19.10.2021

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26.08.00 UNTERHALTUNG

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 26. August 2000


UNTERHALTUNG

Der kleine Koffer
Von CHRISTEL BETHKE

Nehmen Sie doch bitte den Koffer wieder mit", sagt der junge Mann in Weiß, der die Tür jetzt schließt, hinter der ich einen mir sehr vertrauten Menschen zurücklassen muß. Ja natürlich, der Koffer. Aber wohin damit? Nichts war in diesem Moment überflüssiger auf der Welt als sein Inhalt. Nie mehr würde seine Besitzerin etwas davon brauchen. Sie war auf die letzte Reise gegangen. Reisefertig war sie schon lange gewesen.

In der letzten Zeit hatte es noch zwei kurze Krankenhausaufenthalte gegeben, fast wie Zwischenübernachtungen, und da – ich hatte sie begleitet – fand ich es gut, daß man nicht lange nach Utensilien dafür suchen mußte. Sie hatte immer den kleinen Koffer fertig gepackt stehen. "Das", sagte sie, "habe ich im Krieg gelernt, wenn es hieß, bei Fliegeralarm in den Keller zu gehen. Man nimmt den Koffer und geht." Sollte ich auch einführen, denke ich, denn die jüngste bin ich nicht mehr. Ob ich diesen Koffer dafür nehme?

Es ist der "kleine Koffer", wie sie ihn nannte. Aus Leder, schwer, noch leer reißt er einem fast den Arm aus der Schulter – oder sind es die Erinnerungen, die ihm so viel Gewicht geben? Die Ecken mit harten Lederkappen genietet, scheint er kernfest und für die Dauer. Er war für Zwischenübernachtungen gedacht, wenn das große Gepäck schon vorausgeschickt worden war bei großen Reisen, deren Zeugen als Zertifikate ihre Wände tapezierten. Doch reichte ihre Erinnerung in der letzten Zeit viel weiter zurück, gingen bis in ihre Kindheit, bis nach Hause. Da war von Reisen durch den Korridor ins Reich zu hören, später als junge Krankenschwester in umgekehrter Richtung, von Flucht und Vertreibung hatte sie erzählt, vom Verlust der Geschwister, von Danzig, von ihrer Besessenheit schon damals, reisen zu wollen.

Ich erinnere mich an ihre Erinnerungen, die mit mir vergehen werden. – Warum erinnern wir uns ganz besonders stark im Alter an das Vergangene, an die Kindheit? "Weil wir da geborgen waren", hatte sie mir einmal gesagt, als wir davon sprachen.

Es ist nicht der erste Koffer, den ich wieder mitnehmen muß. Dieser rührt mich besonders. Vielleicht weil ich inzwischen selbst alt genug geworden bin und gelernt habe, zu lauschen und zu verstehen. Ich habe begriffen, daß, wenn mein Koffer mitgenommen werden muß, nicht nur meine Erinnerungen vergessen werden, sondern auch die, von denen mir berichtet wurde. Die Erinnerung von uns Flüchtlingen an das, was uns Heimat war und was die nachfolgenden Generationen – die gibt es längst – nicht mehr verstehen. Vielleicht ist das ja auch ganz gut so …

Langes Licht
Zum 100. Geburtstag von Margarete Fischer-Woelk
Von HORSTHARDI SEMRAU

Mit 100 Jahren bist du Zeuge
von Zeiten, nicht nur einer Zeit.
Gebückt. Die Würde ohne Beuge.
Gott hat’s gewollt: Du kamst so weit
in dir, daß du hast Sternensaum
berührt – wie Blühendes am Wege.
Das Leben mehr doch als ein Traum,
so zärtlich und – voll harter Schläge.
Was unerträglich, Ihm zu sagen,
vergönnt dir, weil Er mit dir litt.
Durch Flut und Feuer hat getragen
Er dich. Er schritt in Deinem Schritt.
Die Heimat hast du mitgenommen
in neues Heim – in dichte Wort.
Durch dich durft es zu Ehren kommen
Es glänzt. Kein Winterwind reißt’s fort.
Laß Gnade dieses Tages walten
und dank’s Ihm freudig: Sieh, ich bin.
Du mußt dich nicht mehr umgestalten
mit 100: Welch ein Sinngewinn!
Dein Lebenslied bleibt unzerstört
für den, der auch nach innen hört.

Von Balkon oder Fensterbank
Köstliche Rezepte mit Kräutern, Obst und Gemüse

Ein Topf Basilikum oder Petersi-
lie auf dem Fensterbrett in der Küche ist schon lange nichts Besonderes mehr; auch Tomaten auf dem Balkon erregen heute kaum noch Aufmerksamkeit. Anders ist das schon bei Zucchini etwa oder Salbei. Diese Spezialitäten einer feinen Küche auf dem Balkon zu züchten wagen nur einige wenige Gartenfreunde, die auf einen solchen in der Großstadt allerdings verzichten müssen. Von vielen Pflanzen gibt es mittlerweile kleine Züchtungen, die sich für den Balkon besonders gut eignen.

Aber was tun mit den Erträgen? Im Hädecke Verlag, Weil der Stadt, ist jetzt Das Balkonkochbuch erschienen (118 Seiten mit 65 Farbfotos, brosch., 39,80 DM). Die Autorin Susanna Bingemer, der Koch Hans Gerlach und die Fotografin Barbara Bonisolli präsentieren köstliche Rezepte mit Kräutern, Gemüse und Obst von Balkon und Fensterbank. Die bunte Reihe reicht von Bohnensalat mit Gurkenblüten und Mohn über Kürbissuppe mit Fenchelsamen oder Milchreis mit Lavendel-Erdbeeren bis zu Riesengarnelen mit Zuckerschoten oder Penne mit Zucchiniblüten und Scholle. – Praktisch – bei einem verregneten Sommer wie diesem – auch der Tip, grüne Tomaten zu verarbeiten, zu Marmelade etwa. Persönliche Erfahrungen der Balkongärtner und wichtige Tips zur Pflege des Grüns ergänzen die köstlichen Rezepte. Natürlich lassen sich die "klassischen Rezepte mit einem speziellen Kick" auch mit Zutaten vom Wochenmarkt nachkochen. Nur – selbst geerntet schmeckt’s eben doch besser. SiS