20.10.2021

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12.08.00 Staunen und wundern

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 12. August 2000


Staunen und wundern
Von HILDE MURSA

Über dem Land liegt Gewitterschwüle. Kein Luftzug bewegt das Blattwerk der alten Kastanienbäume, die den Pfarrhof umstehen. Drinnen im Pfarrhaus herrscht angenehme Kühle. Hochgewachsene Geranienstöcke, die fast die ganze Fensteröffnung ausfüllen, verbreiten ein grünliches Dämmerlicht in den Räumen. Pfarrer Hildebrandt, Pfarrherr in Adlig Kessel, sitzt lustlos über seiner Sonntagspredigt, mit deren Ergebnis er nicht so recht zufrieden ist.

Als an der Haustür zaghaft der Klopfer anschlägt, ist ihm die Unterbrechung willkommen. Draußen steht ein barfüßiger Junge aus Lisuhnen, einem der fünf Dörfer, die zu seinem Kirchspiel gehören. Die Mutter habe ihn geschickt, mit dem Großvater gehe es zu Ende, der Pfarrer solle sofort kommen und ihm das heilige Abendmahl bringen, stößt er keuchend hervor.

Der Pfarrer schaut sich verwundert um. Nirgendwo ist, wie sonst üblich, ein Fuhrwerk zu sehen, das ihn zu dem Kranken bringen soll. "Die Fuhrwerke sind alle auf der Wiese, um das Heu einzufahren", gibt der Kleine Auskunft.

"Schöne Bescherung", ärgert sich der Pfarrer. Was nun? Seinem seelsorgerischen Auftrag, einem Todkranken beizustehen, kann er sich nicht entziehen. Das einzige Beförderungsmittel auf dem Pfarrhof, das Räder hat, ist das schon betagte Fahrrad seiner Frau. Er hat keine andere Wahl, als sich auf das Vehikel zu schwingen und die fünf Kilometer nach Lisuhnen auf sandigen Wegen zurückzulegen. Zu damaliger Zeit war ein radelnder Pfarrer ein ungewohnter, ja sogar ein ungehöriger Anblick, und dem sollte er sich jetzt aussetzen.

An dem bezeichneten Anwesen angekommen, steht sowohl die Hof- als auch die Haustür offen. In der Stube trifft er den Kranken im Bett liegend an. Zu seiner Verwunderung ist kein Familienmitglied anwesend, viel weniger die Nachbarn und Freunde der Familie, wie er es sonst bei Krankenbesuchen gewohnt ist, die das Abendmahl singend und betend mitfeiern und meistens auch daran teilnehmen.

Der noch junge Pfarrer fühlt sich unbehaglich, ja alleingelassen. Doch sein Amt läßt ihm keine Wahl. Tapfer betet er mit dem Kranken. Die vertrauten Gebete geben ihm Sicherheit, und er vollzieht die Weihehandlung. Kaum ist diese beendet, kriecht der vermeintlich Todkranke aus seinem Bett und kramt aus einer Kommodenschublade die fälligen Stolgebühren hervor. Kopfschüttelnd macht der Pfarrer sich auf den Heimweg.

Es hat noch einige Jahre gedauert, bis er sich mit den Masuren auskannte, an die er später mit viel Wehmut zurückdachte.