20.10.2021

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26.08.00 Wildgewordene Blaubeeren

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 26. August 2000


Wildgewordene Blaubeeren
Von RUDOLF KUKLA

Begab man sich einst rechtzeitig zur Reifezeit der Blaubeeren in unsere umliegenden Wälder, so durfte man gelegentlich noch vor den professionellen Sammlern auf reiche Ernte hoffen. Ansonsten gab es diese Beeren auf den Wochenmärkten zu maßvollen Preisen, manchmal sogar bis in den Frühherbst hinein!

Onkel Fritz liebte diese allgemein als Heidelbeeren bekannten Waldfrüchte besonders aus zwei Gründen: einmal weil er aus diesen einen starken Wein keltern konnte – wie auch aus Johannisbeeren, zum anderen, weil ihm Tante Lotte daraus ihre köstliche Fruchtsoße in zuvor fröhlich geleerte Weinflaschen "zauberte".

Da die Geschmacksnerven des Onkel Fritz schärfsten Protest gegen Zimtgewürz erhoben, verabscheute er den ansonsten für "eßbar" erachteten Milch-Reisbrei, falls ihm dieser – wie zumeist üblich – etwa mit Zucker und Zimt angeboten worden wäre. Mit Tante Lottes Blaubeersoße zusammen aber genoß er Reisbrei sogar mit Andacht – sich danach zum Dessert ein kleines Gläschen Blaubeerwein gönnend.

Auch meine Mutter bediente sich in Tilsit Tante Lottes relativ einfacher Soßen-Rezeptur. Sie kochte die Blaubeeren mit etwa gleicher Menge Zucker, etwas Vanille und Nelkenwürze ein, um diese dann – noch kochend heiß – durch einen Trichter in Flaschen abzufüllen. Im Gegensatz zu Tante Lotte benutzte sie dafür allerdings vorsorglich gesammelte Brause-Limonade-Flaschen, welche man, bis zum Halsrand gefüllt, dann mittels jederzeit stets daran befestigter Dauerverschlüsse immer wieder problemlos dicht verschließen konnte.

Da Tante Lotte und Onkel Fritz kinderlos blieben, war deren Haushalt weniger mit vorsorglich gesammelten Brause- als vielmehr mit genußvoll geleerten Weinflaschen gesegnet. – Somit benutzte Tante Lotte ausschließlich letztere und verschloß ihre Blaubeer-Soßenproduktion mit den ebenso sparsam aufgehobenen Originalkorken. Diese hatte sie zuvor zwar ausgekocht, aber deren Korkenziehernarben bargen wohl doch noch unerwartet auftretende Risiken. Eines davon offenbarte uns Onkel Fritz, als er Reisbrei mit Blaubeersoße zum Mittagessen serviert bekam. – Er war grad bei uns zu Gast, weil Tante Lotte ausnahmsweise einmal allein verreist war. Als Onkel Fritz zusah, wie Mutter mangels der am Vortag zu Bruch gegangenen Glaskaraffe jedem die Blaubeersoße direkt aus der Limonadenflasche zum Milchreis auf den Teller gab, spielte er den Erstaunten: "Was, ihr gebt die Blaubeeren so auf den Reis? – Lotte schmeißt sie immer zuerst an die Speisekammerdecke!"

Des Rätsels Lösung: In einer schwülwarmen Spätsommernacht war Onkel Fritz von mehreren "Schußgeräuschen" aufgeweckt worden, deren wahre Ursache Tante Lotte aber erst bei der morgendlichen Frühstücksvorbereitung offenbar wurde: Aufgrund ihres erschrockenen Aufschreis stürmte Onkel Fritz in die Küche – und sah Tante Lotte wie erstarrt vor der geöffneten Speisekammer stehen. Deren gesamtes Inneres war fast total von einer nach Fusel riechenden, dunkelrot-violetten Paste überzogen!

In der offenbar langfristig zu warm gebliebenen Speisekammer hatten sich einige, nun erst so richtig "krätschig" wildgewordene Blaubeeren zur Gärung entschlossen, um daraufhin die Korken laut knallend gegen die Decke der gut gefüllten Speisekammer abzufeuern, einschließlich des jeweils ungefähr halben Flascheninhalts. Daß es urplötzlich, aus mehreren Flaschen fast gleichzeitig und natürlich ausgerechnet nachts geschehen mußte, sei eben ein schon seit Jahrtausenden unumstößliches Naturgesetz, urteilte Onkel Fritz. Schließlich war er ja als Schulmeister a. D. und Blaubeerwein-Experte im Besitz des maßgeblichen Wissens! Tante Lotte benötigte zunächst zwar Trost, aber schließlich obsiegte – wie gewöhnlich – beider Humor! Die restlichen Spuren jener "Schweinerei" beseitigte der alsbald herbeigerufene Maler.

Aufgrund jener explosiven Nacht könnte man vielleicht allen Nichten und Enkeln Ostpreußens überliefern, daß sich wilde Blaubeeren, in verkorkte Flaschen abgefüllt, nicht immer auf Dauer zahm verhalten. Beste Gaumenfreuden garantieren sie dennoch in fast jeder kundig zubereiteten Form.