20.10.2021

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26.08.00 In den rumänischen Südkarpaten ist der Bär los

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 26. August 2000


Ökotourismus im Burzenland: Wettlauf gegen die Zeit 
In den rumänischen Südkarpaten ist der Bär los 
Von Martin Schmidt

"Naturschutz in Rumänien" scheint ein Widerspruch in sich zu sein. Zumindest seit dem 30. Januar und den Presseberichten über die Zyanid-Verschmutzung der Theiß durch Schlampereien in einer Goldmine bei Neustadt (Baia Mare).

Das Land am Rande Mitteleuropas wird sein Image als "Öko-Schmuddelkind" nicht mehr los, obwohl es so viel schützenswerte Natur besitzt wie kaum ein anderes. Man denke an das grandiose 7000 Quadratkilometer große Donaudelta, das für 60 Prozent des Weltbestandes an Kormoranen und zahllose andere Vögel unersetzlich ist.

Genauso beeindruckend sind die Karpaten, die ein Drittel der Staatsfläche bedecken und zu 80 Prozent bewaldet sind. Sie bieten hervorragende Lebensbedingungen für Großraubtiere, die aus den meisten Teilen Europas längst verschwunden sind. Allein 4000 bis 5000 Braunbären, schätzungsweise 3000 Wölfe und bis zu 1500 Luchse leben in diesen Bergregionen. In Prozentanteilen bedeutet das die Hälfte aller auf dem Kontinent vorkommenden Braunbären sowie jeweils 35 Prozent der Wölfe und Luchse.

Welche Negativfolgen allerdings nicht nur die Ausbeutung von Bodenschätzen haben kann, sondern auch eine ungehemmte ökologische Vitalität, das wird im siebenbürgischen Kronstadt (Brasov) deutlich. Dort ist im wahrsten Sinne des Wortes der Bär los. Fast allabendlich können die Bewohner des in den 80er Jahren erbauten Racadau-Viertels zusehen, wie sich Bären an ihrem Müll zu schaffen machen.

Als Folge der aus den Jagdverboten der Ceausescu-Ära resultierenden hohen Bärendichte haben über 30 von ihnen ihre Scheu verloren und die bequeme Nahrungsquelle in dem Kronstädter Wohngebiet entdeckt, das fast ganz von bewaldeten Bergen umschlossen ist. Und von Jahr zu Jahr kommen mehr.

Das Schauspiel ist schon toll: Vom Auto aus kann man aus nicht einmal zehn Metern Entfernung mehrere der tapsigen "Riesenteddys" beobachten, wie sie sich an den Containern aufrichten, sie aufschieben und mit den gewaltigen Tatzen alles Eßbare herausfischen. Verständlicherweise lassen sich auch viele Anwohner das Spektakel nicht entgehen. Aber nicht jeder von ihnen dürfte auch die Gefahr richtig einschätzen, die von den im Ernstfall wieselflinken Bären ausgeht.

"Wir hatten einfach Glück, daß hier bisher nichts passiert ist, denn jedes Jahr kommt es in Rumänien zu mehreren Angriffen von Bären auf Menschen", warnen Naturschützer wie die deutsche Zoologin Annette Mertens.

Anlaß zur Sorge gibt auch die "Schweinerei", die durch die Müllmahlzeiten im Umfeld der Container entsteht. Oft schleppen die Bären den Abfall weit in den Wald hinein. Die Folgen für die Gesundheit der Bären und die gesamte umliegende Fauna und Flora sind nicht absehbar.

Angesichts solcher Risiken und der Gefahr, daß sich die Bären immer weiter nach Kronstadt vorwagen könnten, wollen die Umweltschützer die Mülltonnenjäger mit Gummigeschossen beschießen und – so hofft man – bald vertreiben.

Für Naturliebhaber nicht minder faszinierend ist der Lockruf der Wölfe, von denen im Kreis Kronstadt nach Angaben des deutschen Wolfsspezialisten Christoph Promberger etwa hundert Tiere zu finden sind. Ihre Zahl sei schwer zu ermitteln, erklärt der 34jährige Aktivist eines Umweltprojekts, das rund um den Kalksteingrat des Königssteins (Piatra Craiului) eine Modellregion für den Schutz der "Beutegreifer" Bär, Wolf und Luchs zum Ziel hat.

Träger des im November 1993 in der Nähe der Stadt Zernescht (Zernesti) begonnenen und bis 2003 terminierten "Carpathian Large Carnivore Project" (CLCP) ist die rumänische Staatsforstverwaltung in Zusammenarbeit mit der Wildbiologischen Gesellschaft München.

Selbst habe er nur ein einziges Mal einen Wolf in freier Wildbahn gesehen, erzählt der Diplom-Forstwirt Promberger. Während sich Bären gut durch Luderplätze anlocken lassen und für Touristen die Anlage eines Beobachtungspostens an einer dieser Futterstellen vorgesehen ist, sind Wölfe nicht so einfach zu ködern. Ihre enorme Scheu dürfte für die Teilnehmer der 40 in diesem Jahr in Zernescht vorgemeldeten ausländischen Öko-Reisegruppen eine herbe Enttäuschung sein.

Dafür können die Besucher beim Anblick des wildromantischen Burzentals und beim Wandern in den urwüchsigen Wäldern rund um den "Naturpark Königsstein" tagelang die Seele baumeln lassen.

Dieses im September 1999 unter maßgeblicher Beteiligung der CLCP-Leitung eingerichtete Schutzgebiet mit einer Gesamtflä-che von 15 000 ha umfaßt eine "Nationalpark" genannte Kernzone sowie den eigentlichen "Naturpark".

Der Nationalpark beinhaltet u. a. 2600 ha Wald, die von Menschenhand nicht verändert werden dürfen. Das mit den deutschen Biosphärenreservaten vergleichbare Nachbarareal erstreckt sich auf 4000 ha. Die Benennungen sind inoffiziell, da ein rumänisches Schutzgebietsgesetz fehlt, in dem solche Termini festgeschrieben sind.

Wie alle rund 900 ausgewiesenen Naturschutzgebiete des Landes mit Ausnahme des Reservats im Donaudelta ist auch für den Königsstein die Lokalverwaltung zuständig. Gemeinsam mit ihr versuchen die Zerneschter CLCP-Aktivisten das Zusammenleben von Wölfen und Bären mit den Menschen und ihren landwirtschaftlichen und sonstigen gewerblichen Interessen schrittweise zu verbessern.

Konkret versehen sie gefangene Wölfe mit Sendern, um sie wieder auszusetzen und beispielsweise hinsichtlich ihrer riesigen Streifgebiete (durchschnittlich 150 Quadratkilometer) zu beobachten. Heimische Schäfer erhalten Elektrozäune, die die Schafe vor den Wölfen und Bären schützen. Darüber hinaus werden ökologische Führungen für Schulklassen organisiert und der Umwelttourismus in Gang gebracht, etwa durch die Ausbildung örtlicher Reiseleiter. Ein Informationszentrum über Großraubtiere mit Ausstellungs- und Seminarräumen, Café und Souvenirladen ist ebenso noch Zukunftsmusik wie ein Naturlehrpfad und großflächige Freigehege mit Bären, Wölfen und Luchsen samt ihren natürlichen Beutetieren.

Dafür können Touristen schon jetzt auf Pferdefuhrwerken das Burzental erleben, einen Reiterhof oder ausgewiesene Klettermöglichkeiten in der Pufferzone nutzen und in zwei bewirtschafteten sowie fünf Selbstversorgerhütten bzw. auf Campingplätzen nächtigen. Eine weitere große Hütte mit bis zu 50 Plätzen liegt direkt im Naturpark.

Ergänzend zu den Wanderungen bieten sich kulturhistorische Ausflüge nach Kronstadt an, in das Dracula-Schluß Törzburg (Bran), zu der im Fachwerkstil gehaltenen Sommerresidenz der rumänischen Könige in Sinaia oder zu einer der trutzigen sächsischen Kirchenburgen wie in Tartlau oder Honigberg.

Die Alpinschule Innsbruck und die "Carpathian Nature Tours" eines Siebenbürger Sachsen organisieren Gruppenreisen zum Königsstein. Aber man kann die Gegend auch auf eigene Faust erkunden und sich in Zernescht in der Pension des deutschsprachigen Gigi Popa einquartieren (40 Mark/HP).

Jedoch können alle Erfolge nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Umweltschützer und die für ihre Anliegen aufgeschlossene Lokalverwaltung im Wettlauf mit der Zeit stehen: Sie müssen beweisen, daß ihr Konzept erfolgreich ist, sprich: sich mittelfristig die Geldbeutel der Bevölkerung füllen.

Wie in anderen reizvollen Weltgegenden sind auch im Südosten Siebenbürgens die Begehrlichkeiten von Hotelketten oder der private Landhunger lärmgeplagter Großstädter schwer zu bremsen. In der bis 1989 für Ausländer geschlossenen 27 000-Einwohner-Stadt Zernescht sind obendrein die sozialen Probleme besonders groß.

Die Hauptarbeitgeber aus sozialistischer Zeit – eine noch auf die k. u. k.-Zeit zurückgehende Munitions- und Waffenfabrik mit 11 000 sowie eine Papierfabrik mit 4000 "Werktätigen" – wurden weitgehend abgewickelt. Geblieben sind die Sägewerke, die den Holzreichtum vor allem für den Möbelexport nutzen.

Um so erstaunlicher ist es, daß man im Januar einen umweltschonenden Landnutzungsplan durchgesetzt hat. Dieser unterbindet sowohl in den Schutzgebieten als auch in deren direkter Nachbarschaft eine kurzfristig gewinnversprechende Bebauung des Burzentals. So hört am Ortsrand die Besiedlung schlagartig auf. Lediglich zwei Forststraßen führen in eine unendlich anmutende Natur.

Nähere Auskünfte: Carpathian Large Carnivore Project, Str. Mare 887, RO – 2241 Prejmer (Tartlau), Tel.: 0040/94/532798, Fax: 68/482391; Carpathian Nature Tours, Hermann Kurmes, Vlad Tepes 9, RO – 3125 Medias (Mediasch), Tel./Fax: 0040/69/832101; Alpin Schule Innsbruck, In der Stille 1, A – 6161 Natters bei Innsbruck, Tel.: 0043/512/546000, Fax: 546001, E-Mail: info@asi.at, Internet: www.asi.at