20.10.2021

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© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 12. August 2000


"Viel Vieh, wenig Bedürfnisse"
Scharnhorst – der preußische Reformer und der deutsche Osten
Von KLAUS HORNUNG

Nach der verheerenden Niederlage Preußens 1806 gegen Napoleon vollzog sich in dem geschlagenen Staat mit Gerhard von Scharnhorst der Aufstieg einer der überragendsten Persönlichkeiten für die großen Reformen, an deren Ende nicht nur die Niederlage des französischen Imperators und die Neuordnung Europas von 1815 standen, sondern – als Fernwirkung – auch die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches durch Bismarck im Jahre 1871. Scharnhorst, am 2. Mai 1813 bei Großgörschen tödlich verwundet und am 28. Juni 1813 in Prag gestorben, erlebte die Niederlage Napoleons zwar nicht mehr, doch hatte er als strategischer Kopf daran den entscheidenden planerischen Anteil. Wenig bekannt ist bis heute das Wirken Scharnhorsts in Ost- und Westpreußen. Die Bedeutung des deutschen Ostens für die Wiedergewinnung der Freiheit des deutschen Volkes 1815 war jedoch erheblich.

Nach der Niederlage des preußischen Heeres bei Jena und Auerstädt im Herbst 1806 sah sich ganz Deutschland in einer tiefen Krise. Fünfeinhalb Jahre nach seiner Ankunft in Preußen stand Scharnhorst vor den Trümmern des Staates, mit dessen Schicksal er im Mai 1801 sein Leben verbunden hatte. Sollte er nun aufgeben und sich nach Bordenau zurückziehen, wie ihm manche rieten?

Am 12. November 1806, seinem 51. Geburtstag, schrieb er seiner Tochter: "Ich bin in diesen Tagen wie zermalmt, so niedergedrückt und von wehmütigen Gefühlen bestürmt, daß ich mich wieder nach der Tätigkeit sehne." Wenige Tage nach dem Austausch aus der Gefangenschaft hatte er sich aber wieder gefaßt. Er wollte nun so rasch als möglich dem König im fernen Ostpreußen nähere Kunde der jüngsten Ereignisse überbringen; es ging um die moralische Pflicht, dem König zu dienen, "solange er noch einen Soldaten hat", und "alle Anstrengungen und Gefahr des Kampfes gegen den übermütigen Feind meines Vaterlandes" auf sich zu nehmen. Die Gefahren der winterlichen Ostsee sprachen für die Wahl des beschwerlichen Landweges nach Ostpeußen. Nach Besorgung der notwendigen Pässe für das schon bis zur Weichsel von französischen Truppen besetzte Gebiet trat Scharnhorst am 14. November 1806 in Hamburg die Reise an, die über Travemünde, Rostock, Anklam zunächst nach Danzig gehen sollte. In nahezu jeder Poststation schrieb er den Seinen Briefe.

Die Briefe auf der Reise waren in diesen Herbsttagen die einzige Unterhaltung, gerichtet an die nächsten Menschen, von denen er sich nun immer weiter entfernte auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft. Er schreibt seiner Tochter: "Mich trifft es doppelt, da ich alle die Fehler, die Dummheit, die Feigheit kenne, die uns in die jetzige Lage gebracht haben. Der einzige Trost, der innere, ist, daß ich Vorschläge von Anfang an getan habe, wie man unserm Unglück zuvorkommen konnte, die Errichtung einer Nationalmiliz, die allgemeine Bewaffnung des Landes im vorigen Sommer, die Verstärkung der Regimenter, eine engere politische Verbindung (durch den Beitritt zur europäischen Koalition). Ebenso habe ich in den Operationen immer den richtigen Gesichtspunkt gezeigt; in die Schlacht selbst habe ich den Teil, bei dem ich war, zum Siege geführt, kurz, ich habe für meine Person tausend mal mehr getan als ich zu tun brauchte."

Möglichkeiten für Zwischenfälle gab es auf dieser ungewöhnlichen Winterreise viele. Man mußte mit Marodeuren rechnen, seitens der jetzt das Land besetzenden Sieger ebenso wie von den nach Hause strebenden Zersprengten der eigenen Armee. Als Scharnhorst am 28. November in der noch von den Preußen gehaltenen Festung Danzig eintraf, jubelte er: "In dieser Nacht bin ich hier in dem Hafen der völligen Freiheit angekommen. Nun kann mich nichts mehr abhalten, zu dem Könige zu kommen."

Am 4. Dezember war er in Königsberg, am 8. endlich im Hauptquartier des Königs im abgelegenen Wehlau. Sogleich ging ein Bericht über die abenteuerliche Reise an den Bruder Wilhelm: "Ich bin zwei Mal im Schnee liegengeblieben. Dies ist ein besonderes Land, es ist ein Mittelding zwischen dem kalten und dem gemäßigten Klima. Die Pelze sind an der Tagesordnung, die Pferde klein, laufen aber ganz außerordentlich. Viele Gehölze, viele Wölfe, guter Boden, viel Vieh, wenig Bedürfnisse." Es verwunderte ihn, daß die Offiziere und die höhere Gesellschaft auch hier auf die beliebten Winterbälle nicht verzichten wollten. Er schreibt: "Der König und die Königin haben mich gnädiger als jemals aufgenommen. Sie empfinden die Lage, zeigen aber, besonders der König, eine Fassung, die ihnen Ehre macht. Der König ist mir in einem Grade gnädig, daß ich hoffen kann, daß mein Gesuch in jedem Fall durchgeht" – gemeint war eine neue Aufgabe in den nächsten Kämpfen, denn der Krieg ging ja weiter. Scharnhorst erfuhr jetzt auch von dem sogenannten "Ortelsburger Publicandum", das der König noch vor seiner Rückkehr am 1. Dezember unterzeichnet hatte als Signal seiner Entschlossenheit, die unausweichlichen Maßnahmen zur Erneuerung der Armee alsbald zu beginnen.

Nach den Wochen, in denen Scharnhorst ausschließlich auf französische Informationen angewiesen gewesen war, erfuhr er bei seiner Rückkehr erstmals wieder von der aktuellen Kriegslage, die sich für Preußen doch weniger ungünstig darstellte, als er befürchtet hatte. Napoleon stand bei Winterbeginn etwa auf der Linie von Elbing bis Warschau. Noch hielten sich die Festungen Danzig mit 10 000 Mann und Graudenz mit 4000 Mann. An der Ostsee waren Stralsund und Kolberg unbezwungen. Im Süden war Schlesien mit seinen Festungen noch in preußischer Hand. In Ostpreußen standen Feldtruppen in der Stärke von etwa 15 000 Mann, dazu noch etwa 121 000 Freiwillige in Freikorps als eine Art Nationalmiliz – gewiß keine imposante Streitmacht angesichts der erneut, vor allem durch Rheinbundtruppen verstärkten Armee Napoleons. Ein russisches Hilfskorps war im Anmarsch auf die mittlere Weichsel. Die Befreiung der belagerten Festung Danzig war ein mögliches Ziel. Aber schon Mitte Januar ging Bonaparte wieder zur Offensive über und drängte das preußische Korps und die Russen bis zu den masurischen Seen zurück. Am 7. Februar kam es bei Preußisch-Eylau zu einer blutigen Winterschlacht, in der es dem preußischen Kontingent von etwa 5000 Mann unter dem General L’Estocq mit Scharnhorst als Stabschef gelang, das Schlachtfeld zu behaupten. Der russische Oberbefehlshaber Bennigsen nützte jedoch den Erfolg nicht aus und befahl aus Sorge um seine Nachschublinien den Rückzug. Aber zum ersten Mal in diesem Krieg waren die Preußen nicht geschlagen worden, und Scharnhorst hatte einen gewichtigen Anteil daran.

Im preußischen Hauptquartier kehrten die alten Schwächen zurück. Der General von dem Knesebeck empfahl nach der Schlacht von Eylau in einer Denkschrift Waffenstillstand und Friedensschluß unter der Voraussetzung, daß Preußen östlich der Elbe erhalten bliebe. Jetzt war es Graf Hardenberg, der diesen Vorschlag zurückwies, solange Sachsen zum Rheinbund gehörte und in Preußen französische Besatzung stand. Diese feste Haltung wurde durch einen förmlichen preußisch-russischen Bündnisvertrag am 26. April 1807 unterstrichen. Scharnhorst kam auf seine Grundidee zurück, eine große europäische Koalition gegen Napoleon zusammenzubringen, und er hoffte – nicht allzu realistisch – auf einen Aufstand in Nordwestdeutschland mit englischer Unterstützung. Noch einmal zitterte die Waage des Geschicks unentschieden hin und her. Die Festungen Danzig und Kolberg behaupteten sich noch immer, und im schlesischen Gebirge leistete Graf Götzen mit 7000 Mann, zum Teil Freiwilligen, erfolgreichen Widerstand gegen die eingedrungenen Franzosen. Es war ein erster erfolgreicher Kleinkrieg, in dessen Verlauf Götzen auch Reformen vorwegnahm wie die Abschaffung des alten militärischen Strafsystems, der Kompaniewirtschaft und der umfangreichen Offizierstrosse, bewährte junge Freiwillige zu Offizieren ernannte und die Verbindung zur Bürgerschaft pflegte. Indessen mobilisierte Napoleon neue Kräfte mit Truppen vor allem aus dem Rheinbund, Italien und jetzt auch aus Polen. Durch die Kapitulation der Festung Danzig am 26. Mai bekamen die Franzosen ihre Belagerungsarmee von 30 000 Mann frei. Der russische Oberbefehlshaber ergriff nun, sehr verspätet, die Initiative. Mitte Juni wurden in den Schlachten von Friedland und Heilsera Russen und Preußen erneut geschlagen. Die ersteren zogen hinter die Memel ab, die Preußen wurden auf die Festung Königsberg zurückgeworfen. Memel, der nördlichste Punkt der preußischen Monarchie, wurde zum letzten Zufluchtsort für Hof und Regierung.

In der kleinen Notresidenz Memel grassierte in diesem Winter 1806/07 die Ruhr. Scharnhorst selbst wurde viel von Kopfweh und Zahnschmerzen geplagt. Das Leben war teuer, von den Lebensmitteln bis zu den Postgebühren, und den Kauf einer Bernsteinkette für die Tochter mußte er sich schließlich doch versagen. Jetzt, da so viele Offiziere entlassen oder auf Halbsold gesetzt worden waren, hatte Scharnhorst auf sein Gehalt als Generalmajor verzichtet. Als Ersatz und Entlastung für die Staatskasse hatte der König ihm die Einkünfte aus der Amtshauptstadt Rügenwalde in Höhe von jährlich 500 Rheintalern zugewiesen. Sparsamkeit und nicht selten auch übertriebene Geldsorgen des sozialen Aufsteigers tauchten in den Briefen immer wieder auf.

Schon im April 1807 war von Beamten, Offizieren und Lehrern in Königsberg ein sogenannter "Sittlich-wissenschaftlicher Verein" gegründet und durch königliches Dekret genehmigt worden mit dem Ziel einer vaterländischen Erneuerung. Der bald populär "Tugendbund" genannte Verein hatte im August 1809 738 Mitglieder, vor allem in Ostpreußen und Pommern mit einer Überrepräsentation von Offizieren, darunter auch die beiden Mitglieder der Militärischen Reorganisationskommission Boyen und Grolman, während Scharnhorst, Gneisenau und Stein anfangs zwar mit dem Verein sympathisierten, aber nie Mitglieder waren. In einer Satzung von nicht weniger als 385 Paragraphen waren die Aufgaben festgelegt unter Beschwörung von Sittlichkeit, Religion und Gemeingut als Grundlagen des Staates, insgesamt "ein Konzentrat bürgerlich-braven Denkens, eine erstaunliche Zusammenfassung von Moralismus, Sentimentalität und Weltfremdheit". Der "Tugendbund" ist denn auch in seiner Wirkung vielfach überschätzt worden, nicht zuletzt vom französischen Nachrichtendienst, obwohl er sich immer mehr in kleinlicher Vereinsmeierei und geheimnisvoll sein sollenden freimauerischen Riten verlor. Als er schon Anfang 1810 unter französischem Druck durch ein Dekret des Königs aufgelöst wurde, endete damit ein eher philiströses Unternehmen, das die Grenzen der Möglichkeit einer Volkserhebung im preußischen Osten und Norden deutlich machte.

Seit Januar 1808 waren Hof und Regierung in Königsberg. Man hoffte auf baldige Rückkehr nach Berlin, die sich dann aber noch um zwei Jahre, bis Dezember 1809, verzögern sollte. Als engster militärischer Berater des Monarchen war Scharnhorst häufig an der – kostenlosen – königlichen Tafel zu Gast. Er wohnte möbliert bei einer Vermieterin "am Wall": "Ich bin fast auf dem Lande", berichtete er, "trete aus der Stube in den Garten, aus der Haustür auf den Wall und ins Feld", wie er es liebte. Es war der Sommer der großen Reformen 1808. Am Vormittag war er in der Regel beim König zum Vortrag oder in den Sitzungen der Reorganisationskommission, nachmittags entstanden Denkschriften. Seit dem Sommer 1808 begannen die spanischen Ereignisse ihre Unruhewellen bis ins ferne Ostpreußen zu spülen.

Die neuere Forschung hat darauf aufmerksam gemacht, daß das verbreitete Bild korrigiert werden müsse, vor allem die Reformen hätten nach 1807 eine "wehrhafte Staatsnation" geschmiedet, die dann 1813 zur Erhebung geschritten sei. Das trifft nicht den Sachverhalt. Noch war das Bewußtsein des Volkes eher dynastisch und provinziell-landsmannschaftlich als einheitlich preußisch geprägt. Wenn 1813 dann doch ein Geist der Erhebung entstand, hatte er seine Wurzeln vor allem in den bedrückenden Erfahrungen der "Franzosenzeit", die für die übergroße Mehrheit in Stadt und Land gleichbedeutend war mit Einquartierung, Kontributionen, Plünderung, Geldentwertung und Mangel aller Art. Zuletzt hat dann der Auf- und Durchmarsch der Großen Armee im Frühjahr und Sommer 1812 die franzosenfeindliche Haltung der erschöpften Bevölkerung nochmals erheblich gesteigert. Ohne das prägende Erlebnis von Besatzung und fremder Vorherrschaft, von sechs Jahren schwerster wirtschaftlicher Probleme im Zeichen politischer Abhängigkeit ist die Wucht der Erhebung von 1813 nicht zu begreifen.

Der Politikwissenschaftler und Historiker Professor Klaus Hornung, Jahrgang 1927, emeritierter Professor an der Universität Hohenstein, ist Autor der jüngst in zweiter Auflage erschienenen Biographie "Scharnhorst – Soldat, Reformer, Staatsmann" (Esslingen, Bechtle-Verlag, München 1999).