19.10.2021

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19.08.00 Zwischen Wien und Prag stellt sich die Vergangenheit

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. August 2000


Nachwehen: Windige Opportunisten mit Weitblick
Zwischen Wien und Prag stellt sich die Vergangenheit

Unter allen EU-Beitrittswerbern und unter allen Zerfallsprodukten von Sowjetblock und Tito-Slawien hielt es einzig und allein die Tschechische Republik für angebracht, bei den Sanktionen gegen Österreich mitzumachen. Mag unwichtig sein, ist aber trotzdem recht illustrativ: Denn die Motive der Tschechen sind so vielschichtig wie ihr Nationalcharakter – oder eben auch wie die Beziehungen zwischen benachbarten Völkern überhaupt!

Natürlich will, wer um Aufnahme in einen Klub ansucht, sich mit jenen gutstellen, die dort das Sagen haben. Doch muß das ein vorauseilendes Mobbing gegen Dritte einschließen? Hier zeigt sich wieder der bauernschlaue Opportunismus, wie er in der Figur des "Braven Soldaten Schwejk" so treffend dargestellt ist: Sich dem Mächtigen gefügig zeigen, um letztlich stets besser wegzukommen als dieser – selbst während des Weltkriegs bzw. in der Ostblockära ging es ja den Tschechen relativ besser als vielen anderen.

Ein weiterer Aspekt ist parteipolitischer Art: Für den sozialistischen Ministerpräsidenten Zeman, aufgewachsen unter dem Banner von "Antifaschismus" und "Antiimperialismus", war es – noch weit mehr als für seine EU-Artgenossen – ein Akt der "Solidarität", der abgewirtschafteten SPÖ Heckenschützenhilfe zu leisten! Der frühere Ministerpräsident Vaclav Klaus hätte sich kaum so bedingungslos der sozialistisch dominierten EU angebiedert. Vielleicht aber ist Klaus, wenn er heute Schüssel und die ÖVP unterstützt, bloß ein Opportunist mit mehr Weitblick: Denn der Regierungswechsel in Wien wird ja deswegen so heftig angefeindet, weil er ein Wendepunkt in der EU zu werden "droht" – weg vom Internationalsozialismus und zurück zu christlich-konservativen und nationalen Werten.

Weniger offenkundig, doch wesentlich fürs Verständnis sind die "ethnischen" Beziehungen zwischen den Sozialisten der Tschech(oslowak)ei und Österreichs. Wegen räumlicher Nähe und staatlicher Gemeinsamkeit hatte es zwischen dem böhmisch-mährischen Raum und dem Nordosten Österreichs "immer schon" Wanderbewegungen in beide Richtungen gegeben, woran Personen aller Schichten und Volksgruppen beteiligt waren. Aber die Industrialisierung brachte dann eine gewaltige Landflucht, und da zum Einzugsgebiet von Wien auch Böhmen und Mähren sowie das Gebiet der heutigen Slowakei gehörten, wurde Wien um 1900 die "zweitgrößte tschechische Stadt" – hinter Chicago und vor Prag.

So kam es, daß die "Bemm" ("Böhmen"), die meist unter noch elenderen Bedingungen als das übrige Proletariat vegetieren mußten, für marxistische Agitation sehr empfänglich waren, und so kommt es, daß deren Nachfahren in der Wiener SPÖ bis heute überproportional vertreten sind! (In dieses Bild paßt, daß Viktor Klima seinem Sohn den Namen "Jan" gab – "Klima" selber ist die Koseform von "Klement".) Kein Wunder auch, daß die SPÖ während des "austrofaschistischen Ständestaats" von der CSR aus operierte und daß die Schwesterpartei ihrerseits in Wien Zuflucht nahm, als die Kommunisten ans Ruder kamen.

Die Köpfe der österreichischen Sozialdemokratie waren aber zunächst durchwegs deutschnational – vom Parteigründer Viktor Adler bis zum Miliz-Kommandanten Otto Bauer (beide bürgerlich-deutsch-jüdischer Herkunft) und vielen anderen. Der aus Mähren gebürtige Karl Renner hatte 1918 die "Republik Deutsch-Österreich" ausgerufen, welche die sudetendeutschen Gebiete mit umfassen sollte, und war auch noch 1938 für den "Anschluß" eingetreten, um dann 1945 unter sowjetischer Ägide einen Staat zu gründen, in dem plötzlich alles ganz, ganz anders war! (Daß es in den Schulen statt "Deutsch" nur das Fach "Unterrichtssprache" gab, zählte noch zu den Kleinigkeiten.)

Dementsprechend schwach blieb das Eintreten für die heimatvertriebenen "Altösterreicher", und das Verharmlosen aller an deutschen Zivilisten begangenen Verbrechen wurde geradezu ein Fixpunkt im ungeschriebenen Verhaltenskodex roter (und nunmehr auch grüner) Apparatschiks. Als Klima und Zeman vor zwei Jahren zusammentrafen, kam es zu einer bezeichnenden Szene: Wie eineiige Zwillige demonstrierten die beiden durch synchrones Köpfenicken ihr Einvernehmen in dieser Frage. Selektive Vergangenheitsbewältigung quasi nach dem Motto:"De mortuis nil nisi Benesch."

Und so schließt sich der Kreis: Auf Drängen der FPÖ junktimiert Wien nunmehr die Benesch-Dekrete mit dem tschechischen EU-Beitritt, und Vorbeugung oder als Retourkutsche oder auch nur im Reflex tut Zeman bei den Sanktionisten mit. Wäre an sich lächerlich, hätte er nicht Rückendeckung durch eine gewisse Madeleine Albright, für deren Familie die Benesch-Dekrete – vorsichtig ausgedrückt – gewiß kein Schaden waren! (Der kam erst mit den Kommunisten.) Fairerweise ist aber noch anzumerken, daß ehrlicher Umgang mit der eigenen Vergangenheit allmählich auch für tschechische Intellektuelle zum Thema wird. R. G. Kerschhofer