19.10.2021

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19.08.00 Das historische Kalenderblatt: 13. August 1923

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. August 2000


Das historische Kalenderblatt: 13. August 1923
100 Tage Kanzlerschaft
Der Nobelpreisträger Gustav Stresemann war auch als Reichskanzler erfolgreich
Von PHILIPP HÖTENSLEBEN

Der Name Stresemann wird immer mit seiner erfolgreichen Tätigkeit als Außenminister verbunden. Zu Unrecht vergessen ist dabei seine – wenn auch nur kurze – ebenso erfolgreiche Amtsperiode als Kanzler der Weimarer Republik. Nach dem Rücktritt des ehemaligen Hapag-Direktors Wilhelm Cuno wird am 13. August 1923 der nationalliberal gesinnte Abgeordnete der Deutschen Volkspartei (DVP) Gustav Stresemann neuer Reichskanzler. Er führt eine große Regierungskoalition aus Sozialdemokraten, dem katholisch geprägten Zentrum, den Demokraten und der DVP an, die Deutschland in einer Stunde der Not helfen will.

Stresemann übernimmt das Amt in einer absoluten Krisenzeit, denn die junge Weimarer Republik wird von äußeren und inneren Feinden bedroht. Frankreich, das zur Eintreibung von Reparationsschulden seit dem 9. Januar 1923 das Ruhrgebiet besetzt hält und diese Gewaltmaßnahme zynisch als "Politik der produktiven Pfänder" verharmlost, stellt die stärkste Bedrohung von außen dar. Hiergegen wehrt sich die deutsche Bevölkerung verzweifelt mit passivem Widerstand.

Da das Reich unmittelbar vor dem Kollaps steht, fällt Stresemann die unpopuläre – jedoch absolut notwendige – Entscheidung, den passiven Widerstand abzubrechen. Gleichzeitig bittet er auch die Vereinigten Staaten um Vermittlung und Hilfe. Die Brutalität und Skrupellosigkeit der französischen Besatzungspolitik führt international zu einem Stimmungsumschwung. Dem ausgebluteten und gepeinigten Deutschland fließen jetzt wieder Sympathien zu. Frankreich gibt dennoch nicht nach und hält das Rhein-Ruhr-Gebiet weiterhin besetzt. Es kontrolliert darüber hinaus die Kohlelieferungen in das übrige Reichsgebiet und unterstützt auch separatistische Bestrebungen zur Abspaltung des Rheinlandes von Deutschland. Politisch und moralisch scheitert Frankreich jedoch auf breiter Front. Das Rheinland bleibt bei Deutschland, und durch Vermittlung der USA wird das Reparationsproblem durch die Annahme des Dawes-Planes von 1924 entschärft, wodurch sich auch der französische Einfluß auf Deutschland deutlich verringert.

Stresemann, der inzwischen als Außenminister auf internationaler Ebene die Geschicke der Republik lenkt, nutzt die Gunst der Stunde. Er erweist sich, auf Verständigung und Versöhnung mit dem "Erbfeind" bedacht, als großer deutscher Staatsmann. Stresemann ist sich bewußt, daß die Rückkehr Deutschlands als gleichberechtigter Partner in den Kreis der europäischen Mächte nur über eine Wiederherstellung normaler Beziehungen zu Frankreich möglich ist. Das seine Handschrift tragende Locarno-Vertragswerk vom 16. Oktober 1925 berücksichtigt die französische Interessen und führt zu einer Verständigung zwischen beiden Ländern. Stresemann und sein französischer Verhandlungspartner, Premierminister Aristide Briand, erhalten am 10. Dezember 1926 für diesen Versöhnungspakt zu Recht den Friedensnobelpreis.

Nicht nur im Westen entspannt sich die politische Lage, sondern auch im Osten, denn 1926 schließt Deutschland mit der weltweit geächteten Sowjetunion ein Freundschafts- und Handelsbündnis, den sogenannten Berliner Vertrag. Auch der seit dem Ersten Weltkrieg auf Deutschland gerichtete Bannstrahl der internationalen Völkergemeinschaft wird jetzt aufgehoben, Deutschland wir am 8. September 1926 feierlich unter dem tosenden Beifall der versammelten Repräsentanten der Nationen in den Völkerbund aufgenommen.

Innenpolitisch gelingt Stresemann während seiner nur 100tägigen Kanzlerschaft, die vom 13. August bis zum 23. November 1923 dauerte, gleichwohl Außerordentliches. Die Konsolidierung der Weimarer Republik ist nicht zuletzt sein Verdienst. Bei seinem Regierungsantritt im Sommer 1923 taumelt die junge Republik von Krise zu Krise und steht am Rande des Abgrunds. So hat die Inflation ungeahnte und geradezu schwindelerregende Höhen erreicht. Eine Wende und eine entscheidende Konsolidierung der Finanzen gelingt Stresemann und seinem Finanzminister Heinrich Luther erst mit der Währungsreform vom 16. November 1923 und der hierauf folgenden Einführung der Rentenmark.

Die Stabilisierung der Republik ist jedoch auch von Kräften an den äußeren Rändern des politischen Spektrums bedroht. Ihre Feinde, die Rattenfänger der extremistischen Links- und Rechtsparteien lassen nichts unversucht, die chaotischen Zustände in Deutschland für sich zu nutzen. Ein von Adolf Hitler und dem hochgeschätzten Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff angezettelter Putsch bricht am 9. November 1923 an der Münchener Feldherrenhalle unter den Schüssen der alarmierten Polizeikräfte kläglich in sich zusammen. Anlaß zur Sorge bieten auch die von einer Koalition aus Sozialdemokraten und Kommunisten regierten Länder Sachsen und Thüringen. Die Kommunisten der KPD wollen diese parlamentarische Zusammenarbeit als taktischen Hebel für die Errichtung einer Rätediktatur nutzen.

Die Reichsregierung vereitelt die von der Internationale geförderten Aufstandspläne jedoch durch eine militärische Intervention. Gegen die separatistischen Bestrebungen Bayerns schreitet sie dagegen nicht ein. Diese unterschiedliche Vorgehensweise wird Stresemann von den Sozialdemokraten zum Vorwurf gemacht. Die SPD nimmt dies zum Anlaß, die Koalition zu verlassen. Am 23. November 1923 scheitert Stresemann an der im Reichstag gestellten Vertrauensfrage und tritt als Kanzler zurück. Fortan wirkt er bis zu seinem Tode am 3. Oktober 1929 erfolgreich als Außenminister.