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16.09.00 Hauptkreistreffen in der Patenstadt im Zeichen der 660-Jahr-Feier

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 16. September 2000


"Wir Lötzener sind noch da!" 
Hauptkreistreffen in der Patenstadt im Zeichen der 660-Jahr-Feier

Neumünster – Zum zweiten Mal in diesem Jahr kamen die Lötzener Landsleute zusammen, um feierlich das Jubiläum ihrer Heimatstadt zu begehen. Waren es zu Pfingsten über 400 Landsleute, die auf heimatlichem Boden mit einem Gottesdienst und mehreren Festveranstaltungen das Stadtjubiläum feierten, konnte diese beachtliche Teilnehmerzahl beim Hauptkreistreffen in der Patenstadt Neumünster noch übertroffen werden.

Stadt und Kreis Lötzen haben eine wechselvolle wie auch leidvolle Geschichte erlebt. Die auf der Landenge zwischen Mauer- und Löwentinsee errichtete "Leczenburg" wurde erstmals vor rund 660 Jahren in einer Urkunde erwähnt. Sie lag an der schmalsten Stelle der Landenge, drei Kilometer westlich der heutigen Stadt Lötzen. 1365 zerstört, wurde sie um 1390 an der jetzigen Stelle als Steinbau wieder aufgebaut. In der Nähe der Ordensburg entstanden im Laufe der Jahre die beiden Siedlungen "Neuendorff" und "Leczen", die schließlich gemeinsam "Leczen" genannt wurden. Stadtrecht und Wappen erhielt Lötzen allerdings erst am 12. Mai 1612. Von schweren Schicksalsschlägen wurden die Bürger der Stadt seit jeher nicht verschont: Den Tatareneinfall 1657 wie auch die Pest Anfang des 18. Jahrhunderts mußte ein Großteil der Bevölkerung mit dem Leben bezahlen. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts blieb Lötzen eine bescheidene Ackerbürgerstadt. Mit dem Anschluß an die "Südbahn" von Königsberg nach Lyck 1868 und der Errichtung der Feste Boyen (1844 bis 1875) änderte sich dieser Status: Lötzen wurde zu einer Garnisons-, Beamten- und Fremdenverkehrsstadt.

Im Ersten Weltkrieg stark zerstört, erfuhr die Kreisstadt große Unterstützung beim Wiederaufbau durch den "Deutschen Kriegshilfeverein". Eine weitere hoffnungsvolle Entwicklung wurde jedoch durch den Zweiten Weltkrieg jäh zerstört: Am 20. Januar 1945 geräumt, wurde Lötzen vom 24. bis 26. Januar von der Roten Armee erobert. Unsägliches Leid erwartete die Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mußten, und nicht jedem war es vergönnt, im Westen einen Neuanfang zu beginnen.

Nach der öffentlichen Kreistagssitzung im Hotel Prisma führte dann auch der Weg der Lötzener, angeführt von Kreisvertreter Erhard Kawlath, in den Friedenshain der Patenstadt, um mit einer Kranzniederlegung den zahllosen Opfern, die bei der Verteidigung der Heimat und auf der Flucht ihr Leben lassen mußten, die Ehrerbietung zu erweisen. "Im Gedenken an unsere Toten aus Krieg und Vertreibung 1939–1944, Neumünster – Lötzen 1995" ist auf der Gedenktafel am Ostpreußenstein zu lesen. Ein Duplikat der Tafel wartet seit geraumer Zeit in Lötzen auf seine Aufstellung; wohl noch länger, denn der neu gewählte polnische Bürgermeister Marian Lemecha tut sich (noch) schwer mit dem Wort "Vertreibung".

Die anschließende Pause bis zum "Festlichen Abend" wurde von den Landsleuten zur Inspizierung der neuen Heimatstube in der Schleswiger Straße genutzt. Mit Recht können die Lötzener – nach ihrem Umzug aus den beengten Räumlichkeiten im Caspar-von-Saldern-Haus – stolz sein auf ihr neues, großzügiges Domizil. So viel gab es dort zum Stöbern und Entdecken, daß für manchen die reichlich bemessene Zeit bis zum Abend plötzlich doch noch knapp wurde.

In den Stadthallen Neumünster gab Nora Kawlath, seit Jahrzehnten emsige Geschäftsführerin der Kreisgemeinschaft, traditionell den Startschuß zum "Ball der Lötzener". Die Möglichkeit, bei flotter Musik der "Music Men con. Windrose" ausgiebig zu schwofen, wurde denn auch reichlich genutzt; und wenn der männliche Part fehlte, mußte auch schon mal die Tischnachbarin antreten. Als "kleinen Bonbon" für die Gäste, unter ihnen auch 43 Mitglieder des Deutschen Vereins in Lötzen, hatte man die "Hupfdohlen" der Tanzschule Prasse engagiert. Wahrlich untertrieben, war doch die Einlage der sieben Paare ein echtes "Sahnestück". Angeführt von einem Leierkastenmann erschienen sie wie zu Kaisers Zeiten gekleidet: die Herren stilecht mit Gehröcken, Gamaschen und weißen Handschuhen, die Damen mit Hut und Fächer ausgestattet. Wahre Begeisterungsstürme waren der Dank für ihren gekonnten und humorvollen Beitrag. Nach dem Auftritt der "Hupfdohlen" wurden dann auch die letzten Hemmungen bei den noch unschlüssigen Tänzern verworfen: Bis Mitternacht herrschte bei Foxtrott oder Wiener Walzer Gedränge auf der Tanzfläche.

Am nächsten Morgen lud zunächst Propst Jürgensen zu einem Gottesdienst im Restaurant der Holstenhallen. Zugegeben, ein etwas ungewöhnlicher Ort, doch schnell stellte sich heraus, daß man auch bei Sauerfleischgeruch und Akkordeon- statt Orgelmusik durchaus würdig zusammenkommen kann. Bei der anschließenden Mitgliederversammlung wurden gleich zwei Landsleute der Kreisgemeinschaft mit dem Ehrenzeichen der Landsmannschaft Ostpreußen geehrt: Kulturreferentin Helga Fago und Hans-Werner Erdt, Redakteur des Lötzener Heimatbriefes.

"Wir Lötzener sind noch da!" Mit dieser auf die große Teilnehmerzahl bezogenen Feststellung eröffnete Kreisvertreter Erhard Kawlath die offizielle Feierstunde zum Stadtjubiläum. Lang war die Liste der Ehrengäste, die Kawlath aufs herzlichste begrüßte, unter ihnen Dr. Sigurd Zillmann, Ministerialrat im Kieler Kultusministerium, Wilhelm v. Gottberg, Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Günter Stanke und Günter Petersdorf, LO-Landesgruppenvorsit-zende von Hamburg bzw. Schleswig-Holstein, Pfarrer i. R. Günter Braun, der die "noch tief im Herzen der Landsleute sitzende Andacht in Lötzen hielt", die Mitglieder des Deutschen Vereins Lötzen sowie 1. Stadtrat Ahrend als offizieller Vertreter Neumünsters. Leider nicht teilnehmen konnten Oberbürgermeister Hartmut Unterlehberg und Stadtpräsident Helmut Loose, die allerdings drei Monate zuvor durch ihre Anwesenheit bei den Feierlichkeiten in Lötzen demonstriert hatten, daß die Patenschaft zur Kreisgemeinschaft für die Stadt Neumünster nach wie vor einen hohen Stellenwert besitzt. Weniger Verständnis hatte man für die Absage des polnischen Bürgermeisters Marian Lemecha; sein Fernbleiben trotz Einladung versuchte die 2. Vorsitzende des Deutschen Vereins, Barbara Ruzewicz, mit dessen "eigenwilligem Verhalten" zu entschuldigen.

In seinem Grußwort ging der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm v. Gottberg, zunächst auf die Geschichte Ostpreußens, dem uralten deutschen Siedlungsgebiet, und speziell der Stadt und des Kreises Lötzen ein. Doch nicht nur deutsche, sondern – durch die Einwanderung von z. B. Franzosen und Österreichern nach der großen Pest – auch europäische Geistesgeschichte habe Ostpreußen geschrieben. Der Sprecher bedauerte, daß die heutige Jugend davon nichts mehr wisse: "Das erfüllt uns mit Schmerz, wie auch die Dreiteilung der Heimat." Des weiteren erinnerte v. Gottberg an die beispiellose Aufbauarbeit der Vertriebenen nach dem 2. Weltkrieg und die aktive Friedensarbeit für eine Versöhnung mit den Nachbarvölkern. Ausschließlich Vertriebene hätten, so v. Gottberg, den deutsch-polnischen Nachbar-schaftsvertrag von 1991 durch stete Besuche in der Heimat erst so richtig mit Leben erfüllt. Dafür stehe ihnen der Friedensnobelpreis zu, denn "niemand hat mehr für den Frieden getan".

Dieser Meinung schloß sich auch Ministerialrat Zillmann, langjähriger Wegbegleiter der Kreisgemeinschaft Lötzen, an. Er überbrachte die Grüße der schleswig-holsteinischen Landesregierung und sparte nicht mit Lob für die Heimatliebe der Lötzener und ihre Bemühungen, partnerschaftliche Beziehungen – wie sie am 1. Juni 2000 offiziell in Lötzen besiegelt wurden – zu den jetzt in Masuren lebenden Menschen aufzubauen. Diese Entwicklung sei vor allem der Verdienst eines Mannes: Erhard Kawlath, der "wenn er ein Ziel hat, dies – typisch Ostpreuße – auch erreichen möchte". Für die Vision Kawlaths, daß "sich aus der langjährigen Patenschaft der Stadt Neumünster zu den Lötzenern allmählich – gewissermaßen parallel – eine echte, offizielle Städtepartnerschaft entwickelt", hatte Zillmann allerdings keine guten Nachrichten: "Wenn der Landtag als Gesetzgeber nämlich nicht noch eine Änderung herbeiführt, wird es für diese Form grenzüberschreitender Zusammenarbeit ab dem Haushaltsjahr 2001 aus den bisherigen Haushaltsstellen, die ich verwaltet habe, keine Förderungen mehr geben, weil auch hier der Sparstift angesetzt werden soll. Das heißt: die Zuschüsse müssen in Zukunft von dort kommen, wo die Kosten entstehen, vor Ort!"

Am Beispiel seiner Heimatstadt Lütjenburg machte Zillmann allerdings Mut, daß Städtepartnerschaften dennoch weiterhin durchführbar sind: Für jede der vier Partnerschaften der Stadt gibt es eine siebenköpfige Kommission, bestehend aus Bürgern, die ein besonderes Interesse an den Partnerschaften haben. Vom Stadthaushalt erhält jede Kommission Finanzmittel in Höhe von 2500 DM, Restmittel dürfen in den nächsten Haushalt überführt werden. Der Etat ist für die Wahlperiode von vier Jahren festgeschrieben und bei allen drei Parteien im Rathaus unstrittig.

Im Anschluß an die offizielle Feierstunde, die musikalisch vom Chor des Deutschen Vereins Lötzen und dem Siedlerchor Neumünster unter Leitung von Nora Kawlath umrahmt wurde, blieb für die Landsleute noch reichlich Gelegenheit zum Plachandern und zum Schmieden neuer Pläne, wie zum Beispiel die Feier der goldenen Konfirmation im Sommer nächsten Jahres im heimatlichen Lötzen. Maike Mattern