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26.08.00 Der Übermensch als Überwinder – Nietzsches Zukunftsausblick / Teil I

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 26. August 2000


Die Umwertung aller Werte 
Der Übermensch als Überwinder – Nietzsches Zukunftsausblick / Teil I
Von OLIVER GELDSZUS

Ich erzähle nunmehr die Geschichte des Zarathustra. Die Grundkonzeption des Werks, der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann, gehört in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift: ,6.000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit.‘ Ich ging an jenem Tag am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen pyramidal aufgetürmten Block unweit Surlei machte ich halt. Da kam mir dieser Gedanke."

So berichtet der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche selbst rückblickend im "Ecce homo" von den Umständen, die ihn zu seiner wohl bedeutendsten philosophischen Erkenntnis geführt hatten: die Idee von der Ewigen Wiederkehr des Gleichen. Zwei Jahre später ließ er die fiktive Gestalt des Wanderpredigers Zarathustra diese Lehre verkünden, eng verknüpft mit der Überzeugung: "Der Übermensch ist der Sinn der Erde!" Im Kontext der generell von Nietzsche geforderten "Umwertung aller Werte" waren dies fortan zentrale Inhalte seiner späten Philosophie.

Während Nietzsche 1881 seinen berühmten Lichtblick in seinem bevorzugten Sommerdomizil Sils-Maria erlebte, war er noch mit den letzten Abschnitten der "Fröhlichen Wissenschaft" befaßt. Einen engen Zusammenhang zwischen ihr und dem "Zarathustra" stellt der "tolle Mensch" her, den Nietzsche auf einem Marktplatz verzweifelt Gott suchen läßt: "Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? – Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!" Nahezu folgerichtig kombiniert er daraufhin: "Ist nicht diese Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?" In dieser berühmten Szene der "Fröhlichen Wissenschaft" war er bereits geboren, der Übermensch. Zarathustra wird dann später lehren: "Gott ist tot. Es ist nötig, daß der Mensch das Nichts über sich ausfüllt und zum Übermenschen wird."

Mit der Vision am See von Silvaplana erfolgte eine Zäsur in Nietzsches Philosophie. In gewissem Sinne kann man davon sprechen, daß vorher, von den "Unzeitgemäßen Betrachtungen" bis zur "Fröhlichen Wissenschaft", die Auseinandersetzung mit der Gegenwart im Mittelpunkt stand, während nun ein Zukunftsausblick, eine Möglichkeit zur Überwindung des Bestehenden und Gestaltung des Kommenden angeboten wird. Mit dem "Zarathustra", den Nietzsche in einem Brief an Peter Gast einmal vergleichsweise bescheiden sein persönliches "Erbauungs- und Ermutigungsbuch" genannt hatte, war in der Tat ein neues Niveau in seiner Philosophie erreicht. Vielfach wird daher im "Zarathustra" der Höhepunkt von Nietzsches Schaffen gesehen, und obwohl dieses ungewöhnliche Buch auch seinen Ruhm begründete, darf dies nicht den Blick dafür verstellen, daß die nachfolgenden Schriften von "Jenseits von Gut und Böse" bis zum geplanten "Willen zur Macht" mehr waren als nur ein bloßer Anhang dazu.

Mit einigem Recht hat Martin Heidegger in seiner Nietzsche-Vorlesung von 1940 den Willen zur Macht, den Nihilismus, die Ewige Wiederkunft des Gleichen, den Übermenschen sowie die Gerechtigkeit die "fünf Grundworte der Metaphysik Nietzsches" genannt. In der Tat sind es bei näherer Betrachtung diese fünf Grundthemen, die mit dem Waldspaziergang von Silvaplana seine Philosophie beherrschen. Wie sehr der Wille zur Macht gerade mit der "Umwertung aller Werte" zusammenhängt, belegt am einleuchtendsten der vom 17. März 1887 überlieferte Plan zum so nicht mehr entstandenen Buch mit dem wegweisenden Titel "Der Wille zur Macht", dessen Untertitel "Versuch einer Umwertung aller Werte" lauten sollte. Grundvoraussetzung war vor allem der neue, moderne Mensch, der freie Geist, der sich vom Alten gelöst hat: "Unterschätzen wir uns nicht: wir selbst, wir freien Geister, sind bereits eine Umwertung aller Werte". Diese "freien Geister" sind bereits die "neuen Wahrhaftigen", die neuen "Herren der Erde", sie entsprechen dem entworfenen Konzept des Übermenschen.

Der Wille zur Macht ist für Nietzsche der "Grundcharakter des Seienden" schlechthin, somit nicht akzidentell, sondern als ewiger Naturtrieb dem Leben stets innewohnend. So kann Zarathustra auch sagen: "Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Wille zur Macht." Nietzsches Wille zur Macht ist nicht von Gefühl und Verstand oder der jeweiligen Situation abhängig, sondern muß vielmehr psychologisch verstanden werden. Entsprechend beschrieb Nietzsche die Psychologie im "Jenseits von Gut und Böse" auch als "Morphologie und Entwicklungslehre des Willens zur Macht". Willensäußerungen wie Affekt, Leidenschaft oder Gefühl sind dabei nur Formen des Willens zur Macht. Wo dieser Wille zur Macht fehlt, und dies erkannte er beispielsweise in seinen gegenwärtigen politischen Verhältnissen in Deutschland, sieht Nietzsche nur Niedergang und Verfall – letztlich die von ihm vielfach diagnostizierte Dekadenz.

Der Wille zur Macht ist Ausdruck seiner geforderten dionysischen Bejahung zum Leben. Nietzsches Beschreibung des Willens als allgegenwärtig und unabänderbar – "lieber will noch der Mensch das Nichts wollen, als nichts wollen" – erinnert unwiderruflich an Schopenhauers Willens-Metaphysik. Mit einigem Recht kann man sicherlich auch Nietzsches Philosophie vom Willen zur Macht als Weiterführung der Schopenhauerschen Lehre vom allgegenwärtigen Lebenstrieb betrachten, wenngleich es wesentliche Unterschiede gibt und Nietzsche vor allem den Pessimismus und die Misanthropie des "Erziehers" relativ schnell überwand. Deutlich werden die Differenzen in der Kunstauffassung: während Schopenhauer in der Kunst, zumal der Musik, die berühmte "Objektivation des Willens" erkannte, sah Nietzsche in der Kunst die "durchsichtigste und bekannteste Gestalt" des Willens zur Macht. Kunst war für ihn "Macht – und Nichts außerdem!" Auch hatte Schopenhauer die Ansicht vertreten, der Wille könne in Form der Askese überwunden werden. Hinter dem asketischen Ideal des Priestertums entlarvte Nietzsche jedoch in seiner Streitschrift "Zur Genealogie der Moral" 1886 ebenso nichts anderes als den ewigen Willen zur Macht.

Dieser Wille zur Macht als Grundcharakter alles Seienden war so für ihn auch Grundprinzip alles Werdenden. Er ist in seiner Ausprägung Werte setzend zur Erhaltung und Repräsentation. Diese Werte in Ethik, Wissenschaften, Kunst, Religion, Politik etc. sind somit nur Ausdruck des Willens zur Macht." Woran mißt sich objektiv der Wert? Allein in dem Quantum gesteigerter und organisierter Macht". Daß Nietzsche so pathetisch immer wieder die "Umwertung aller Werte" forderte, zeigt unmißverständlich, welch eine hohe Bedeutung er den Werten zugestand.

Der neue Wille zur Macht, den Nietzsche jenseits des Bestehenden und "Jenseits von Gut und Böse" verlangte, mußte notwendigerweise auch als Ausdruck seiner selbst neue Werte setzen. Die Grundvoraussetzung hierfür mußte noch vor der Umwertung die Vernichtung aller bisherigen Werte sein: der Nihilismus. Der Nihilismus in Nietzsches Sinn meint die Verneinung des Bestehenden, zugleich aber auch die Bejahung des Kommenden. Er verstand den Nihilismus somit durchaus als schöpferisch und produktiv und benutzte ihn im Grunde nur als Mittel, die alten Werte schneller entwerten zu können. Wie ernst es ihm in dieser Hinsicht war, geht allein schon aus der Tatsache hervor, daß der geplante erste Teil des "Willens zur Macht" mit "Europäischer Nihilismus" überschrieben werden sollte. Er verstand den Nihilismus als "radikale Ablehnung von Wert, Sinn, Wünschbarkeit", wodurch er als "Zeugung einer wahrhaften Welt, eines Seins" sogar eine "göttliche Denkweise" sein könnte. In diesem Zusammenhang begriff sich Nietzsche auch selbst als den "ersten vollkommenen Nihilisten Europas". Ihm war dabei durchaus klar, daß er sich damit in zweifelhafte, seiner Lebensbejahung diametral entgegengesetzten Gesellschaft begeben konnte. Nihilismus war ihm daher zugleich auch der "unheimlichste aller Gäste", und obwohl ein "normaler Zustand" doch auch ein "pathologischer Zwischenzustand". Als die beiden großen nihilistischen Geistesbewegungen erschienen ihm der Buddhismus und das wenig geliebte Christentum. Und durchaus bedenklich im Sinne seiner Lehre klingt seine Definition eines Nihilisten: "Ein Nihilist ist ein Mensch, welcher von der Welt, wie sie ist, urteilt, sie sollte nicht sein, und von der Welt, wie sie sein sollte, urteilt, sie existiert nicht."

Bei all dem darf nicht übersehen werden, daß sich Nietzsche nicht im herkömmlichen Sinn als Nihilist einordnete; seine ambivalenten Äußerungen zu diesem Thema belegen hinlänglich seine Schwierigkeiten mit diesem Begriff in der gewöhnlichen Bedeutung. Er war kein Nihilist vom Zuschnitt eines Basarow in Turgenjews "Vater und Söhne" und entsprach auch nicht den Anarchismusvorstellungen eines Bakunin; eher ähnelte er der Gestalt des Stawrogin in Dostojewskis "Dämonen". Den 1881 verstorbenen Dostojewski hatte er auch 1887 posthum als Artverwandten entdeckt.

Nihilismus als Geistesbewegung war mit der romantischen Bewegung gegen Ende der Aufklärung entstanden und beschrieb nach der einleuchtenden Formel Merciers in der "Néologie" von 1801 "un homme qui ne croit à rien" (ein Mensch, der an nichts glaubt). Er entsprach dem großen romantischen Weltschmerz, dem "mal de siècle", und der Enttäuschung über die Unveränderbarkeit der Welt und die vermutete Nicht-Existenz Gottes. Das Nichts wurde somit als einziger fester Bestandteil in einer sinnlos gewordenen Welt erkannt und kultiviert, wie dies in Deutschland am schärfsten in den 1804 anonym erschienen "Nachtwachen des Bonaventura" erfolgte. Sie waren eine deutliche literarische Emanzipierung von Jean Paul, der in seiner "Vorschule der Ästhetik" noch gemäßigt vom poetischen Nihilismus geredet hatte, und schienen vielmehr Franz von Baaders Ahnung vom Nihilismus als größter Gefahr des 19. Jahrhunderts eindringlich zu bestätigen. Dieser Art von Nihilismus entsprach Senancours "Oberman" ebenso wie Goyas Radierung aus der Reihe "Desastres de la Guerra", worin ein Toter ein Stück Papier mit der Aufschrift "Nada" dem Betrachter entgegenhält. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts schlug dieser romantische Nihilismus dann immer mehr in den politischen Anarchismus um.

Dieser ist jedoch nicht die Version des Nihilismus, die Nietzsche meint. Er unterschied zwei Arten: Erstens "Nihilismus als Zeichen der gefestigten Macht des Geistes: der aktive Nihilismus" und zweitens "Nihilismus als Niedergang und Rückzug der Macht des Geistes: der passive Nihilismus". Mit dieser Definition unterschied Nietzsche seinen Nihilismus, den aktiven, der aus dem Pessimismus der Stärke erwächst, von jenem, der nur Niedergang ohne Lebensbejahung sieht. Nihilismus, wie Nietzsche ihn verstand, ist die nötige Denkhaltung für den Willen zur Macht und die "Umwertung aller Werte"; nur durch ein radikales Entwerten aller Werte war für ihn ein Überwinden des Bestehenden möglich.

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Im zweiten Teil: Der "Große Mittag" und die Ewige Wiederkunft des Gleichen, der Übermensch und Nietzsches "Übermorgen"