20.10.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
12.08.00 In Deutschland vergessen – in Sibirien geehrt

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 12. August 2000


In Deutschland vergessen – in Sibirien geehrt
Hildegard Rauschenbach besuchte Schadrinsk – Ort jahrelanger Zwangsarbeit  (Teil II)

Etwa ein Kilometer von dem Gedenkstein für die Toten im Lager entfernt, umgeben vom Wald, befindet sich ein großes Erholungslager mit winterfesten Häusern des "SCHAAZ"-Werkes, das jetzt während der Schulferien mit 400 Kindern belegt war. Hier befanden sich auch die Kinder aus dem Waisenhaus, das wir eigentlich besuchen wollten, um unseren Obolus zu entrichten. Anläßlich unserer Goldenen Hochzeit hatten wir unsere Gäste gebeten, anstatt uns zu beschenken, für derartige Zwecke zu spenden. Bald war ich von einem dicken Knäuel Kinder umringt, unzählige Händchen streckten sich mir entgegen, um nach meinen Kaugummis und Lollis zu greifen. Was hat ein Kind schon vom empfangenen Geld der Heimleitung! Drei Kilo Süßigkeiten hatte ich dabei, gespendet von einer lieben Nachbarin. Nachdem ich ein paar Worte an die älteren Kinder gerichtet hatte, u.a. mit der Bitte, nicht gewaltätig zu werden, sagte die Heimleitung, ein richtiger "Mama-Typ" :"Wir sind das Lager der Liebe."

Und 12 Kinder aus diesem "Lager der Liebe" begleiteten uns in einem kleinen Bus zu unserer Toten-Gedenkstätte. Alle hatten sie Feldblumen gepflückt und legten diese, unter Trommelwirbel von fünf kleinen Knaben, am Stein nieder !

Beeindruckt hat uns auch der Besuch im Altenheim. Gemüse und Kartoffeln werden hier auf heimeigenem Acker angebaut, Tomaten und Gurken reiften bereits in einem Gewächshaus, und die alten Leutchen, die noch rüstig genug sind, dürfen hier arbeiten; jeder ist für sein Stückchen zugewiesenen Ackers selbst verantwortlich. Gestattet ist die Arbeit allerdings nur in den Morgen- und Abendstunden, wenn es noch nicht oder nicht mehr so heiß ist. Im Kulturraum war die große Bühne mit gesammelten Kräutern bedeckt, die zum Trocknen lagerten. "Sind besser als Pillen", meinte die Ärztin, die uns, gemeinsam mit dem Direktor durch das Haus führte. So sahen wir auch das "Zimmer der Stille". Über mehreren kleinen Kommoden mit Spitzendeckchen und Leuchtern hingen ringsum an den Wänden Ikonen, mehrere Sessel luden zum Verweilen, ein faszinierender Raum. "Hier verweilen unsere Menschen im Schweigen und gehen gestärkt hinaus", erfuhren wir.

Für den Sonntag-Vormittag war der Kirchgang angesagt, wir besuchten alle drei Kirchen während des Gottesdienstes, der sich über mehrere Stunden erstreckt. Es gibt dort keine Bankreihen wie in unseren Kirchen, die Leute stehen, und es ist ein Kommen und Gehen. In jeder Kirche standen die Menschen dicht gedrängt, in der Mehrzahl waren es junge und solche mittleren Alters. Gab es 1991 immer nur noch die Kirche, die ich schon während meiner Gefangenschaft besucht hatte, so sind jetzt auch die beiden anderen in der Stadt vollkommen restauriert und mit einer wunderschönen, beeindruckenden Innenausstattung versehen worden. Zuvor war eine von ihnen als Frauengefängnis mißbraucht worden.

An den Eingängen der Kirchen holte mich die Vergangenheit ein, als ich die Bettler in ihrer demütigen Haltung sitzen sah; war ich doch einst selbst dankbar für jede erbettelte Kartoffel gewesen. Heute konnte ich die Gebende sein, und das erfüllte mich mit Dank. In der Kirche Nikolskoje befindet sich die Suppenküche, die den Armen der Stadt täglich eine Suppe ausgibt, und wie wir nach dem Gottesdienst vom Pfarrer erfuhren, kommen die Zutaten, Gemüse, Obst und andere Nährmittel, aus Spenden zusammen, auch abgelegte Kleidung wird hier gesammelt und verteilt.

Noch eine Besonderheit gibt es im Zusammenhang mit dieser Kirche. Ihr ist in einem etwa 15 km entfernten Dorf ein altes Blockhaus überlassen worden, das jetzt eine Äbtissin zu einem kleinen Kloster umbauen läßt. Nadjas Mann Sascha meinte, daß wir das sehen müßten, und er fuhr mit uns hin. Der Ort war in einer idyllischen leicht hügeligen Landschaft eingebettet. Am Ende, auf dem höchsten Punkt, präsentierte sich eine mächtige Kirche, etwas abseits davon standen Ställe und Silos einer ehemaligen Kolchose - aber alles dem Verfall preisgegeben! Von Sascha erfuhren wir, daß hier während der Zarenzeit ein blühender Handelsplatz für Getreide gewesen war. Mit dem Bau der Eisenbahnlinie (1912) war damit Schluß. Im Dorf selbst werden einige Häuser noch als Datschen von den Schadrinskern genutzt.

In dieser, wörtlich genommen, verlassenen Gegend sollte nun das kleine Kloster entstehen. Wir trafen die Äbtissin in Arbeitskleidung an, die sich deshalb genierte, uns zu empfangen, dann aber führte sie uns schließlich durch das Haus. Im größten Raum zeigten kleine goldverzierte Säulen bereits Ansätze vom Aussehen der Kapelle, alle anderen Räume waren noch ein einziges Chaos, in denen ein intensiver Farbengeruch uns fast den Atem nahm. Und die tapfere Äbtissin wohnte und schlief hier, ja, sie bereitete hier sogar das Essen für die Bauarbeiter, die, wie sie sagte, ohne Entgeld arbeiteten. Eine bewundernswerte Frau mit einer gütigen Ausstrahlung, die sich mit Würde paarte, als sie, zu einem Foto für uns bereit, ihr Ornat überstreifte.

Es erstaunte uns immer wieder, welche Welle der Hilfsbereitschaft unter den Menschen dieser Stadt praktiziert wurde. Auch kommt mir erst jetzt so recht zum Bewußtsein, daß sie trotz ihrer eigenen Sorgen und Probleme noch Intresse an einer ehemaligen "Njemka" und deren Schicksal haben.

Am vorletzten Tag erwartete man uns in der Zeitungs-Redaktion "Isset". Dort hatte man mein ins Russische übersetzte Buch "Verschleppt nach Sibirien" herausgegeben. Natjas Mann Sascha ist dort Redakteur. Es freute mich zu hören, daß, als nach unserem Besuch 1991 übersetzte Folgen meines Buches in der Zeitung veröffentlicht wurden, die Auflage um ein Drittel anstieg. Daraufhin machte ich den Vorschlag, jetzt auch aus meinem, in Königsberg in Russisch erschienenen Buch "Zuhause in Pillkallen" (von der LO finanziert) Auszüge über unser Leben in Ostpreußen zu bringen.

In der Redaktion war auch ein Herr im Sonntagsstaat erschienen und stellte sich als "Willi" vor.Er hatte mein Buch gelesen und wollte von mir wissen, ob ich wüßte wo Kurt wohnt. Der Kurt, der mir, wie ich im Buch geschrieben habe, ein kleines Messingherz geschenkt hat. Er hatte einst neben ihm an der Werkbank gestanden, und Kurt hatte ihn gebeten, ihm eine Feile zu besorgen, damit er in das Herz etwas eingravieren konnte. So kam also "Dein Kurt" in mein Herz, dessen Inschrift ich aber immer, verschämt, nach innen gekehrt trug. Willi schenkte mir dann noch ein Büchlein mit einem von ihm enthaltenen Beitrag und (!) vier große Kartoffeln.

Es gab in diesen Tagen keine Begegnung, von der wir ohne ein Andenken verabschiedet wurden; sei es mit einem Buch, informativen Schriften, Anstecknadeln, einer kleinen Taschen-Ikone, zwei Sportmützen beim Besuch des Konzertes im Sportstadion und sogar einem antiken Rechenbrett, dem "Abakus", dessen rasante Handhabung mich schon früher fasziniert hatte.

Ich gestehe, unmittelbar nach den überwältigenden Eindrücken dieser sieben Tage herrscht in meiner Gefühlswelt noch ein kleines Cha-os – Ausgerechnet an dem Ort, an dem ich die schwersten Jahre meines Lebens leben mußte, schlug mir eine Welle der Herzlichkeit und des Mitgefühls entgegen, Ehrungen wurden mir zuteil und immer wieder Dankesworte, das Geschehen der Nachkriegszeit den nachfolgenden Generationen ins Bewußtsein gerückt zu haben. Schließlich: Im Museum wird an uns Deportierte gedacht, unseren Toten ist eine Gedenkstätte errichtet. – Gibt es eine in Deutschland? Meines Wissens nicht. Und in jedem historischen Museum wird man bei uns wohl vergeblich nach einer Ecke ausschauen, die diese Problematik behandelt. Was mich aber besonders empört, ist, daß während der Verhandlungen um die Entschädigung der Zwangsarbeiter nie ein Wort über die deutschen Zwangsarbeiter gefallen ist, die mit ihrer Arbeitskraft Reparationskosten für Deutschland geleistet haben und auch vom deutschen Staat dafür entschädigt werden müßten. Verlautet ist davon jedenfall nichts.

Bitte, mir persönlich geht es nicht um eine Entschädigung! Aber uns Verschleppte überhaupt nicht zu erwähnen, uns totzuschweigen – das haben wir nicht verdient und das schmerzt tief.

Oft stehe ich jetzt vor meinen zwei Birken-Reliefbildern aus sibirischem Stein, zum Abschied vom Werksdirektor und der Ärztin des "Profilaktoriums" erhalten, die mich an die stille Landschaft und die mitfühlenden Menschen erinnern. Können sie das verstehen, liebe Landsleute?