28.10.2021

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02.09.00 Der Übermensch als Überwinder – Nietzsches Zukunftsausblick / Teil II

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. September 2000


Die Umwertung aller Werte
Der Übermensch als Überwinder – Nietzsches Zukunftsausblick / Teil II
Von OLIVER GELDSZUS

Wie wichtig Nietzsche selbst seine Idee von der Ewigen Wiederkehr des Gleichen war, belegt allein schon die ungewöhnliche Tatsache, daß er sich Zeit und Ort der Erleuchtung genauestens eingeprägt hatte, um sie im nachhinein zu kultivieren, wie in der Autobiografie "Ecce homo". Und noch im Nachlaß findet sich die Notiz: "Unglaublich der Augenblick, wo ich die Wiederkunft zeugte." Des weiteren schien sie ihm der "Wendepunkt der Geschichte" gewesen zu sein. Es ist daher ungerechtfertigt, in Nietzsche zwar den Philosophen des Willens zur Macht und den Verkünder des Übermenschen zu sehen, nicht aber den Lehrer der Ewigen Wiederkehr. Selbst so unterschiedliche Nietzsche-Interpreten wie der Nationalsozialist Alfred Baeumler und der liberale Philosoph Karl Jaspers waren sich in der Ablehnung der Bedeutung dieser Lehre erstaunlich einig. Es ist der Nachwelt in der Regel auch stets schwergefallen, den Gedanken der Ewigen Wiederkehr des Gleichen vollständig zu erfassen und in den Gesamtkontext von Nietzsches Denken einzuordnen. Vermutlich hatte Heidegger recht, als er die Ewige Wiederkunft als Grundgedanken von Nietzsches Metaphysik bezeichnete und mit dem Willen zur Macht als "Wesenseinheit" betrachtete.

In der Tat scheint die Ewige Wiederkehr nur im Zusammenhang mit dem Willen zur Macht sinnvoll: da dieser nach Nietzsche unendlich wirkt, gibt es auf der Welt auch immer dieselbe Grundkonstellation; es ist ein ewiger Kreislauf, denn: "Der Gesamtwert der Welt ist unabwertbar." Da der Wille zur Macht für Nietzsche der Grundcharakter des Seienden ist, ist die Ewige Wiederkehr die Grundbestimmung des Weltganzen. Man sollte diese Lehre nicht fehldeuten im Sinne eines Geschichtszyklus, der vom Wiedereintritt in vergangene Zeiten ausgeht; hier geht es vielmehr um das erkannte Grundprinzip des ewigen Lebens im Willen zur Macht und seine permanente Gültigkeit im Sinne etwa von Heraklits Lehre vom ewigen Fluß der Dinge.

Die Ewige Wiederkehr des Gleichen hatte Nietzsche im "Ecce homo" rückblickend als "unbedingten und unendlich wiederholten Kreislauf aller Dinge" bezeichnet, und auch Zarathustra weiß: "Die Mitte ist überall. Krumm ist der Pfad der Ewigkeit." Der Wiederkunftsgedanke wurde von Nietzsche zum ersten Mal nach der Vision am See von Silvaplana im vierten Buch der "Fröhlichen Wissenschaft" geäußert. Danach wurde die Idee dann vor allem im "Zarathustra" beherrschend. Insbesondere in den nachgelassenen Fragmenten zum nicht mehr entstandenen Hauptwerk "Der Wille zur Macht" wird deutlich, wieviel Nietzsche an dieser Lehre lag und wie er sie verstanden wissen wollte: "Man muß vergehen wollen, um wieder entstehen zu können, – von einem Tag zum anderen. Verwandlung durch hundert Seelen, – das sei dein Leben, dein Schicksal! Und dann zuletzt: diese ganze Reihe noch einmal wollen!" Grundüberlegung dabei ist: "Alles ist unzählige Male dagewesen, insofern die Gesamtlage aller Kräfte immer wiederkehrt." Die Zeit, in der "das All seine Kraft ausübt", schien ihm unendlich, und auch die Kraft ewig gleich und ewig tätig. Das Leben ist so ein ewiges Leben, die Unsterblichkeit die Konsequenz der Lehre. So kann er auch ausrufen: "Daß wir unsere Unsterblichkeit ertragen könnten – das wäre das Höchste." Zweifelsohne verbirgt sich hinter dieser Lehre ein hohes Maß an Lebensbejahung, da sie davon ausgeht, daß trotz des Chaos in der Welt dennoch immer etwas erreicht wird, und zwar immer dasselbe: so braucht man nicht über die Sinnlosigkeit des Daseins zu räsonieren, da es auf dieser Welt nie anders war und nie anders sein wird. Vielmehr hat man die Gewißheit, daß jeder Augenblick gleich lang, gleich ewig und gleich wichtig ist und daß alles, was bisher auf dieser Welt möglich war, im Guten wie im Schlechten, auch jederzeit wieder möglich ist. Die Lebensbejahung äußert sich nicht zuletzt darin, daß man denselben Moment, in dem man glücklich ist – Zarathustras "großen Mittag" – ewig will bzw. seine permanente Wiederkehr will. Dies ist für Nietzsche die höchste Form des Lebenswillens, das Ertragen des Daseins. Die Lehre von der Ewigen Wiederkehr des Gleichen setzt voraus, daß es kein Ziel in der geschichtlichen Entwicklung gibt: "Hüten wir uns, diesem Kreislauf irgendein Streben, ein Ziel beizulegen." Die Lehre soll, ebenso wie der Übermensch, im atheistischen Zeitalter als Gottesersatz fungieren: "Wer nicht an einen Kreisprozeß des Alls glaubt, muß an den willkürlichen Gott glauben." Die Lehre muß demnach geglaubt, weniger wissenschaftlich bewiesen werden. Interessanterweise schien sie ihm auch die idealistische und die materialistische Position zu versöhnen: "Die beiden extremsten Denkweisen – die mechanistische und die platonische – kommen überein in der ewigen Wiederkunft: beide als Ideale."

Wie Nietzsche den ewigen Kreislauf des Lebens verstand, illustriert am besten diese Notiz aus dem Nachlaß: "Welchen Zustand diese Welt auch nur erreichen kann, sie muß ihn erreicht haben, und nicht einmal, sondern unzählige Male. So diesen Augenblick: er war schon einmal da und viele Male und wird ebenso wiederkehren, alle Kräfte genauso verteilt wie jetzt: und ebenso steht es mit dem Augenblick, der diesen gebar, und mit dem, welcher das Kind des jetzigen ist."

Die Lehre rief für ihn signifikante Befürchtungen hervor: "Furcht vor den Folgen der Lehre: die besten Naturen gehen vielleicht daran zugrunde? Die schlechtesten nehmen sie an?" Und: "Die Lehre der Wiederkunft wird zuerst das Gesindel anlächeln." Dennoch weist die Lehre bereits deutlich auf den Gedanken des Übermenschen hin. So heißt es auch im Plan um "Zarathustra" im Nachlaß: "Darauf erzählt Zarathustra aus dem Glück des Übermenschen heraus das Geheimnis, daß alles wiederkehrt." Der Übermensch erst läßt die Lehre desiderabel erscheinen: "Nach der Aussicht auf den Übermenschen auf schauerliche Weise die Lehre der Wiederkunft: jetzt erträglich!" Zarathustra, der Lehrer der Ewigen Wiederkehr des Gleichen, ist auch der Verkünder des Übermenschen: "Seht, ich lehre euch den Übermenschen. Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: Der Übermensch sei der Sinn der Erde!" Der Übermensch soll den Menschen und somit die Misere der Gegenwart überwinden: er ist Verneinung (der Gegenwart) und Bejahung (der Zukunft) zugleich. Er tritt an die Stelle der alten Götter: "Tod sind alle Götter, nun wollen wir, daß der Übermensch lebe", also spricht Zarathustra. Gemäß Nietzsches Philosophie entspricht diese Idee durchaus den Grundinhalten seines Denkens und ist nicht lediglich Ausdruck einer irgendwie gearteten arroganten Herrenmoral. Der Übermensch ist innerhalb des ewigen Kreislaufs des Lebens die edelste Form des Willens zur Macht. Er ist als Umwerter der bisherigen Werte Nietzsches Gewähr der neuen Moral "Jenseits von Gut und Böse" und gewissermaßen die Inkarnation der neuen Werte. Er zeichnet sich dadurch aus, daß er als "Sinn der Erde" sich selbst als höchsten Ausdruck des Willens zur Macht erkennt. Der Übermensch als Träger des Willens zur Macht ist Nietzsches neuer Mensch, der erhoffte Mensch der Zukunft, der neue "Herr der Erde". Der Übermensch, wie ihn Nietzsche sich dachte, sollte im Gegensatz zum modernen Menschen der Gegenwart den Typus "höchster Wohlgeratenheit" verkörpern und so den neuen Adel, die neue Machtelite darstellen. Er ist derart von höchster Bedeutung in seinem Denken: "Der Übermensch liegt mir am Herzen, der ist mein Erstes und Einziges", sagt Zarathustra, und im Nachlaß heißt es einmal: "Auf einen Augenblick den Übermenschen zu erreichen. Dafür leide ich alles!"

In den Problemkreis des Übermenschen gehören auch Nietzsches Äußerungen zu Zucht und Züchtung. "Nicht nur fort sollst Du dich pflanzen, sondern hinauf!" fordert Zarathustra in diesem Zusammenhang. Im "Ecce homo" hatte Nietzsche die Höherzüchtung des Menschen – zum Übermenschen – als "größte aller Aufgaben" der Menschheit bezeichnet. Durch Züchtung wollte Nietzsche die nicht näher erläuterte europäische Herrenrasse erreichen, die erst prädestiniert war für den "großen Stil in der Moral" und die "Große Politik". Wie diese Politik künftig aussehen sollte – darüber hat sich der im Grunde zutiefst unpolitische Nietzsche nie konkret geäußert. Ein weites und nach allen Seiten ausdehnbares Feld somit, das er seinen Epigonen damit hinterließ.

Indem sich der Wille zur Macht entlang des Bestehenden entfaltet und im Rahmen der "Umwertung aller Werte" eine neue Moral und eine neue Freiheit ausbildet, kommt es notwendig auch zum Ideal einer neuen Gerechtigkeit. Sie setzt neue Werte, selektiert nach ihrem Maßstab das Bestehende und vernichtet das Unbrauchbare. Damit ist die Gerechtigkeit im Grunde höchster Repräsentant des Willens zur Macht, auf ihr basieren die neuen Werte in der neuen Weltordnung. Wie wichtig sie Nietzsche als Grundwert des Lebens erschien, geht aus einer nicht verwendeten Notiz zu "Menschliches, Allzumenschliches" hervor: "Was ist Gerechtigkeit? Und ist sie mögIich? Und wenn sie nicht möglich sein sollte, wie wäre da das Leben auszuhalten?"

Hinaus in ferne Zukünfte, die kein Traum noch sah, sagt Zarathustra einmal, sei er geflogen. Auch Nietzsche hat stets den Blick für das Übermorgen gehabt, wo er letztlich auch seine Leser und seine "Umwertung aller Werte" vermutet hatte. Wohl richtig hatte er in der Bemerkung "Die Zeit kommt, wo der Kampf um die Erdherrschaft geführt werden wird, er wird im Namen philosophischer Grundlehren geführt werden" das Wesen des 20. Jahrhunderts antizipiert. Die Hauptinhalte von Nietzsches Metaphysik, seine Lehre vom Willen zur Macht als Grundprinzip des Lebens, die Idee von der Ewigen Wiederkehr des Gleichen, der Übermensch als Träger der neuen Weltordnung und nihilistischen Umwerter aller Werte im Namen einer neuen Gerechtigkeit sind zugleich auch Nietzsches Zukunftsausblick; seine Vision auf das Kommende und Neue.

Dabei verlangte er unbedingte dionysische Lebensbejahung und Zukunftsoptimismus: "Die Zukunft feiern, nicht die Vergangenheit! Den Mythus der Zukunft dichten! In der Hoffnung leben!" So war sein Leben und Denken die seltsame Mischung aus Pessimismus und Optimismus, zuweilen erbitterter Gegenwartskritik und hoffnungsvoller Zukunftsprophetie. Verlor Nietzsche sich – selten genug als Zerstörer aller falschen Ideale – in utopischen Träumereien, machte er in der Zukunft zahllose Anstalten, "um die Seele in Kur zu nehmen", zahllose Mittel gegen die Langeweile, Feste, asketische Erziehungsanstalten zur Ausbildung der neuen Elite usw. aus. Das war seine Vision für das Übermorgen, also das 21. Jahrhundert: der moderne Europäer als Übermensch, der das Wesen der Welt erkannt hat und sich selbst als "Sinn und Herren der Erde" setzt.

Sein kontroverser Stil in der Philosophie hat die Geister der Nachwelt zwar oft geschieden, aber selten nur unberührt gelassen. Der Entwerter aller Werte im christlichen Abendland hat selbst am treffendsten den Charakter seines Lebens und Denkens am Schluß seiner Autobiographie formuliert: "Hat man mich verstanden? Dionysos gegen den Gekreuzigten ..."

Schluß