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23.09.00 Eine Weltmacht auf Pump

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 23. September 2000


Eine Weltmacht auf Pump
Die Geschichte der Sowjetunion 1917–1991

Bei der Betrachtung des in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Endes der Sowjetunion drängt sich unweigerlich die Frage nach den Ursachen des Zusammenbruchs auf. Es muß hinterfragt werden, warum der erste Staat, der sich als Verwirklichung des Sozialismus in der Leninschen Interpretation des Gedankengebäudes von Marx und Engels begriff, das 20. Jahrhundert in gut 70 Jahren so tief prägen konnte wie außer ihm nur noch die Vereinigten Staaten, schließlich in eine tiefe Krise stürzte und letztendlich scheiterte.

Der Göttinger Historiker Manfred Hiltermeier (geb. 1948, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Göttingen) bietet in einer Gesamtdarstellung der Geschichte der Sowjetunion nicht nur den Geschichtsverlauf vom Untergang des Zarenreichs bis zu Gorbatschow, sondern stellt eine Ursachenanalyse ihres Scheiterns in den Vordergrund seiner Untersuchung.

Die Ursachen und Voraussetzungen für das Scheitern der Sowjetunion hängen zwangsläufig mit dem Untergang des Zarenreichs zusammen. Bereits mit dem Beginn der großen Reformen Alexanders II. in den 1860er Jahren entstand eine Kluft zwischen liberal-konstitutionalistischen und teilweise demokratischen Parteien einerseits und der sich konsolidierenden organisierten revolutionären Bewegung andererseits, so daß es zu einer doppelten Konfrontation zwischen autokratischem Staat und der liberalen "Gesellschaft" kam. Die Zarenregierung hatte jahrzehntelang gegen Agrarkrisen anzukämpfen, die in Bauernprotesten Ausdruck fanden. Weitere zu bewältigende Probleme taten sich mit der fortschreitenden Industrialisierung und der damit verbundenen Arbeiterfrage auf. Zar Nikolaus II. und seine Gefolgschaft demonstrierten mit Härte und Zwangsmaßnahmen ihre Unfähigkeit, den Problemen angemessen zu begegnen. Statt einer Liberalisierung und der Ausbildung demokratischer Formen wurde die Duma (das russische Parlament) mehrfach kurzerhand aufgelöst. Erschwerend für einen Übergang zur Demokratie in Rußland kam hinzu, daß sich in seiner Geschichte kein Bürgertum herausgebildet hatte. Der dritte Stand, von dem - wie in westlichen Staaten - revolutionäres Denken und ein Umbau der Gesellschaft hätte ausgehen können, fehlte.

Das russische revolutionäre Regime verkündete nach 1923 Aufgaben für die nahe und ferne Zukunft. Es definierte sich in vieler Hinsicht durch Leistungen, die erst noch zu erbringen waren, das heißt, die Gesellschaft lebte sozusagen auf Pump. Dabei rechtfertigten sich die Unzulänglichkeiten der Gegenwart durch das Versprechen einer bevorstehenden goldenen Zeit. Dies führte anfänglich zu einer Dynamik bei der Umsetzung der gesetzten Ziele, jedoch auch zu gravierenden Legitimationsproblemen von dem Augenblick an, in dem die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer offenkundiger wurde. So blieb seit 1917 der Problemdruck verbindend, das heißt, die fortdauernde Aktualität der Aufgabe, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und – eher aus der Perspektive der Massen gesehen – das materielle Lebensniveau des "Westens" zu erreichen, blieb vordringlich.

Die Revolution von 1991 verlief erstaunlich gewaltlos. Im Gegensatz hierzu war die Russische Revolution von 1917 bei allen langfristigen Ursachen vom Ersten Weltkrieg und dem nachfolgenden Bürgerkrieg nicht zu trennen. Die Sowjetunion dankte dagegen mitten im Frieden und bei minimaler Gewaltanwendung sang- und klanglos ab. Man kann gar von einer Implosion des Systems des sowjetsozialistischen Staates sprechen. Was sich zwischen 1985 und 1993 vollzog, war neben der national-regionalen Abspaltung ehemaliger Sowjetrepubliken vor allem der Untergang des sozialistischen Experiments auf russischem Boden.

Dafür lassen sich drei wahrscheinliche Ursachen vermuten: eine sozialistische, eine russische und eine extern-globale. Die Idee des sozialistischen Staates zerbrach am unaufhebbaren Gegensatz zwischen Ideologie und Realität, zwischen Theorie und Praxis. Ihn zu ignorieren und durch zahllose, vergebliche Reformen überbrücken zu wollen geriet zur Lebenslüge des Sowjetsozialismus. Dabei war die Sowjetunion von Beginn an tief von einer Dauerkrise getroffen. Es rächte sich bitter, daß sie durch Verstaatlichung die Selbstregulation der Wirtschaft und die Selbstverantwortung liquidierte. Folglich mußte der Staat unmittelbar für ökonomische Krisen und sämtliche Schwächen geradestehen. Ein weiteres Argument, das häufig als Ursache für das Scheitern angeführt wird, liegt in den Überhängen russischer Traditionen. Dabei beschäftigte der Kern der wirtschaftlichen Dauerkrise der Sowjetunion bereits die Fachleute des Zaren: die Agrarmisere. Die mangelnde Produktivität der Landwirtschaft wurde spätestens zum Problem, als um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein demographischer Zuwachs begann, den die Städte kaum bewältigen konnten. Aufgrund der zunehmenden Industrialisierung wurde die Landwirtschaft weiter vernachlässigt. Mit der Zwangskollektivierung verschärfte der Sowjetsozialismus eben jene Krise, der er seine Existenz maßgeblich verdankte. Obwohl die sowjetische Gesellschaft durchaus gegliedert und differenziert war, taugten die Trennlinien, die sie durchzogen, nicht als identitätsstiftende Grenzen politischer Organisierung und Zugehörigkeit. So fehlten der neuen Demokratie in Rußland taugliche Vorbilder und Stützen, während die ostmitteleuropäischen Gesellschaften auf die Vorkriegstradition zurückgreifen konnten.

Äußerlich trug die Sowjetunion eine enorme wirtschaftlich-finanzielle Last, die sich aus Stalins territorialen Ambitionen und dem sowjetischen Anspruch auf militärische Gleichrangigkeit mit den Vereinigten Staaten ergab. Dieses imperiale Machtstreben wuchs aus einem Geltungsbedürfnis heraus, hinter dem sich ein durchaus fragiles Selbstbewußtsein verbarg. Es wurde zunehmend schwieriger, die hohen Kosten für die Wettrüstung aufzubringen. Die Bedürfnisse der Bevölkerung mußten hinter diesbezüglichen Bestrebungen zurückstehen. Als dann die Wende in Ostmittel- und Südosteuropa vom Herbst 1989 und die deutsche Wiedervereinigung die ersehnte Entlastung brachten, die Kapazitäten für andere Zwecke hätte freisetzen können, gab es bereits keinen funktionierenden Produktionsverbund mehr. War es Stalin noch möglich gewesen, die kommunikative Verflechtung mit der Außenwelt zu unterbinden, so ließ sich der äußere Einfluß seit den 60er Jahren immer weniger verdrängen. Mit dem Kontakt zur Außenwelt wurde jedoch die alltägliche Realität des Lebens in der Sowjetunion sichtbar.

Hiltermeier gliedert die Gesamtdarstellung in vier größere Zeitabschnitte, die den Geschichtsverlauf der Sowjetunion wesentlich bestimmt haben. Ein erster Abschnitt gilt der Oktoberrevolution von 1917 bis zur Wende 1929/1930 mit dem Staatsstreich vom Oktober 1917 und dessen Verteidigung in den Folgejahren, der gesellschaftlichen Veränderungen der NEP (Neue Ökonomische Politik), die fundamentale Wechsel in der Herrschafts-, Wirtschafts- und Sozialstruktur Rußlands brachten. Weitere Abschnitte behandeln die so-wjetische Zwischenkriegsgeschichte (1929/30–1941), Kriegs- und Nachkriegszeit bis zum Tode Stalins 1953 und die Zeit seit der Enststalinisierung unter Chruschtschow.

In seiner Schlußbetrachtung folgert der Autor: "Die monokratische Organisation von Herrschaft, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, so ließe sich die Essenz dieser Deutung zusammenfassen, war auf Dauer nicht mit der Flexibilität zu vereinbaren, die eine moderne Gesellschaft aufweisen muß, wenn sie ihre Konkurrenzfähigkeit nicht verlieren will." (S. 1091.)

Einen optimistischen Ausblick für das heutige Rußland hält der Autor trotz des negativen Geschichtsverlaufs bereit. Realistischerweise sei Demokratie auf ehemals zarischem Boden ohne echten Föderalismus nicht zu haben. Die Hoffnung für Rußland liege in den Regionen, von denen die Erneuerung ausgehen müsse. MRH

Manfred Hiltermeier: Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, C. H. Beck Verlag, 1998, 1206 Seiten, geb., 98 Mark