammen im September 1942 die Prüfung abgelegt hatte. Auf die Veröffentlichung in unserer Familienspalte hin meldete sich ein Leser aus Herford, der aus Hirschberg stammte. Er konnte die Adresse des Gesuchten in Chemnitz nennen. Diese stimmte zwar nicht mehr, aber über Internet wurde die neue Anschrift gefunden. Die Überraschung und Freude war natürlich bei der Gesuchten groß, als sie Frau Lowacks Brief erhielt. Sie konnte es gar nicht fassen, nach so langer Zeit wieder eine Freundin zu finden – nun hat sie dadurch ein wenig Freude in ihrem schweren Alltag. Beide Damen sagen uns ein ganz großes Dankeschön, das ich vor allem an unsern Herforder Landsmann weitergeben möchte – den Namen kann ich leider in dem Brief von Frau Lowack nicht entziffern, sie wurde kürzlich am Auge operiert und kann schlecht sehen, darunter leidet eben auch die Schrift.

Große Freude bei unserm Landsmann Kurt Poerschke und damit auch bei Dorothea Link, in derem Auftrag er nach den wertvollen Innenaufnahmen von der Kirche Pörschken suchte. Diese hatte ihr Vater Bruno Link als letzter Pfarrer des Kirchspiels noch 1944 gemacht. Die aus 25 Aufnahmen bestehende einmalige Dokumentation hatte Frau Link verliehen und nicht wiederbekommen. Lassen wir Herrn Poerschke berichten: "Es war für mich überwältigend, wer alles bei der Suche mithalf. Es war einfach rührend. Der Erfolg ist da, wir wissen jetzt, wo die gesuchten Bilder sein können. Der Nachlaß des 1992 verstorbenen Ronald Heidemann (der die Fotos ausgeliehen hatte), wurde zum größten Teil der "Gedenkstätte Königsberg e. V." in Hamburg übergeben. Obgleich fast alle Suchdaten nicht richtig waren, gelang es mit ihrer Hilfe, diese zu finden. Das Bildarchiv Still war ein Pseudonym, deshalb mußten selbst alteingesessene Briefträger in Elmshorn passen. Nur auf die Ostpreußische Familie ist dieser Erfolg zurückzuführen!" Danke, lieber Landsmann.

Im Falle der Fotos vom Kurischen Haff, die ein Pommer auf dem Lübecker Flohmarkt entdeckte, kam ein interessanter Zwischenbericht von Manfred Seidenberg. Er schreibt: "Die Lösung der Frage nach dem Besitzer des Kurenkahnes GILGE 60 könnte gelöst sein: Siehe Buch ,GILGE, ein Fischerdorf am Kurischen Haff in Ostpreußen’, erschienen im Eigenverlag Horst-Günter Benkmann, Lüdge-Niese. Auf Seite 77 ist eine wunderbar deutliche Aufnahme des Kahnes mit der Aufschrift GILGE 60 und dem Namen des Besitzers ,George Rogeit, Gilge’ zu sehen. Zwar gibt es bei dem Wimpel kleine Unterschiede, doch die sind m. E. nachträglich hinzugesetzt." Herr Seidenberg schickte diese Zeilen an Herrn Poelk und machte sich dazu noch die Mühe, nach Trägern des Namens Rogeit – über die CD der Telefonanschlüsse in der Bundesrepublik Deutschland – zu suchen, und fand auch drei Teilnehmer. Namen und Nummern teilte er Herrn Poelk mit. Ich glaube, wir werden also noch mehr über diese Sache hören.

Manfred Seidenberg (Ostpreußen-Video-Archiv "Einst und Heute") hat es natürlich gewußt, Rudi Gudat hat es gewußt, Michaela Feldbusch, Elli Lange, Irmgard Klink, Hedwig Nowoczin und viele, viele andere haben es gewußt, daß es sich bei dem Lied "Es löscht das Meer die Sonne aus" um ein Schifferlied aus der Provence handelt, das von Friedrich Silcher vertont wurde. Mich hat diese Resonanz geradezu überrumpelt, aber noch weitaus mehr Frau Radtke und vor allem die alte Dame aus Pommern, bei der Tränen der Freude und Dankbarkeit flossen. Frau Radtke schreibt: "Das Gefühl, das sich Menschen in freundlicher und oft liebevoller Weise für sie bemüht haben, hat sie wie ein großes Geschenk empfunden. Nur wenigen Einsendern kann sie persönlich danken, denn sie ist 87 Jahre alt. Ich werde es in einer besonderen Anzeige in ihrem Sinne zum Ausdruck bringen. Meine Bekannte lebt alleine und fühlt sich sehr isoliert." Daß dieses alte Liebeslied auch in Ostpreußen gesungen wurde, bestätigt Rudi Gudat, der es noch aus Cranz kennt. Was doch gerade mal sieben Zeilen bewirken können! Auch ich danke allen, die mir das Lied zugesandt haben, denn prompt erhielt ich weitere Nachfragen – jeder Wunsch bekommt bekanntlich Kinder! Und erst recht in unserer Ostpreußischen Familie.

Und weiter auf unserer Erfolgsleiter. Es wurde nach dem Motorrad-Weltmeister Hans Georg Anscheidt gefragt, vor allem wurde dessen Geburtsdatum gesucht. Eine ausführliche Antwort kam von unserem Leser Armin Jedosch, einem alten Motorsportler im Motorradbereich. Ein Freund von ihm ist im Besitz der Biographie dieses erfolgreichen Landsmannes und war so nett, ihm eine Ablichtung der entsprechenden Seite aus dem Anscheidt-Buch "Mein Leben zwischen Start und Ziel" zu machen. Also: Anscheidt wurde am 23. Dezember 1935 als Sohn eines Friseurs und einer Schneiderin in Königsberg geboren. Ein Dankeschön an Sie, lieber Herr Jedosch, und an Ihren Freund.

Und ein ganz, ganz großes Dankeschön von Elli Springwald, geb. Blaskowski, aus Niederfrohna. Am liebsten würde ich ihren langen Brief in vollem Wortlaut bringen, aber das geht leider nicht, und so beschränke ich mich auf die wesentlichsten Sätze. "Mir hat die Ostpreußische Familie sehr geholfen, als ich um ein Heftchen oder Büchlein mit heimatlichen Gedichten oder Geschichten bat. Aus der ganzen Bundesrepublik bekam ich Literatur zugeschickt. Nun besitzen wir hier in Limbach-Oberfrohna in der LO eine kleine Bibliothek. Die Landsleute freuen sich jedesmal, wenn wir Heimatliches vortragen. Ach, sagen sie, war das wieder schön, in Gedanken waren wir zu Hause. Unsere 13jährige Enkeltochter hat auch schon im Ostpreußenkleid Gedichte vorgetragen. Mir wurde auch der Wunsch nach einem Ostpreußenkleid erfüllt, eins kam sogar aus Amerika, ich bin so stolz darauf. Ich sage allen lieben Landsleuten noch einmal Dank! Ja, unsere Heimat lebt!"

Freude bei Irmgard Kohlhaase: Sie hat den "Carol" erhalten, und er wird fleißig gelesen. Vierzehn Zuschriften erhielt sie, es entwickelten sich nette und liebe Gespräche, und man bedauerte nur die weiten Entfernungen.

"Die Ostpreußische Familie hat funktioniert", schreibt Traute Weber aus Neumünster. Das ist tröstlich, die Auskunft über den Verbleib der von ihr gesuchten Irmgard Schütz leider nicht, denn diese ist inzwischen verstorben. Aber nun hat Frau Weber wenigstens Gewißheit.

Zum Schluß noch das gesuchte Vaterunser in ostpreußischem Platt. Wir veröffentlichen es hier im Wortlaut, da eine rege Nachfrage vorprogrammiert ist. Zugesandt hat es uns Edith Kobel aus Schwerin. Aufgezeichnet wurde es von Betty Römer-Götzelmann nach den Angaben ihrer Mutter. Anlaß war die Herausgabe eines Buches von Oberstudienrat H. Moeller aus Olsberg im Jahre 1981 mit dem Vaterunser in allen von ihm erreichbaren Sprachen. Bei der Erarbeitung des Gebetes in ostpreußischem Platt half ihm dabei die inzwischen verstorbene Mutter von Frau Römer-Götzelmann.

Ons Voder äm Himmel!

Heilig Dien Nome. To ons Dien Riek.
Dien Wäll gescheh bi ons as bowe.
Schenk uns dat Brotke vorn Dag.
Reken on onse Schuld nich to.
De ons än Schuld sänd,
dohne wi dat glicke.
Lot ons dat Beese nich locke
on hol et von ons aff.
Denn Dien äs Riek, Kraft on Nome.

Omen.

Eure

Ruth Geede