19.10.2021

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19.08.00 Die Kirche in Arnau erhält eine neue Glocke

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. August 2000


"… Kontrolle ist besser"
Die Kirche in Arnau erhält eine neue Glocke

Der Winter beginnt früher in Ostpreußen und legt seine frostige Hand auf manchen baulichen Terminplan. Daß die eigentlich nördliches Klima gewohnten russischen Partner des Kuratoriums Arnau e.V. den Turm der Arnauer Katharinenkirche allen Ernstes noch bis Ende 1999 fertiggestellt haben wollten, verblüffte dann doch etwas, zumal die umfangreichen planerischen Vorarbeiten erst im Sommer abgeschlossen waren. Zudem hatten wir unmißverständlich klargestellt, daß eine Wiederherstellung im dort verbreiteten Hau-Ruck-Verfahren – womöglich mit Ziegeln aus abgebrochenen historischen deutschen Gebäuden – von uns nicht akzeptiert würde.

Immerhin aber konnte in den Herbstmonaten 1999 der noch vorhandene Turmstumpf weitgehend saniert werden. Der folgende Winter wurde genutzt, um Lieferanten für die besonders großformatigen Ziegel zu finden. Die Probelieferung einer kleinen russischen Ziegelei erwies sich wegen mangelnder Frostbeständigkeit als allenfalls für Innenmauerwerk brauchbar. Endlich wurde eine Ziegelei in Estland ausfindig gemacht, die brauchbare Ziegel herstellen und liefern konnte. Die sind inzwischen nach langwierigen Zollformalitäten auch tatsächlich eingetroffen.

Bundesrepublikanisches Tempo darf man nicht erwarten. Immerhin geht es voran, denn nicht nur der fachkundige Vertreter des Kuratoriums Arnau, sondern nicht zuletzt der Hauptarchitekt des Moskauer staatlichen Instituts für Denkmalrestauration kontrolliert – zumeist gemeinsam – regelmäßig die Arbeiten, Korrekturanweisungen eingeschlossen. Anders geht es nicht in diesem Lande, in welchem es kaum Handwerkstradition und Ausbildung im deutschen Sinne gibt. Den gelernten und erfahrenen Handwerksmeister, auf dessen Fachkenntnisse sich hierzulande der Architekt in aller Regel verlassen kann, sucht man dort vergeblich. Auch befindet sich die technische Ausrüstung vielfach auf dem Stand unserer ersten Nachkriegsjahre.

Da die Arbeitslosigkeit hoch und die Einkommen sehr niedrig sind, ist begreiflicherweise der Hang zu einseitigen Eigentumsübertragungen verbreitet. Die Baustelle der Arnauer Kirche mußte also erst einmal durch einen hohen Zaun geschützt werden, nebst laufender Bewachung. Ein weiterer Grund ist die mit Baustellen nun einmal verbundene Unfallgefahr. So kann auch der Besuch etwa durch deutsche Touristen derzeit nicht verantwortet werden. Verstöße enden mit der fristlosen Entlassung des Wachpersonals.

Wer im Königsberger Gebiet baut, kennt die Schwierigkeiten, weiß, daß ohne laufende persönliche Kontrolle wenig Vernünftiges dabei herauskommt, und das auch noch zu überhöhten Preisen. Von den behördlichen Schwierigkeiten, den oft unklaren Eigentums- und Nutzungsrechten ganz zu schweigen. Das Kuratorium Arnau hat anfangs viel Zeit darauf verwenden müssen, diese Probleme hinreichend zu lösen. Eine absolute Sicherheit gibt es in einem fremden Machtbereich nicht. Doch sollten wir deshalb die Hände in den Schoß legen und die letzten Zeugnisse deutscher mittelalterlicher Kultur verkommen lassen? Wir meinen: nein!

Die russischen Partner sind übrigens bezüglich deutscher Baukunst ausgesprochen interessiert und aufgeschlossen. Hier ein kleines Beispiel: Die "merkwürdigen" Holzgerüste in den Turmruinen deutscher Kirchen wußten sich die russischen Baumeister nicht zu erklären. Standfest waren die Türme auch ohne diese. Durch unsere Zusammenarbeit ist jetzt der Begriff "Glockenstuhl" in das russische Fachrepetoire übernommen worden. In Rußland werden die Kirchenglocken starr aufgehängt und nur angeschlagen. Die durch einen besonderen Glockenstuhl zu bändigenden Schwingungen fallen nicht an. Wie auch immer: was ist ein Kirchturm ohne Glocke? Andererseits ist eine Glocke nicht gerade billig und schließlich müssen wir mit jeder Mark rechnen…

Auf dem Ostpreußentreffen in Leipzig, auf welchem das Kuratorium Arnau selbstverständlich mit einem Informationsstand vertreten war, neigte sich die Waage zu positiver Entscheidung. Hier ist es an der Zeit, der Führung der Landsmannschaft Ostpreußen, die uns mehrfach mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte, wie auch allen Besuchern des Landestreffens aufrichtigen Dank zu sagen. Die Kollekte des Gottesdienstes in Leipzig, die für die Arnauer Katharinenkirche bestimmt worden war, soll nach dem Willen des Kuratoriums Arnau nicht einfach im "großen" Topf verschwinden, sondern den Grundstock für die Anschaffung einer Glocke bilden, die hoffentlich bereits im kommenden Frühjahr vom wiedererrichteten Kirchturm den Beginn einer glücklicheren deutsch-russischen Epoche einläuten wird.

Wohlgemerkt: wir wollen die Vergangenheit nicht unter den Teppich kehren, dazu haben wir nicht die geringste Veranlassung, doch können und müssen wir den Blick ohne Hochmut, aber erhobenen Hauptes in die Zukunft richten. In die Zukunft auch derer, die nach uns kommen und uns an dem messen werden, was wir heute tun oder versäumen. Ralph Schroeder