28.10.2021

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02.09.00 Stillstand

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. September 2000


Stillstand
Von Peter Fischer

Ein jeder Politiker, der gedanklich im größeren Stil mit der Zukunft Europas umgeht, wird mit den Russen als einem beständigen Faktor im großen Kampf um Einfluß und im Spiel der Kräfte rechnen müssen. Je früher hier Tendenzen, Verwerfungen und Änderungen wahrgenommen werden, desto sicherer das notwendige Urteil darüber.

Der Brand in Moskau und möglicherweise auch das noch immer rätselhafte Geschehen um das U-Boot "Kursk" stehen symptomatisch für das gegenwärtige Rußland und das hier besonders interessierende von ihm verwaltete nördliche Ostpreußen. Kein Zweifel, die Zeichen weisen auf Stillstand, Resignation und markieren einen geistigen Tiefpunkt, der inzwischen deutlich jegliches eigene Wollen ausschließt.

Es ist dies die schillernde Hochzeit des russischen Fatalismus, der, wie Nietzsche schrieb, jenem russischen Soldaten ähnelt, dem der Feldzug zu hart geworden und der sich endlich in Kenntnis der Folgen in den weichen Schnee sinken läßt. Der Verfasser dieser Zeilen bekam jetzt bei einem Besuch in Königsberg nach achtjähriger Pause eine Kostprobe davon vor einem dortigen Hotel. Ein ehemaliger russischer Leutnant, Miteroberer von Königsberg, hob unbeschadet des nicht geringen Publikumsverkehrs demonstrativ die Hände und sagte: "Wir ergeben uns. Ihr habt gesiegt. Ihr müßt kommen, wir sind am Ende."

Natürlich waren dies keine Kapitulationsverhandlungen, die führt kein Leutnant und kein Redakteur, aber signifikant war die Geste schon. Denn die Plattenhäuser sind inzwischen nicht schöner geworden, die Löcher in den Straßen nicht kleiner und die Einkünfte nicht höher. Wenn auf der Strecke von Königsberg nach Trakehnen 100 Rinder längs der weitläufigen (versteppten) Wiesen und unbestellten Äcker gestanden haben, dann sind es viele gewesen. Wissenschaftler wandern längst westwärts ab, manche auch nach Übersee. Ob der letzte dann dort das Licht löscht, wie man kurz vor dem Untergang des Honecker-Regimes in Mitteldeutschland unkte, bleibt ungewiß. Es könnte zuvor das Wasser ungenießbar werden oder die Plattenhäuser einstürzen.

Ob dies allein nur "Todeszuckungen des früheren Sowjetimperiums" sind, wie die "Moscow Times" dieser Tage schrieb, muß bezweifelt werden. Wer etwa in das militärisch immer noch gesperrte Pillau fährt, gegenwärtig Sitz der "Baltischen Flotte", der muß selbst auf der Haupteinfahrtsstraße mit ihren riesigen Schlaglöchern mit einem Radbruch rechnen. Nun kann der kommandierende Admiral Jegorow fehlende Geldmittel, fehlenden Asphalt oder Zement anführen, aber der Sand der Ostsee ist kostenfrei. Warum kommandiert der Admiral nicht 50 Rekruten ab, die die Löcher mit hellem Ostseesand füllen?

Genau dies aber ist der Punkt, es gibt weder individuelle noch gemeinschaftliche Qualitäten und Ziele mehr. Die von US-General Hiram Wallbrigde schon 1863 ausgesprochene Perspektive: "Die Vorsehung hat bestimmt, daß zwei Hemisphären sein sollen, die eine soll durch Rußland, die andre durch die Vereinigten Staaten repräsentiert sein", hat den Russen den höchsten Preis abverlangt: die Vernichtung ihrer Oberschicht und die Trennung von den deutschen Einflüssen durch den unseligen Panslawismus. Insofern waren bei dieser Hemisphärenteilung Trotzkis Gelder der amerikanischen Hochfinanz besonders wirksam im nichtfunktionierenden System des Bolschewismus angelegt. US-Farmer profitieren heute noch beim Getreideexport von der Vernichtung der russischen Bauern.

Die Umwandlung der Zweiteilung in die Globalisierung erfolgt prompt in jenem Moment, in dem der Chefkorrespondent der BBC, John Simpson, registrieren kann, daß die "amerikanischen Militärausgaben 60mal höher liegen als die Rußlands, bei etwa 570 Milliarden DM" und Wissenschaft und Wirtschaft aussichtslos zurückliegen. Die Russen vermochten die Mongolenstürme abzuwehren, die Chasaren, die Franzosen, aber der Bolschewismus bleibt das eigentliche Gift, das zum Tode führen kann.

Andere Länder, wie Frankreich das Elsaß oder England Irland, nutzen ihre Eroberungen sinnvoll. Bei den Russen ist dies nicht erkennbar. Ostpreußen gilt weder als wirtschaftliche Drehscheibe, noch wird der gute Name für agrarische Produkte genutzt. Andere Gesten bleiben halbherzig: So hat Putin anläßlich seines Kurzbesuches in Pillau sich eine ostpreußische Rücksiedlerin vorstellen lassen. Eine Geste, gewiß. Aber schon ein Signal? Auch die Namensänderung in "Neu-Königsberg", die gegenwärtig propagiert wird, scheint halbherzig.

Die schlimmste Möglichkeit für Russen und Deutsche wäre freilich, wenn durch politische Untätigkeit Berlins Moskau das nördliche Ostpreußen an Polen überstellen oder gar verkaufen würde, wie dies inzwischen immer wieder kolportiert wird.