28.10.2021

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Suchen und finden
02.09.00 Die ostpreußische Familie

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. September 2000


Die ostpreußische Familie
Extra

Lewe Landslied,

ich werde zwar mitunter als "Das wandelnde ostpreußische Lexikon" apostrophiert, das ehrt mich sehr, aber wie jedes auch nichtwandelnde weise ich Lücken auf. Und vor allem bin ich keine Familienforschungs- und -auskunftsstelle mit dem kompletten Ahnenarchiv aller Ostpreußen. Es kommen nämlich immer wieder Anfragen nach irgendwelchen Vorfahren – bis in das 18. Jahrhundert! – mit genauen Lebensdaten, die ich wirklich nicht beantworten kann. Deshalb muß ich hier noch einmal eine Liste der Institutionen bringen, bei denen sich die betreffenden Unterlagen befinden könnten.

Wir müssen auf dem Gebiet der Suchwünsche den Schwerpunkt auf die Aufklärung von Schicksalen aus unserer Zeit legen, auf die Suche nach irgendwelchen Lebens- und Leidensgefährten von vermißten, nach ehemaligen Nachbarn, Freunden und Bekannten und nach vielleicht noch lebenden Familienangehörigen. Und auch nur dann, wenn alle Suchwege bisher ins Leere liefen. Damit haben wir schon alle Hände voll zu tun, wie Sie heute wieder lesen werden.

Zuerst wieder mit den sogenannten "Wolfskindern" – der letzte große Erfolg hat Mut gemacht undneue Hoffnungen geweckt. So bei einem geborenen Königsberger aus Litauen. Er schreibt: "Ich bin Henrikas Blankas. Nach dem Krieg kam ich nach Kaunas aus Königsberg, wo ich in einem großen hölzernen Haus unweit von einer Brücke wohnte. Nach Kriegsausbruch ließ mich entweder mein Vater oder mein Großvater mit meinem älteren Bruder bei unserer Großmutter. Ich erinnere mich nicht an meine Mutter. Oft kam Tante Lisa zu uns. Später wohnten wir mit unserer Oma in einem kleinen Lagerraum, wo sie verstarb. Vor ihrem Tode hängte sie mir ein Schild um den Hals, auf dem geschrieben stand, daß ich Horst Blank heiße und 1940 geboren bin. Nach langer Wanderung bis Kaunas bekam ich Unterkunft bei der Rotkiai-Familie, die mich großgezogen hat. Ich möchte so sehr meine Verwandten finden oder jemanden, der meine Familie kannte."

Soweit der Brief von dem Mann, der heute Henrikas Blankas heißt und mit großer Wahrscheinlichkeit als Horst Blank in Königsberg geboren wurde. Was aus dem Bruder geworden ist, schreibt er nicht. Ist dieser ebenfalls in Litauen geblieben oder mit einem Transport nach Deutschland gekommen? Die Mutter ist wohl früh verstorben, der Vater vielleicht gefallen. Wer war Tante Lisa? Erinnert sich jemand an ein 1940 geborenes Königsberger Kind mit diesem Namen? Vielleicht Nachbarn aus dem "großen hölzernen Haus unweit einer Brücke"? Für jeden Hinweis auf seine Familie wäre der Mann dankbar. Zuschriften bitte an folgende Adresse: Fr. Sileikiene Greta, Pabirzes Str. Nr. 5, Neveronys, Kreis Kaunas, Republik Litauen-Lietuva.

Hier geht es um den richtigen Namen eines ehemaligen Wolfskindes, Viktor Winskewitsch mit Namen. Er soll am 12. August 1941 im nördlichen Ostpreußen als Wilhelm Gerste geboren sein. Bisher konnte der Familienname Gerste nicht verifiziert werden. Da es sich hier um eine Behördenangelegenheit handelt, ist es für den Betreffenden sehr wichtig, Angaben über Familien dieses Namens zu erhalten, die eventuell zur Klärung seiner Herkunft beitragen könnten. Wer kannte eine Familie Gerste, wahrscheinlich aus dem nördlichen Ostpreußen, die bei Kriegsende einen dreieinhalbjährigen Sohn Wilhelm hatte? Zuschriften bitte an uns, wir leiten sie dann weiter.

Wieder wendet sich Brigitta Kasten an uns, wieder mit einem fast hoffnungslosen Wolfskind-Fall. Allerdings lebt Monika Stephan schon seit 1951 nicht mehr in Litauen, sondern in der Nähe von Bitterfeld. Der Vertriebenenstatus konnte vom Landratsamt Bitterfeld bestätigt werden, die vollständige Klärung der Identität der Frau war bisher nicht möglich, selbst die Bemühungen des DRK sowie des Kirchlichen Suchdienstes scheiterten wegen zu geringer Angaben zu ihrer Herkunft. Dabei gibt es doch einige sehr konkrete Hinweise, die vielleicht über unsere Ostpreußische Familie etwas Licht in das Dunkel bringen könnten. Monika Stephan wurde 1943 oder 1944 in Memel geboren. Ihr Mädchenname wird mit Schmidt – mit Fragezeichen – angegeben. Die Frau meint, daß sie sich nach Kriegsende, mit der älteren Schwester, an deren Namen sie sich leider nicht mehr erinnert, zunächst in einem Stadtgebiet aufgehalten hatte. Laut Aussagen der Schwester sei die Mutter bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Die Schwestern sind auf dem Land betteln gegangen, wurden immer wieder verjagt, bis sie in einer kleinen Siedlung bei einem jungen Ehepaar Obdach fanden. Dieses hatte schon so viele Kinder aufgenommen, daß für die ältere Schwester kein Platz mehr war, sie mußte weiterziehen. Von da an hat Monika nichts mehr von ihr gehört.

Die Holzkate hatte blaue Fenster, besaß nur eine gedielte Stube und eine Küche mit Lehmboden, in der sich das ganze Leben abspielte. Hier stand auch die Hobelbank des Mannes, der wahrscheinlich Tischler war. Am Sonntag mußten alle Kinder mit in die Kirche, in der sich ein Kreuz mit einem Christus befand, dem sie die Füße küssen mußten. Besonders genau erinnert sich Frau Stephan an eine große, weiße Villa, zu der man über einen Feldweg gelangte und wo sich die Kinder aus den umliegenden Katen zum Spielen trafen. Eines Tages kamen zwei Männer, die alle Kinder, die nicht zur Familie gehörten, mitnahmen. Monika wurde eingekleidet und erhielt sogar Schuhe, die sie bis dahin nicht besessen hatte. Sie bekam ein Bündel mit Brot, Salz und Eiern sowie ein Märchenbuch für die Reise, die im Sommer 1951 mit einem gemischten Transport aus Litauen (Mariampol–Virbalis–Gumbinnen–Frankfurt/O.) nach Bitterfeld führte, so wie im Quarantänelager Wolfen unter der Nr. 44 als "Schmidt, Monika, geb. 1944" registriert wurde. Vielleicht hat sie diesen Namen bekommen, weil sich eine Frau Schmidt, die ebenfalls im Zug und im Lager war, sehr um das Kind gekümmert hat.

Soweit die Angaben, die Frau Stephan machen konnte. Es geht nun um die Frage, ob die ältere Schwester noch lebt und sich an die kleine Monika erinnert. Da mehrere Kinder in dem litauischen Holzhaus waren, die ebenfalls ausgewiesen wurden, könnten auch diese Personen etwas über Monika aussagen. Und schließlich dürften sich noch ehemalige Lagerinsassen, vor allem die genannte Frau Schmidt, an das damals sieben- oder achtjährige Kind erinnern. Unwahrscheinlich ist es dagegen, daß sich jemand aus Memel meldet, da ja nur der Vorname Monika bekannt ist. Frau Stephan hat dunkelbraune Augen und ist von kleiner Gestalt. Wer etwas zu diesem sehr komplizierten Fall sagen kann, wende sich am besten an Frau Brigitta Kasten, Bachstraße 10 in 30989 Gehrden. Die Anschrift von Frau Monika Stephan lautet: Straße der Chemiearbeiter 53 in 06766 Wolfen.

Ich habe dieses Schicksal so eingehend beschrieben, weil der winzigste Anhaltsgrund genügen könnte, um etwas Licht in das Dunkel zu bringen. So akribisch kann keine Institution arbeiten, so detailgetreu kann keine Anzeige sein, und ich bin sehr froh, daß mir hier der Platz zur Verfügung gestellt wurde.

Und den muß ich auch Eva Weidlich gewähren, denn sie hat mich in Leipzig verpaßt, der Saal war bereits vollbesetzt. Aber ich hätte dort auch nicht die Zeit gehabt, um ihre vielen Fragen zu notieren. Frau Weidlich hatte so gehofft, in Leipzig endlich einen Bekannten aus der Heimat zu finden, leider vergeblich – vielleicht klappt es jetzt über die Ostpreußische Familie. Sie hat kein leichtes Schicksal gehabt, weder als Kind noch auf der Flucht und danach in der Ostzone und der späteren DDR. Geboren wurde Eva Weidlich als Tochter des Ewald Hoffmann aus Hohenwiese, Kreis Elchniederung. Ihre Mutter Erna Hoffmann, geb. Böttcher, wohnte in Raging beim Bauern Schilling und arbeitete auf dem Hof von Kröhnert. Als das Kind sechs Jahre alt war, ließen sich die Eltern scheiden. Eva wuchs bei Verwandten in dauerndem Wechsel auf – "ich hatte vier Pflegemütter und eine richtige!" schreibt sie. Zeitweilig war sie in Pflege bei der Familie Kairies in Gr. Heinrichsdorf. Den Sohn dieser Familie, Horst Kairies, und seine Mutter hat die damals zehnjährige Eva Hoffmann im Januar 1945 auf einem Bahnhof verloren (sie schreibt Kohlberg, wahrscheinlich ist Kolberg gemeint). Sie sucht diese wie auch ihre Stiefmutter Meta Hoffmann aus Tilsit-Stadtheide, Dirschauer Weg, und auch deren Kinder, ihre Stiefgeschwister Udo, Siegfried und Waltraut. Weiterhin sucht sie Reinhardt Fröhling, mit dem sie zusammen im Kinderheim Gelbensande war. Er hatte eine Schwester Gisela, die nach Grunau ging. Frau Weidlich glaubt, daß Vater und Mutter mehrere Geschwister hatten – auch da hofft sie auf ein Lebenszeichen. Vielleicht meldet sich jemand von den hier Genannten. Frau Weidlich konnte ja bis zum Mauerfall nicht nach den Vertrauten aus ihrer Kindheit forschen. Jetzt als Witwe mit vier Kindern und sieben Enkeln hofft sie auf ein kleines Wunder. (Eva Weidlich, Andreas-Schubert-Straße 4 in 08209 Auerbach/Vogtl.)

Ich hatte eine Liste erwähnt, auf der die Namen von 59 Frauen verzeichnet sind, die, aus der russischen Gefangenschaft entlassen, im Waggon 4 eines Transportzuges nach Deutschland kamen. Jetzt hat mir Ilse Biebl, geb. Kowalzik, aus Zeisen, Kreis Lyck, genauere Daten mitgeteilt, da in Leipzig ja leider kein ausführliches Gespräch zustande kam. Es handelt sich um das Gefangenenlager 7445/12, das Teil von dem in Georgenburg befindlichen Hauptlager 7445 war. Der Transport fuhr im Oktober 1948 aus Heinrichswalde ab und kam nach 14tägiger Fahrt im thüringischen Suhl an. Nach der Quarantäne wurden im November 1948 die in der damaligen Ostzone Bleibenden in die betreffenden Orte entlassen, die Frauen, die in die westlichen Zonen wollten, kamen nach Hof-Moschendorf und von dort aus zu ihren Zielorten.

In diesem Zusammenhang sucht Ilse Biebl zwei Mädchen, die in Allenstein aus dem Zug geholt wurden und nicht mehr zu dem Transport zurückkamen. Sie hießen Waltraud und Edith Cichowski. Ferner sucht sie Helga Rathge aus der Königsberger Yorkstraße. Mit ihr zusammen floh Frau Biebl im Januar 1945 über das Frische Haff, die Mädchen waren damals 15 und 16 Jahre alt. Angeblich soll Helga Rathge mit einem Polizeibeamten verheiratet sein und in Leipzig wohnen (Ilse Biebl, Plinganser Straße 13 in 94086).

Und immer wieder Leipzig. "Anläßlich des Deutschlandtreffens kam mir der Gedanke, daß Sie mir vielleicht bei der Klärung einer noch ungelösten Frage helfen könnten", schreibt Irmgard Schindler. Ihre Mutter Charlotte Oddoy, geb. Marreck, geboren am 14. September 1906 in Mosdzehnen (Borkenwalde), wurde Anfang Februar 1945 von den Russen aus Peterswalde, Kreis Heilsberg, nach Rußland verschleppt. Sie war Ende 1944 mit einem Pferdefuhrwerk mit ihren Kindern und den Großeltern aus Jorken, Kreis Angerburg, nach Peterswalde geflüchtet. Nach ihrer Rückkehr aus der Gefangenschaft hat sie wenig über ihre Erlebnisse gesprochen und auch keine Aufzeichnungen gemacht. Deshalb ist Frau Schindler auch nicht bekannt, in welchem Lager ihre Mutter in der Sowjetunion gelebt hat. Und darüber hätte sie gerne etwas erfahren, kam aber bisher nicht weiter. Sie besitzt zwei Dokumente: Ein russische Bescheinigung vom 26. November 1946 mit der Nr. 61948 und einen Behandlungsschein 2 vom 27. November 1946 aus dem Umsiedlerlager Elsterhorst, gez. von Chefarzt Dr. Scheucher, Dr. med. Gerhold und dem deutschen Lagerkommandanten Stief. Der Name einer Schicksalsgefährtin aus dem Umsiedlerlager ist bekannt: Gretel Knop, sie wohnte später in Rüdersdorf bei Berlin. Nun unsere Fragen: Wer war mit Charlotte Oddoy zusammen im Lager und in welchem? Wer war in jener Zeit im Umsiedlerlager Elsterhorst und kann nähere Angaben machen? (Irmgard Schindler, Wisserweg 27 in 14089 Berlin.)

Seit dem Tod seines Vaters hat Ralf Leonhardt begonnen, die Wurzeln seiner Familie zu ergründen, und konnte schon gute Erfolge verzeichnen. Aber jetzt ist er an einem Punkt angelangt, an dem er nicht mehr weiterkommt und an dem er auf die Hilfe unserer Ostpreußischen Familie angewiesen ist. Es geht um seinen Urgroßvater Gustav Leonhardt, der 1869 in Raschung geboren wurde und mit seiner Ehefrau Marie, geb. Richter, ein Hotel in Mühlhausen hatte. Als seine Frau und eine gemeinsame Tochter in den 20er Jahren verstarben, verkaufte der Witwer das Hotel und zog zu seinem Bruder nach Königsberg, wo er 1933 verstarb. Ein 1924 in Königsberg aufgenommenes Foto zeigt ihn und seinen Sohn Herbert, den Großvater von Ralf Leonhard, der nun hofft, daß jemand aus jenen Königsberger Tagen etwas über die Familie Leonhardt aussagen kann. (Ralf Leonhardt, Schmiedestraße 8 in 25840 Friedrichstadt.)

Wieder viele Schicksale, viele Wünsche, viele Fragen und Hoffen auf Antwort. Mein Wunsch: Daß sich wenigstens einige erfüllen.

Eure

Ruth Geede