28.10.2021

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19.08.00 Gesinnungswandel der Chinesen

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. August 2000


Gesinnungswandel der Chinesen
Akzeptiert Peking die US-Truppen-Präsenz in Südkorea?
Von Stefan Gellner

Mehr oder weniger stillschweigend haben sich Nordkorea und China in den letzten Wochen von einer zentralen politischen Forderung verabschiedet. Beide Staaten signalisierten ihre Bereitschaft, in Zukunft eine langfristige amerikanische Truppenpräsenz in Südkorea zu akzeptieren. Genau diese Truppenpräsenz ist sowohl von Peking als auch von Pjöngjang in der Vergangenheit immer wieder in Frage gestellt worden. Über den überraschenden Positionswechsel berichtete am 26. Juli dieses Jahres die in China erscheinende englischsprachige Wochenzeitung "Beijing Review". In dem entsprechenden Bericht steht zu lesen, daß Pjöngjang amerikanische Truppen in Südkorea dann akzeptiere, wenn sich diese auf eine friedenserhaltende Rolle beschränken würden. Insgesamt liest sich der Bericht als Unterstützung der Erklärungen des südkoreanischen Staatspräsidenten Kim Dae Jung und Nordkoreas Diktators Kim Jong Il anläßlich ihres Treffens Mitte Juni. Beide Politiker haben damals die Notwendigkeit einer amerikanischen Truppenpräsenz auch nach einer möglichen Wiedervereinigung der beiden koreanischen Staaten unterstrichen.

Es muß davon ausgegangen werden, daß der Beitrag in der "Beijing Review" auch die offizielle Haltung Pekings in dieser strittigen Frage darstellt. Augenscheinlich ist auch China derzeit nicht an einem möglichen Machtvakuum in Nordostasien, als Folge des Abzugs der Amerikaner, interessiert. Dieser Gesinnungswandel kommt um so überraschender, als sich China und Rußland noch Mitte Juli dieses Jahres eindeutig gegen eine weitere amerikanische Truppenpräsenz in Nordostasien ausgesprochen haben. So stand in der Tageszeitung der Chinesischen Volksbefreiungsarmee am 10. Juli dieses Jahres zu lesen, daß die "US-Militärpräsenz auf der nordkoreanischen Halbinsel im steigenden Maße unangemessen ist". Der Artikel verwies weiter darauf, daß die Amerikaner in Südkorea darauf aus seien, den Staat beziehungsweise die ganze Region zu kontrollieren. Darüber hinaus müßten die US-Truppen in Südkorea in Zusammenhang mit der "eurasischen Strategie" der USA gesehen werden, die darauf hinauslaufe, Asien und Europa zu kontrollieren.

Inzwischen sieht zumindest die chinesische Regierung die Entwicklung ganz offensichtlich aus einem anderen Blickwinkel. Einmal würde mit dem Abzug der Amerikaner der Puffer zwischen China und seinem Rivalen Japan wegfallen, was Japan zu einer Aufrüstung seiner militärischen Kapazitäten animieren könnte. Eine derartige Aufrüstung könnte aber ein Wettrüsten in Nordostasien zur Folge haben, an dem China nicht interessiert ist. Darüber hinaus müßte mit verstärkten russischen Aktivitäten in der Region gerechnet werden. Aus russischer Sicht konterkariert eine langfristige amerikanische Truppenpräsenz auf der koreanischen Halbinsel Ambitionen, den eigenen Einfluß in der Region auszudehnen. Deswegen setzt China auf einen langsamen Wandel in der Region. Die mittelfristige Aufrechterhaltung des Status quo in der Region garantiert eine gewisse Stabilität in den Außenbeziehungen Chinas, die der chinesischen Regierung Gelegenheit gibt, die inneren Angelegenheiten in aller Ruhe zu ordnen. Diese Positionierung ist allerdings nicht mit jener der chinesischen Armee deckungsgleich. Diese sieht in steigenden regionalen Spannungen eine Möglichkeit, den chinesischen Einfluß auszudehnen. Insgesamt strebt die chinesische Armee nach einer Zurückdrängung des amerikanischen Einflusses in der Region, um größere Freiheit bei der Verfolgung eigener Interessen (Stichwort: Taiwan) zu gewinnen. Die politischen Führer Chinas wünschen hingegen, militärische Konflikte zu vermeiden, weil diese Chinas politische und ökonomische Verbindungen gefährden könnten. Gleichzeitig würde der Einfluß des Militärs auf die Innen- und Außenpolitik steigen.

Die südkoreanische Regierung hat niemals einen Zweifel daran gelassen, daß sie an einem weiteren Verbleib der Amerikaner interessiert ist. Aus Sicht Seouls hat sich die koreanische Halbinsel in der Vergangenheit bereits des öfteren in einer schwierigen Position zwischen China und Japan befunden. Seoul fürchtet, daß ein möglicher Abzug der Amerikaner ein Machtvakuum hinterlassen könnte, daß alle Feindschaften wiederaufleben lassen könnte.

Pjöngjang, aber auch Seoul, Tokio und Peking haben, wenn auch aus den unterschiedlichsten Motiven heraus, Interesse daran, daß die US-Truppen (zunächst) in Südkorea stationiert bleiben. Dieses Interesse hängt inzwischen weniger mit den Folgen einer möglichen nordkoreanischen Invasion in Südkorea zusammen als vielmehr mit Fragen der Stabilität und Sicherheit Nordostasiens. Ob diese Interessenkonvergenz auch in Zukunft Bestand haben wird, wird entscheidend von der Chinesischen Volksbefreiungsarmee abhängen. Sollte deren Einfluß auf die chinesische Politik deutlich zunehmen, werden die Karten mit Sicherheit neu gemischt werden.