19.10.2021

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19.08.00 Zum 50. Todestag von Ernst Wiechert

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. August 2000


Der die Herzen bewegt
Zum 50. Todestag von Ernst Wiechert

Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit das Leben des erst 63jährigen Ostpreußen Ernst Wiechert am 24. August 1950 auf dem Rütihof am Zürichsee ausklang. Der Schriftsteller ließ damals eine treue Lesergemeinde zurück, die seine zu "Bestsellern" gewordenen Bücher als Orientierungshilfen betrachteten. Ernst Wiechert hat zwischen 1910 und 1950 das literarische Leben in Deutschland mitbestimmt. Wir dürfen ihn längst zu einem Klassiker der deutschen Literatur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählen. Er verfügte über eine auserlesene Sprachkultur und vermochte feinfühlig seelische Vorgänge zu gestalten.

Seine Wurzeln lagen in den Wäldern Masurens. Diese Landschaft mit ihren Seen, Mooren und dem Ruf des Kranichs prägten die Eindrücke der frühen Lebensjahre, aber Wiechert entwickelte sich dank seiner dichterischen Kraft zu mehr als nur einem "Heimatdichter". Das Aufwachsen in Stille und Versunkenheit, sein Einbezogensein in die Welt der Bibel, die Ablehnung von Wohlstandsdenken und moderner Technik spiegeln sich auf unübertroffene Weise in den Charakterzügen der Wiechertschen Romangestalten wider.

Als Förstersohn wuchs der am 18. Mai 1887 in Kleinort bei Peitschendorf, Kreis Sensburg, geborene Wiechert auf. Schulbesuch und Studium führten ihn nach Königsberg. Als Hauslehrer sammelte er manche Erfahrungen für seine spätere erfolgreiche Tätigkeit als Gymnasiallehrer (Studienrat) im preußischen Schuldienst. Neben den Erschütterungen des Ersten Weltkrieges mußte er den Freitod seiner Mutter (1912) und der Ehefrau Meta (1929) überwinden. Wiechert veröffentlichte seit 1916 Bücher, in die eigenes "Mißlingen des Lebens" einfloß. So wie der Autor selbst finden sich die Romanhelden als Suchende in der ihnen gegebenen Welt nicht zurecht.

Nach seiner Verheiratung mit Paula Marie (genannt Lilje) Junker hat Wiechert in Berlin und von 1933 bis 1936 in Ambach am Starnberger See gelebt, bevor er sich dann auf Hof Gagert in Wolfratshausen niederließ. Die Landschaft dort empfand er wie die seiner ostpreußischen Heimat. Mit seinen Romanen "Die Magd des Jürgen Doskocil" (1932) und "Die Majorin" (1934) gehörte Wiechert zu den beliebtesten Autoren im deutschen Sprachraum. In München hielt er 1933 und 1935 zwei mutige Reden, die versteckt Kritik am Nationalsozialismus übten. Fortan den Machthabern unbequem, wurde Wiechert im Mai 1938 verhaftet und für einige Wochen im Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt. Der Erlebnisbericht "Der Totenwald" (1945) zählt zu den bleibenden Dokumenten aus dem Widerstandskampf des Dritten Reiches. Als damals unsere Generation der Verführten, noch nicht zwanzigjährig, das Buch in die Hand bekam, bewirkte es mehr als manche politische Manifestation.

Wiecherts 1939 veröffentlichter Roman "Das einfache Leben" stellt Fragen nach dem Sinn unseres Daseins und setzt sich mit Naturerleben und Zivilisationskritik auseinander. Der humanistische Grundzug dieses seinerzeit in hohen Auflagen erschienenen Buches vermochte nicht den totalitären Staat zu erschüttern, ließ aber den Leser wissen, wo Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu finden sind.

In redlicher Absicht bezog Ernst Wiechert nach dem Zweiten Weltkrieg mehrfach Stellung zu aktuellen Fragen. Er erwies sich 1945/46 erneut als ein unbequemer Zeitgenosse. Seine Kritik an der Besatzungsmacht und dem Fehlverhalten uneinsichtiger Landsleute wurde mißverstanden. Deshalb verließ der Autor im Juni 1948 Deutschland, um als Emigrant in der Schweiz für sein spätes Schaffen die erforderliche innere Ruhe zu gewinnen.

"Die Jeromin-Kinder" (1945/47) heißt sein Roman über eine masurische Köhlerfamilie, den uns der Dichter als Vermächtnis an die ostpreußische Heimat schenkte. Unmittelbar vor seinem Tod konnte er noch das Erscheinen der "Missa sine nomie" (1950) erleben. Freiherr Amadeus in dieser "namenlosen Messe" verkörpert die Weltsicht Wiecherts. Er ist es selbst, der uns in dieser Romanfigur mit erschütternder Eindringlichkeit begegnet. Dieses Wiechertsche Requiem bleibt ein Werk der Versöhnung, das christliches Ethos auszeichnet.

Ernst Wiechert ist zeitlebens ein sensibler Einzelgänger geblieben. Er fühlte sich seit seiner Jugend in Königsberg aus dem Paradies der Wälder verstoßen. Manches, was er zu sagen hat, klingt wie das Wort eines Predigers, der in Demut und Ehrfurcht den Wundern der Schöpfung vertraut.

Dieser Dichter hat uns 13 Romane, 50 Erzählungen und Novellen, 40 Märchen, Reden, Gedichte, Betrachtungen und Trostschriften hinterlassen. Er setzte stets auf die Kraft seines Wortes, wollte mit seinen Einsichten dem Mitmenschen auf dem Weg in ein sinnerfülltes Leben weiterhelfen. Zu uns spricht stets ein unbestechlicher Zeitzeuge. Lediglich seinen Bühnenstücken blieb eine größere Anerkennung versagt.

Wiecherts Erinnerungsbände "Wälder und Menschen" (1936) und "Jahre und Zeiten" (1949) enthalten als Zeit- und Kulturdokumente bleibende Aussagen über den inneren Werdegang eines bürgerlichen Schriftstellers. In dem zuletzt genannten Buch finden wir den Satz: "Ich habe keinen Zweifel daran, daß mit dem Fortschreiten der bloßen Zivilisation viele Grundbegriffe der Kultur sich gewandelt und verflüchtigt haben und gleichsam aus dem Transzendenten in die Materie übergegangen sind." Was uns nun heute an Umweltvorstellungen und Fortschrittsdenken begegnet, vermochte Wiechert vor 50 Jahren nur im Ansatz zu ahnen.

Noch viele Jahre nach Wiecherts Tod gehörten seine Texte zum Lesestoff in Schulbüchern. Sie haben damals mitgeholfen, der jungen Generation seine Maxime zu vermitteln: "Das Stille zu bewahren, das Müde zu erneuern, das Große zu verehren, das Leidende zu lieben." Die handelnden Personen in Wiecherts Büchern agieren in einer Zeit und in einem Umfeld, dem heute Heranwachsende nicht selten ablehnend und verständnislos gegenüberstehen. Ist das nicht auch dann ein Problem, wenn man Bücher von Wilhelm Raabe oder Theodor Fontane zur Hand nimmt und sich erst einmal in die Gestalten aus einer anderen Zeit einzulesen versucht?

Geblieben ist uns das Gesamtwerk eines Dichters, dessen Bücher nach wie vor ihre Leser finden und Brücken bauen zwischen den Völkern. Dazu trägt wesentlich seit 1989 die Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft e. V. bei, der inzwischen Mitglieder aus sieben Ländern angehören. Besonders eng sind in der letzten Zeit die Verbindungen zu Wiechertfreunden in Polen und Rußland geknüpft worden.

Für uns ist Ernst Wiechert noch immer aktuell, er hat uns als Mensch und Künstler etwas zu sagen. Wir wissen aber auch, daß sein dichterischer Rang umstritten bleibt. "Nur wer die Herzen bewegt, bewegt die Welt." Diese Feststellung des Vaters Jakob Jeromin aus Sowirog läßt sich auch mit vollem Recht auf unseren Dichter beziehen. Wir sind überzeugt: Ernst Wiechert wird noch im 21. Jahrhundert zu den Autoren gehören, deren Kraft des Wortes weltweit die Leser erreicht. Hans-Martin Pleßke