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16.09.00 Friedrich Nietzsche: "Nichts steht fest auf den Füßen ..."

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 16. September 2000


Friedrich Nietzsche: "Nichts steht fest auf den Füßen ..."
Der Philosoph als Künder und Deuter des Nihilismus
Von STEFAN GELLNER

Wohl kaum ein Philosoph oder Schriftsteller hat den christlichen Glauben schärfer als Friedrich Nietzsche kritisiert. Es dürfte kaum ein Zufall gewesen sein, daß der "Antichrist" Nietzsche biographisch auf das engste mit dem Christentum, genauer: mit dem protestantischen Milieu, verbunden war. Als Stichworte seien an dieser Stelle nur genannt: Röcken im preußischen Bezirk Merseburg, wo Nietzsche am 15. Oktober 1844 als Sohn eines Pfarrers geboren wurde. Im selben Bezirk liegen Eisleben, wo Luther das Licht der Welt erblickte, sowie Lützen, wo der schwedische König Gustav Adolf am 16. November 1632 als Verteidiger der Reformation fiel.

Diese geographischen Bezugspunkte waren jedoch nicht die einzigen "protestantischen Fakten" (Otto Flake) im Leben Nietzsches. Beide Großväter Nietzsches waren Geistliche: Friedrich August Ludwig Nietzsche (1756–1826), der zuletzt das Amt des Superintendenten in Eilenburg bekleidete, hatte promoviert und sich als Schriftsteller in christlich-aufklärerischem Geiste einen Namen gemacht. Der Großvater mütterlicherseits, David Ernst Oehler, bekleidete unweit von Leipzig das Amt eines Pfarrers.

Nietzsches Vater, Karl Ludwig Nietzsche, wird als sensible, musikalisch begabte, priesterliche Erscheinung charakterisiert. Er trat zunächst als Erzieher der Prinzessinnen am herzoglichen Hof von Altenburg in Erscheinung, ehe er 1842 auf Befehl Friedrich Wilhelms IV. die Pfarrstelle in Röcken bei Leipzig erhielt. Karl Ludwig Nietzsches Verehrung Friedrich Wilhelms IV. verdankt Friedrich Nietzsche im übrigen seine Vornamen. Der frühe Tod des Vaters bedeutete für den kleinen Friedrich einen herben Einschnitt, den dieser 1858 wie folgt charakterisierte: "Alle Freude war vorüber; Schmerz und Trauer waren an ihrer Stelle."

Auf den Tod des Vaters sollte ein Ortwechsel folgen: Im April 1850 zog Nietzsche mit seiner Mutter, der zwei Jahre jüngeren Schwester Elisabeth, der Großmutter Erdmuthe und den beiden Schwestern des Vaters nach Naumburg. Nietzsche wuchs also in rein weiblicher Umgebung auf. Ein Umstand, den viele Nietzsche-Deuter zum Ausgangspunkt für allerlei (fragwürdige) psychologisierende Spekulationen über die Gründe von Nietzsches Anti-Christentum wählten, auf die an dieser Stelle aber nicht weiter eingegangen werden soll.

Von Bedeutung im Hinblick auf die ersten literarischen Hervorbringungen Nietzsches ist sein früher kritischer Blick auf das Christentum, der deutlich unter dem Einfluß des Religionskritikers Ludwig Feuerbach (1804–1872) steht. Dessen philosophisches Hauptwerk "Das Wesen des Christentums", 1841erschienen, kulminierte in der Behauptung: "Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen: die Religion die feierliche Enthüllung der verborgenen Schätze des Menschen, das Eingeständnis seiner innersten Gedanken, das öffentliche Bekenntnis seiner Liebesgeheimnisse." Mit anderen Worten: Feuerbach behauptete, daß das Geheimnis der Theologie im Kern Anthropologie, also Rede vom Menschen , sei. Oder anders gewendet: Inhalt und Gegenstand der Religion deutet Feuerbach als zutiefst menschlich. An die Stelle der Theologie müsse deshalb die Psychologie als Wissenschaft vom natürlichen Menschen treten.

Nietzsche stellt, sichtlich von Feuerbach inspiriert, in einem 1862 erschienenen Fragment, das den Titel "Über das Christentum" trägt, fest: "... der Wahn einer überirdischen Welt hatte die Menschengeister in eine falsche Stellung zur irdischen Welt gebracht: Er war das Erzeugnis einer Kindheit der Völker ... Unter schweren Zweifeln und Kämpfen wird die Menschheit männlich: Sie erkennt in sich den Anfang, die Mitte, das Ende der Religion."

Diese Positionierung sollte für das weitere Denken Nietzsches im Hinblick auf das Christentum in dem Sinne bestimmend bleiben, als er sie mehr und mehr radikalisierte. Diese Radikalisierung findet einen ersten Höhepunkt in der Formel "Gott ist tot" in der 1882 erschienenen Aphorismen-Sammlung "Die fröhliche Wissenschaft", in der Nietzsches Figur des "tollen Menschen" die Folgen des Todes Gottes bzw. des Untergangs des christlichen Glaubens drastisch ausmalt. Hervorgehoben werden muß in diesem Zusammenhang, daß Nietzsche den "Tod Gottes" keineswegs als abgeschlossenes Ereignis deutet, sondern als Prozeß, dessen volle Entfaltung erst noch bevorsteht. Nietzsche geht es aber nicht nur um die Folgen des Verfalls der christlichen Religion als solcher. Er kündigt das allmähliche Verschwinden aller metaphysischen, moralischen und theologischen Wertsetzungen an. Den "Gott der Christen" wie auch den "Gott der Philosophen" deutet Nietzsche als Ausfluß der Selbstverneinung des Menschen. Der Mensch werfe "alles Nein, das er zu sich selbst, zur Natur, Natürlichkeit, Tatsächlichkeit seines Wesens, aus sich heraus ... als Gott". So ist die Religion nach Nietzsche "Ausdruck der décadence des Lebens" bzw. das "hybride Verfalls-Gebilde ..., in dem alle décadence-Instinkte, alle Feigheiten und Müdigkeiten der Seele ihre Funktion" hätten.

Nur am Rande sei an dieser Stelle eingeflochten, daß Nietzsches Begriff der "décadence" von dem französischen Schriftsteller Paul Bourget (1852–1935) inspiriert ist. Dieser deutete in seinen 1883 in Buchform veröffentlichten "Psychologischen Abhandlungen" "décadence" als Zeichen einer Gesellschaft, die nicht mehr lebensfähig sei, da das einzelne Glied sich in ihr über die Gesamtheit erhebe.

Mit der Ausrufung des "Todes Gottes" eng verbunden ist die von Nietzsche prognostizierte "Heraufkunft des Nihilismus". So schreibt Nietzsche: "Die Zeit, in die wir geworfen sind", ist "die Zeit des großen inneren Verfalles und Auseinanderfalls..." "Die Ungewißheit ist dieser Zeit eigen: nichts steht auf festen Füßen und hartem Glauben an sich."

Die "Heraufkunft des Nihilismus" ist unabänderlich, weil aus der Sicht Nietzsches alle obersten Werte den Keim ihrer Zerstörung in sich tragen. Diese Werte seien Erfindungen des Menschen, mit denen er das Leben zu bewältigen trachte. Ein Werteverfall setze dann ein, wenn der Ursprung der Werte aus den Bedürfnissen des Lebens vergessen werde. Anders formuliert: Es kommt immer dann zu einer Entwertung der Werte, wenn sich diese verabsolutieren, sprich: wenn man ihnen metaphysische oder religiöse Bedeutung beimißt. So ihres eigentlichen Ursprungs beraubt, werden die Werte, wird die Moral zu einem Phänomen der décadence. Die in dieser Moral zum Ausdruck kommende Abwendung vom Leben deutet Nietzsche als "Hinwendung zum Nichts". So ergibt sich die paradoxe Schlußfolgerung, daß die Moral, eigentlich gedacht als "das große Gegenmittel gegen den praktischen und theoretischen Nihilismus", zum Ursprung des Nihilismus werden kann. Unter "Nihilismus" versteht Nietzsche also einen Zustand, der aus dem Verfall des Glaubens an die alten Werteordnungen und Sinnsetzungen resultiert. Dieser Exkurs in Nietzsches Analyse der Genese des Nihilismus ist notwendig, um seine vernichtende Kritik des Christentums, die in den Formeln "Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, ...ich heiße es den einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit ..." ihren Ausdruck findet, verstehen zu können. Denn Nietzsche deutet das Christentum nicht zuvorderst als Glaubenslehre- und vollzug, sondern als Moral. Das Christentum steht für ihn als beispielhaft für die Selbstzerstörung der Moral und die damit verbundene Heraufkunft des Nihilismus. Nach Nietzsche ist das Christentum eine "nihilistische Religion", weil diese den "Gegensatzbegriff des Lebens, das Nichts, als Ziel, als höchstes Gut, als ,Gott‘ verherrlicht".

Die Radikalität dieses Ansatzes widerlegt die Versuche bestimmter theologisierender Nietzsche-Deuter, dieser sei im Grunde genommen ein verkannter "homo religiosus", der nur an bestimmten Ausformungen des christlichen Glaubens seiner Zeit Anstoß genommen habe. Um es deutlich zu sagen: Nietzsche will das Christentum nicht reformieren oder auf seine ursprüngliche Form zurückführen, sondern er will es ohne jede Einschränkung überwinden. Er will das Christentum beerdigen, um Platz für eine antichristliche Religion zu schaffen. Diesem Ziel insbesondere dient das im Herbst 1888 fertiggestellte (freilich erst 1895 publizierte) Werk "Der Antichrist". Ursprünglich sollte dieses Buch das erste eines auf insgesamt vier Bücher konzipierten Projektes mit dem Titel "Umwertung aller Werte" werden. Bezeichnenderweise verfügte Nietzsche als Untertitel dieser Abhandlung den Titel: "Fluch auf das Christentum". Erst Karl Schlechta setzte diese Verfügung in seiner von ihm herausgegebenen Werkausgabe 1956 um. Nach Nietzsche hebt die eigentliche Entwicklung des Christentums erst mit Paulus – und nicht mit Jesus – an. Jesus, so Nietzsche, "starb wie er lebte, wie er lehrte – nicht um ,die Menschen zu erlösen‘, sondern um zu zeigen, wie man zu leben hat. Die Praktik ist es, welche er der Menschheit hinterließ ..."

Paulus hingegen sei der Stifter des Christentums gewesen. Dieser entdeckte, daß der Glaube ein Heilmittel für solche sei, die unfähig seien, das zu tun, was sie für richtig hielten. Paulus sei weder in der Lage gewesen, das jüdische Gesetz zu befolgen, noch die wesentlich anspruchsvollere Lebensweise Jesu. Deswegen konstruierte er seinen eigenen Glauben an Christus als Rache am jüdischen Gesetz und allen denen, die es befolgen konnten. Paulus‘ christlicher Glauben sei Ausweg für alle diejenigen, die unfähig seien, ihre "Sünden loszuwerden". Diesen Ansatz hielt Nietzsche für den Kern der paulinischen, augustinischen und lutherischen Theologie.

Das Kreuz, an dem Jesus starb, ist aus der Sicht Nietzsches bei Paulus zum Einfallstor für unevangelische Rachedenken entartet. Das "Reich Gottes" sei als "Gericht über die Feinde" mißverstanden worden. Die frühen Christen hätten in das Evangelium "die ganze Verachtung und Bitterkeit gegen Pharisäer und Theologen" eingetragen und dieses damit in sein Gegenteil verkehrt. Diesen von "ressentiments" erfüllten Christen habe Paulus erst das Bewußtsein eingeimpft, "Christen" zu sein. Er setzte den Glauben an Christus an die Stelle eines Lebens wie Christus: "Der frohen Botschaft folgte auf dem Fuß die allerschlimmste: die des Paulus." In Paulus verkörpere sich der Gegensatz-Typus zum "frohen Botschafter", das "Genie im Haß, in der Vision des Hasses, in der unerbitterlichen Logik des Hasses." Insbesondere Paulus sei es zuzuschreiben, daß das Christentum zum Synonym für "alles Schwache, Niedrige, Mißratene" werden konnte. Das Christentum als die "Religion des Mitleidens" verneine das Leben. "Mitleiden", so Nietzsche, sei die "Praxis des Nihilismus". Ein Ausfluß dieser Mitleidens sei die Schwächung derjenigen Instinkte, welche auf "Erhaltung und Wert-Erhöhung des Lebens aus sind".

Folgerichtig sucht Nietzsche nach einem Prinzip, das die Totalität des Seienden und Möglichen umfaßt. Dieses Prinzip nennt Nietzsche den "Willen zur Macht". Nach Nietzsche ist das Leben der "Wille zur Macht". Dieser "Wille zur Macht" beschränkt sich keinesfalls nur auf den Bereich des Lebendigen im engeren Sinne. Auch die "unorganische Welt" führe den "Willen zur Macht". Das "innerste Wesen des Seins" sei "Wille zur Macht". Dieses Prinzip ist Nietzsches neue Gesamtdeutung der Wirklichkeit. Bei Licht betrachtet greift Nietzsche, der große Zertrümmerer der überlieferten abendländischen Metaphysik, an dieser Stelle selbst auf einen metaphysischen Gedanken zurück, versteht man unter Metaphysik die Gesamtdeutung der Wirklichkeit aus einem Prinzip. Dies gilt auch dann, wenn Nietzsche an die Stelle Gottes seinen "Übermenschen" stellt. Doch dieser Übermensch war nicht Nietzsches letztes Wort. In seinem Nachlaß finden sich vage Andeutungen über einen "neuen Gott", den Gott "Dionysos", der das "geheimnisreiche Symbol der höchsten bisher auf Erden erreichten Welt-Bejahung und Daseins-Verklärung" darstellen soll. An diesen Andeutungen Nietzsches zeigt sich: Auch der scheinbar kompromißlose Anti-Metaphysiker bzw. -Christ Nietzsche wollte und konnte nicht völlig auf ein Reden über Gott verzichten.